In den Ruinen Manhattans
New York - Doch der unglaubliche Terrorschlag gegen das westliche Wirtschaftszentrum sitzt ihm deutlich vernehmbar noch in allen Gliedern. Am Telefon klingt er erschöpft, seine Stimme zittert. Der 26-jährige deutsche Staatsbürger arbeitet seit einem Monat bei der Investmentbank Morgan Stanley, die für rund 3500 Mitarbeiter im WTC 20 Stockwerke angemietet hat, darunter das 73. im Südturm.
Als das erste Flugzeug in den Nordturm einschlug, ging Ücözler mit einigen Kollegen die Treppen hinunter in den 44. Stock, wo sich eine Cafeteria befand. Sie spekulierten darüber, was sich im Nordturm wohl ereignet habe, sagt Ücözler gegenüber SPIEGEL ONLINE. Ein Helikopter könnte in das Gebäude geflogen sein, mutmaßten sie. Nicht ahnend, dass bereits ein zweites Flugzeug auf dem Weg war, um den Südturm zu zerschmettern.
Die Sicherheitsbeamten auf der 44. Etage versuchten, die Leute in der Cafeteria zu beschwichtigen, als diese im Fernsehen sahen, was sich im Nordturm des Wolkenkratzers ereignet hatte. "Bleibt, wo ihr seid oder geht zurück in eure Büros." Auch sie ahnten nicht, was auf sie zukam. Ihnen ging es darum, eine Panik in dem Gebäude zu vermeiden. Einige Angestellte nahmen den Lift, um wieder in ihr Büro zurückzukehren.
Zwei, drei Minuten später, so Ücözler, gab es einen Höllenschlag. Zirka zehn Stockwerke über der Cafeteria, dort, wo die Etagen von Morgan Stanley begannen, war ein zweites Passagierflugzeug mit voller Wucht in den Turm gedonnert. "Wir waren mittendrin in der Explosion", sagt Ücözler fassungslos. Trümmer flogen ihnen entgegen. "Wir dachten, die Explosion habe uns direkt getroffen." Später erfuhr der Makler, dass aus der Cafeteria wie aus anderen Stockwerken Menschen aus den Fenstern in die Tiefe gesprungen waren.
Zusammen mit einer Kollegin gelang es Ücözler, eine der beiden erreichbaren Treppen hinunterzulaufen. "Wir wussten immer noch nicht, was geschehen war. Wir alle dachten, im anderen Gebäude habe sich eine Gasexplosion ereignet", sagt er, deshalb sei es zunächst auch zu keiner Massenpanik im Südturm gekommen.
Unten angekommen, durfte Ücözler den Komplex nicht verlassen. "Draußen hagelte es Trümmer", sagt er und hustet ins Telefon. Seine Lungen sind wegen der durch die Explosion freigesetzten Gase auch noch 24 Stunden nach der Explosion lädiert. Polizisten leiteten ihn und die mit ihm Entkommenen durch eine Shopping Mall unter dem Gebäude durch. "Dort wurden wir von der Polizei rausgeholt."
Ücözler und seine Kollegin nahmen die nächste U-Bahn zum Time Square. Dort wurde ihnen das Ausmaß der Katastrophe vor Augen geführt: Auf einer Leinwand sahen sie die Fernsehwiederholungen wie das zweite Flugzeug in den Südturm raste. Etwa zehn Stockwerke über der Cafeteria, dort, wo er und seine Kollegen gearbeitet hatten.
"Das Flugzeug ist direkt über unseren Köpfen rein", sagt Ücözler und ringt um Fassung. "Oh mein Gott, haste mal wieder Schwein gehabt!" Die Leute, die im 55. Stock waren, haben mit Sicherheit nicht überlebt. Fünf Minuten bevor das Flugzeug einschlug, war er selbst noch im 55. Stock, als er auf dem Weg in die Cafeteria war. Ücözler hustet und kämpft mit den Tränen. "Jetzt höre ich im Fernsehen, dass ungefähr 10.000 Leute gestorben sind." Er weint und sagt mit brüchiger Stimme: "Unglaublich!"
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