Aus Washington berichtet Alexander Schwabe
Washington - Es ist Punkt 16 Uhr. Die Tür der Boeing 777 der Alitalia öffnet sich nach zehnstündigem Flug von Rom. Benedikt XVI. tritt aus der Maschine. Oben auf der Gangway streckt er beide Arme in die Höhe. Ihm gegenüber im Hintergrund brandet Jubel auf. Papst-Fans, auf zwei eigens installierten Zuschauerbühnen plaziert, winken mit Vatikanfähnchen auf der sonst sehr leblos wirkenden Andrews Air Base rund 20 Kilometer vor Washington.
Herzlicher Empfang: Bush und Papst Benedikt XVI. auf dem Rollfeld
Während der Papst den Gläubigen zurückwinkt, schreitet der Landesherr, US-Präsident George W. Bush, strammen Schrittes auf rotem Teppich durch zwei Reihen Spalier stehender Ehrengardisten hindurch auf die Gangway zu. Hinter ihm Ehefrau Laura und Tochter Jenny, die kaum Schritt halten können. Noch nie hat er hier einen Besucher persönlich abgeholt.
Bush zieht es geradezu zum Heiligen Vater. Als dieser ihm die Gangway herab entgegenkommt, spendet ihm Bush, noch immer mit Zug vorwärts strebend, gar mit gehobenen Händen Applaus.
Herzlicher kann ein Empfang kaum sein.
Die beiden mögen sich. Bush hat seine Bewunderung für Benedikt mehrfach geäußert, beinahe naiv: Er würde sich am liebsten ständig mit so einem intelligenten und gebildeten Menschen unterhalten, sagte er nach dem letzten Treffen der beiden im Vatikan. Und Benedikt bringt Bush höchsten Respekt entgegen - zumindest als dem Repräsentanten einer Nation, die durch und durch religiös ist und in der das Staatsoberhaupt gegen Abtreibung, Embryonenforschung und Homo-Ehe kämpft.
Bush, der sich seit seinem 40. Lebensjahr als wiedergeborener Christ bezeichnet, der dem Alkohol abgeschworen hat, in der Bibel liest und regelmäßig betet, profitiert von Benedikts Wohlgefallen an seinem Land, in dem die "Diktatur des Relativismus" noch nicht in dem Maße um sich gegriffen hat wie im nihilistischen Europa. In God's own country gelten noch Werte!
Benedikt besucht eine Gesellschaft, in der civil religion zu den Grundpfeilern gehört, eine neben den Kirchen fest eingewurzelte religiöse Haltung, die sich in Verantwortungsgefühl, Eigeninitiative und Ordnungssinn zeigt und die nach Auffassung des französischen Historikers und Staatstheoretikers Alexis de Tocqueville wichtiger für die amerikanische Union ist als die Verfassung.
Für all das steht Bush - und all das schätzt der Papst. Dabei sind der Hirte aus Rom und der Rancher aus Texas komplett unterschiedliche Charaktere: Hier der feinsinnige Denker, der gerne geistreiche Bücher schreibt und ebenso gern Mozart spielt, dort das Raubein, das am liebsten Cowboystiefel, -hut und Blue Jeans trägt, gehalten von einem Gürtel mit überdimensionierter Schnalle.
Doch für den Papst sind Allianzen jenseits solcherlei Habitus-Huberei wichtig. In Amerika meint er einen starken, auf gemeinsamen Werten gründenden Verbündeten zu haben, der im wahren Kampf der Zukunft an seiner Seite stehen wird. Und dieser Kampf resultiert für ihn keinesfalls aus dem viel gefürchteten clash of cultures, dem Zusammenstoß der Kulturen. Die wahre Front verläuft für ihn nicht zwischen den Weltreligionen, sondern zwischen den wahrhaft Gläubigen innerhalb der Religionen - was auch Friedfertigkeit aus Vernunftgründen einschließt - und der entweder ungläubigen, dem Relativismus frönenden oder aber fanatischen Welt.
Wie der Papst auf seiner ersten USA-Reise Politik macht
Nicht zuletzt um für diesen Konflikt gerüstet zu sein, umgibt sich Benedikt gerne mit konservativen Politikern. Er trifft sich lieber mit Berlusconi als mit Zapatero, lieber mit Bush als mit Lula. Auf das Geschäft der Tagespolitik nimmt er dabei in seinem Umfeld wenig Rücksicht. Etwa lud er zum Missmut vieler Italiener vor zwei Jahren mitten in der heißen Wahlkampfphase führende Mitte-rechts-Politiker zu sich ein. Neben Silvio Berlusconi den Senatspräsidenten und Forza-Italia-Spitzenpolitiker Marcello Pera, mit dem er das Buch "Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der Europäischen Kultur" herausgebracht hatte. Im gerade beendeten Wahlkampf in Italien scheute sich Benedikt auch nicht, den (unterlegenen) Mitte-links-Kandidaten Walter Veltroni zu brüskieren, indem er den früheren Bürgermeister von Rom angesichts der Missstände in der Stadt öffentlich rügte.
Auch auf seinem sechstägigen USA-Besuch, seiner achten Auslandsreise seit Amtsantritt, macht Benedikt Politik - auch wenn sie der Vatikan als reinen Pastoralbesuch zu verkaufen sucht. Mit dieser Visite bricht der Heilige Stuhl mit einer Tradition, sich in Wahljahren fernzuhalten. Selbst wenn er nicht direkt in den Wahlkampf eingreifen wird - es gibt keine Treffen mit den möglichen Kandidaten Hillary Clinton, Barack Obama und John McCain - so wird er durch seine bloße Anwesenheit in Washington und New York (von seinen Reden zu schweigen) Werbung für den "pro life"-Republikaner McCain machen und dem Demokratenlager Wähler abspenstig machen, haben sich doch Clinton und Obama in der Abtreibungsdebatte für eine Wahlmöglichkeit der Frau ausgesprochen.
Der Vorliebe Benedikts zu rechten Politikern entspricht bei Bush die Zuneigung zum Pontifex - auch aus persönlichen Gründen. Denn Bush verdankt dem Mann in der weißen Robe nicht weniger als seine zweite Amtszeit. Der Pulitzerpreisträger Jack Miles ("Gott. Eine Biographie") hat bereits 2005 analysiert: Bush ist Präsident von Ratzingers Gnaden. Bei der letzten Präsidentschaftswahl trat der Methodist Bush gegen den Katholiken John Kerry an. Doch der damalige Vorsitzende der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, griff den Katholiken an, nicht den Protestanten.
Ratzinger hatte während des Wahlkampfs einen Brief an die amerikanischen Bischöfe geschrieben, in dem er sie aufforderte, jedem katholischen Kandidaten, der nicht für ein Abtreibungsverbot eintrat, die Kommunion zu verwehren. Und nicht nur der Kandidat Kerry, sondern jeder, der ihm seine Stimme gebe, mache sich der "förmlichen Mitwirkung am Bösen schuldig".
Geburtstagsparty im Weißen Haus
Das Ergebnis: "geringfügige Verschiebungen in der Wählerschaft" mit "enormen Konsequenzen", so schrieb Miles in der "FAZ". Diese Verschiebungen reichten aus, um die Wahl zu entscheiden: "Drei Staaten - Ohio, Iowa und New Mexico - stellten sich dank der Stimmen der katholischen 'Gläubigen' auf die Seite Bushs." Andernfalls hätte Kerry, so der politische Kommentator Sidney Blumenthal, "eine Mehrheit von einer Million Stimmen gehabt".
Insofern kann die gigantische Party mit 12.000 Geladenen, die Bush für Benedikt heute Nachmittag (MEZ) zu dessen 81. Geburtstag im Garten des Weißen Hauses schmeißt, durchaus als Dankesgeste gesehen werden. Bush weiß: Diesem Gast verdankt er in doppeltem Sinne, dass er der Gastgeber ist. Die unterschiedliche Haltung Washingtons und des Vatikan zum Irak-Krieg, zur Todesstrafe und zu einem fairen Umgang mit dem Milliardenheer der Armen auf dieser Welt sollte der vorzüglichen Stimmung keinen Abbruch tun.
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