Von Sebastian Borger, London
Es war die ganz große Zeit des Andrew Morton: In den neunziger Jahren, vor allem direkt nach dem Unfalltod von Prinzessin Diana 1997, war der Sensations-Biograf der selbsternannten "Königin der Herzen" ein gefragter Kolumnist und Talkshow-Gast. Doch die Zeiten ändern sich: Wenn der 54-Jährige dieser Tage wieder einmal in den Gazetten seiner englischen Heimat auftaucht, geht es häufiger um sein eigenes Leben als um die Reichen und Mächtigen, denen er in seinen Bücher nachspürt.
Nach der Scheidung von seiner Frau ging Morton vor zwei Jahren eine neue Beziehung mit der Unternehmerin Janie Schaffer ein, die einst die Unterwäsche-Kette "Knickerbox" mitgegründet hatte. Die Boulevard-Zeitungen amüsierten sich: Morton widme sich "nach der Königin der Herzen nun der Königin der Höschen".
Mit dem Spott seiner früheren Kollegen und Anwürfen wegen seiner vermeintlich "bizarren" sexuellen Präferenzen hat der Autor ebenso leben gelernt wie mit den Klagen jener Stars, deren unautorisierte Lebensgeschichten er in den vergangenen Jahren niederschrieb. Seine gerade in den USA erschienene Biografie über Schauspieler und Scientology-Frontmann Tom Cruise macht da keine Ausnahme. Als "verleumderischen Angriff voller Lügen" brandmarkte ein Statement der Sekte das Buch, was angesichts des häufig überschäumenden Scientology-Jargons noch als milde zu gelten hat.
Cruises Anwalt Bert Fields sprach "von verrücktem kranken Zeug. Der Mann sollte sich schämen". Ausgeprägtes Schamgefühl gehört freilich nicht zu den herausragenden Eigenschaften des studierten Historikers. Sein Erfolg mit Dianas "True Story" - so der Buchtitel - fußte auf der gänzlich unkritischen Wiedergabe dessen, was ihm die Prinzessin durch Mittelsmänner in die Feder diktiert hatte.
Auch Mortons Zusammenarbeit mit Monica Lewinsky, der Sexualpartnerin des früheren US-Präsidenten Bill Clinton, mündete in ein öliges, sentimentales Buch. Immerhin verkaufte sich die Skandalgeschichte besser als die autorisierte Biografie des früheren Präsidenten Kenias, Daniel arap Moi.
Seither hat sich "die führende Autorität in Celebrity-Fragen", so Mortons Eigenwerbung, auf das Verfassen feindseliger Biographien verlegt – und sich regelmäßig den Zorn der Objekte seiner Neugierde zugezogen.
Morton sei ein "ekelhafter Schleicher", befand Bob Geldof, Madonna war "verärgert" über ihren Biografen. "Spice Girl" Victoria Beckham und ihr Fußballer-Mann David wollten Mortons Buch über ihre stürmische Ehe aus den Läden fernhalten - der Rechtsstreit endete in einem Vergleich.
Ob dem in London lebenden Autoren mit dem Cruise-Buch Ähnliches droht? Den Markt dafür dürfte Morton vor allem in den USA und in Deutschland finden. In Großbritannien wird weder das Treiben der Sekte noch das ihrer schneidigen Galionsfigur Cruise besonders zur Kenntnis genommen. Eher amüsiert beobachtet man dort, wie aufgeregt zum Beispiel in Deutschland das Thema diskutiert wird.
Zwei Jahre lang hat Morton in Sachen Scientology-Star recherchiert, mit früheren Lehrern und Freundinnen gesprochen – aber, so die Sekte selbst, "mit niemandem, der Tom wirklich gut kennt". Morton erläutert sein Interesse an Cruise mit dessen Berühmtheit: Der Schauspieler sei "der Inbegriff einer weltweiten Celebrity".
Wie Prinzessin Diana eben. Als Boulevard-Reporter hatte Morton in den achtziger Jahren immer wieder sympathisierend über die junge Frau geschrieben, die ihre Ehe mit dem britischen Thronfolger bald als Gefängnis empfand. Morton sei "aufmerksam" und neigte von allen Königshaus-Reportern "am wenigsten zu Bösartigkeiten", schrieb einst Jonathan Dimbleby über Morton – von Prinz Charles' autorisiertem Biografen war dies ein hohes Lob.
Als Mortons Enthüllungsbuch "Diana - ihre wahre Geschichte" 1992 auf den Markt kam, avancierte der Autor über Nacht zum Staatsfeind Nummer eins. Wenn Journalisten wie der Diana-Biograf "in anderer Leute Seelenleben hineinpfuschen", urteilte der britische Presserat, komme es zu einem "abscheulichen Schauspiel".
Morton sei "nicht einmal als Bordell-Pianist" zu gebrauchen, donnerte der "Daily Telegraph". Der Pressesprecher des Königshauses versuchte es mit Herablassung. "Sie kennen doch Morton", näselte Richard Aylard, "ein bisschen Wissen, ein bisschen Erfindung".
In Wahrheit war Mortons Buch zwar nicht gerade "die Enthüllung des Jahrhunderts", wie der Autor behauptete. Doch immerhin war ihm ein Coup gelungen: Zum ersten Mal wurde das Seelenleben eines Miglieds der königlichen Familie detailliert und fast tabulos dokumentiert.
Nach Dianas Tod im August 1997 veröffentlichte Morton in einer Neuauflage seines Buches den Wortlaut jener Tonbände, die Diana für ihn besprochen hatte. Damit war sein kontroverser Ruf zementiert – einerseits als Top-Quelle im jahrelangen Enthüllungskrieg um die tote Prinzessin, andererseits als geschickter Geschäftemacher.
Dass Andrew Morton wegen seiner neuen Star-Biografie nun erneut mit teilweise harscher Kritik überzogen wird, dürfte ihn wenig stören. Hauptsache, er steht wieder im Scheinwerferlicht.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH