Verunglückter ICE: Fast wäre es zur Katastrophe gekommen
Efringen-Kirchen - Den Traktorfahrer muss das nackte Entsetzen gepackt haben: Am Morgen kommt der 40-Jährige beim Pflügen an einem steilen Weinberg nahe Efringen-Kirchen ins Rutschen, stürzt mehr als 20 Meter in die Tiefe und bleibt auf der ICE-Strecke zwischen Basel und Freiburg liegen. Schwer verletzt kann der 40-Jährige noch aus dem Wrack auf den Schotter neben die Schienen kriechen, dann prallt der ICE600 mit 80 Stundenkilometern in den Traktor, schleift ihn mehr als hundert Meter mit und zertrümmert das Fahrzeug in seine Einzelteile.
Sofort nach dem ersten Alarm eilen mehr als 50 Polizisten von Bundesgrenzschutz und Polizei sowie 50 Helfer von Feuerwehr, THW und Rotem Kreuz zur Unfallstelle hinter dem Ausgang des Kirchbergtunnels, der 129 Meter lang ist. Die ersten Meldungen erinnern an den fatalen Unfall eines ICE nahe Eschede im Jahr 1998 mit 101 Toten.
Ein Rettungshubschrauber bringt den schwer verletzten Traktorfahrer in die Freiburger Universitätsklinik. Die rund hundert Passagiere in dem ICE-Zug "Solingen" mit Endstation Dortmund bleiben aber wie durch ein Wunder unverletzt, lediglich eine Frau klagt anschließend über Kreislaufprobleme. Auch der Lokführer blieb unverletzt, erlitt aber einen Schock. Anwohner in Istein berichteten, der Traktorfahrer sei eine Aushilfe gewesen und habe den Weinberg nicht gut gekannt.
Eisenbahner untersuchen den entgleisten Zug
Die Passagiere werden in den noch funktionstüchtigen hinteren Zugteil umgesetzt und in den Bahnhof Efringen-Kirchen geschleppt. Von dort geht es mit Bussen weiter Richtung Freiburg. Einzelne Fahrgäste verließen den Unglückszug auf eigene Faust, riefen über Handy ein Taxi und reisten so mit nur geringem Zeitverzug weiter.
Erst Stunden später wird klar, dass es beinahe zu einem fatalen Zusammenstoß mit einem zweiten ICE-Zug gekommen wäre, der im selben Moment die Unfallstelle in entgegen gesetzter Richtung passierte. Glücklicherweise streiften nur die letzten beiden Wagons des ICE271 Richtung Basel den aus den Gleisen gesprungenen Triebwagen des Unglückszugs.
Bei der Beinahe-Kollision kam es nicht zu größeren Schäden, berichtete vor Ort der für den Schweiz-Verkehr zuständige Sprecher der Deutschen Bahn, Jürgen Lange. Der nur angeschrammte ICE271 sei in Basel inspiziert worden und habe seine Fahrt fortgesetzt. "Im ersten Moment bin ich schier erschrocken", sagte Lange am Unfallort. "Jetzt bin ich gottfroh, dass der Unfall so abgelaufen und nicht mehr passiert ist."
Nach Angaben des Frankfurter Bahnsprechers Martin Walden hatte der hintere Zugteil eine Delle sowie Kratzspuren; eine Tür sei defekt gewesen. Der Zugführer und auch die Passagiere hätten nichts gemerkt und seien erst über Funk informiert worden.
Die zunächst voll gesperrte Strecke wurde nachmittags auf einem Gleis wieder frei gegeben. Zwischen Basel und Freiburg und auch zwischen Efringen-Kirchen und Mühlheim in Baden verkehrten Ersatzbusse.
Der glimpfliche Ausgang des Zugunglücks ist vor allem auf das geringe Tempo auf diesem Teilabschnitt der Rheintalbahn zurückzuführen. "Hier ist wegen der bergigen und kurvenreiche Strecke lediglich Tempo 80 erlaubt", sagte Bahnsprecher Lange. Erhebliche Schäden entstanden an den Gleisen, zwei Fahrleitungsmasten und der Oberleitung.
Karl-Heinz Zurbonsen, AP
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