Bangkok/Rangun - Bis gestern hatten sie noch von 23.000 Todesopfern gesprochen - inzwischen geht die Militärregierung Burmas von 80.000 Toten aus. Allerdings gilt diese Zahl nach Angaben eines Militärsprechers alleine für den Bezirk von Labutta. Die Stadt liegt im Irrawaddy-Delta, dem Zentrum der Verwüstungen durch den Zyklon "Nargis". Von 100.000 Toten nach dem Wirbelsturm sprechen US-Diplomaten in dem asiatischen Land.
So verheerend das Ausmaß der Katastrophe sich immer mehr darstellt, so stur stellt sich die Junta nach wie vor gegenüber den Hilfsangeboten aus dem Westen. Auch der Uno-Weltsicherheitsrat wird daran nichts ändern: Die Vereinten Nationen werden die burmesische Militärregierung nicht zwingen, zur Versorgung der Opfer des Zyklons "Nargis" internationale Hilfe ins Land zu lassen. Der Sicherheitsrat lehnte am Mittwoch einen entsprechenden Vorschlag Frankreichs ab. Nach Angaben von Uno-Diplomaten sprachen sich acht der 15 Ratsmitglieder dagegen aus. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon appellierte jedoch an die Regierung in Rangun, der internationalen Unterstützung den Weg zu ebnen.
Möglicherweise lenkt die Junta jedoch langsam ein: Die Militärregierung erlaubte am Donnerstag die ersten größeren internationalen Hilfsflüge. Vier Flugzeuge mit dringend benötigten Lebensmitteln starteten daraufhin im Auftrag des Uno-Welternährungsprogramm (WFP) nach Rangun. Es sei wichtig, die Hungernden und Obdachlosen so schnell wie möglich mit Fertiggerichten zu erreichen, erklärte die Uno-Organisation.
Der Druck auf die Junta wächst dennoch: US-Außenministerin Condoleezza Rice forderte die Regierung am Mittwoch auf, internationale Hilfe ins Land zu lassen. "Das ist keine politische Angelegenheit, sondern es handelt sich um eine humanitäre Krise", sagte Rice in Washington. Rice zeigte sich "tief besorgt angesichts der sich ausweitende humanitären Krise in Birma". "Das ist die Art Krise, die nur noch schlimmer wird", sagte sie nach einem Treffen mit dem mazedonischen Außenminister Antonio Milososki.
Die Situation rund um die Hauptstadt Rangun sei "entsetzlich", sagte Shari Villarosa, die höchstrangige US-Diplomatin in dem Land. "Das Risiko von Seuchen erhöht sich mit jedem Tag", sagte sie in einem Telefongespräch mit Reportern. Das US-Militär habe Hunderte Helfer und Flugzeuge in Bereitschaft, die nur darauf warteten, grünes Licht von der Militärjunta zu bekommen.
"Das Regime in Burma ist paranoid", sagte Villarosa, "besonders, was die Vereinigten Staaten angeht". Das Weiße Haus hatte Burma in der Vergangenheit offen wegen Verstößen gegen die Menschenrechte kritisiert. Teile des Regimes würden den Ernst der Lage allmählich erkennen, sagte die Diplomatin.
25 Euro für einen Sack Reis
Bei den Überlebenden fehlt es an allem: Ein Mann sitzt mit offenen Wunden einfach da, Blut läuft seinen Rücken hinunter. Kinder, gerade zu Waisen geworden, sehen zu, wie Leichen in die Flüsse von Bogalay geworfen werden. Die Menschen hocken in Häusern ohne Dächer, als einziger Schutz vor dem stetig fallenden Regen dienen ihnen Sonnenschirme.
So schildert CNN-Korrespondent Dan Rivers, der als erster westlicher Journalist mit seinem Team in die Katastrophenregion vordringen konnte, die Situation in Burma. Der Lebensmittelvorräte der meisten Menschen, denen der Reporter begegnet, sind fast erschöpft. Wie es weitergehen soll, weiß niemand.
Auf den Märkten von Rangun hat sich der Preis für Reis, Speiseöl und Trinkwasser inzwischen verdoppelt. In einem Vorort der Großstadt mussten für einen Sack Reis umgerechnet 25 Euro bezahlt werden - ein astronomischer Preis in einem Land, in dem die meisten Menschen mit weniger als zwei Dollar (1,30 Euro) pro Tag auskommen müssen. Inzwischen gab es erste Ausschreitungen in den wieder geöffneten Geschäften: Verzweifelte Menschen schlugen sich um Lebensmittel.
In der Katastrophenregion wurden Tabletten zur Wasserreinigung, Moskitonetze, Plastikplanen und Medikamente verteilt. Weite Gebiete waren jedoch nur mit Booten zu erreichen. Nicht einmal per Hubschrauber könnten Hilfsgüter dorthin gebracht werden.
Die Regierung tut jedoch noch immer so gut wie nichts, um die große Not der Menschen zu lindern: Internationale Hilfsorganisationen werden kaum ins Land gelassen - und wenn, werden diese Helfer beaufsichtigt, gegängelt, behindert.
Wann entladen sich Zorn und Frustration?
Wann muss sich die burmesische Militärjunta den Folgen der Katastrophe stellen? Wann löst sich die Schockstarre der Bevölkerung, wann entladen sich Zorn und Frustration?
Einen Aufstand im vergangenen September konnten die Militärs noch mit Gewalt niederschlagen. Doch von der Sturmkatastrophe sind Millionen Menschen betroffen - nach Schätzungen der Uno sind eine Million Menschen obdachlos, rund 5000 Quadratkilometer im Irrawaddy-Delta seien noch immer überschwemmt, das entspricht der doppelten Fläche des Saarlands.
"Bei den Menschen, mit denen ich sprach, herrscht große Wut", berichtet Ruth Bradley-Jones von der britischen Botschaft in Rangun. "Sie haben das Gefühl, die Behörden hätten vor und nach dem Sturm mehr machen können, um das Ausmaß der Schäden zu begrenzen".
So hätten es die Behörden trotz frühzeitiger Sturmwarnungen versäumt, die Menschen zu warnen, und hätten die Opfer auch danach weitgehend sich selbst überlassen.
Burma lässt Hilfe nicht zu: "Eine Katastrophe in der Katastrophe"
Der Präsident des Europaparlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), hat das Verhalten der Regierung Burmas vor und nach der Wirbelsturmkatastrophe scharf kritisiert. "Der Militärjunta ist es offensichtlich nicht gelungen, ordnungsgemäß mit der Situation umzugehen", sagte Pöttering. "Weder waren präventive Maßnahmen gewährleistet, noch wurde der Bevölkerung rechtzeitig hinreichend Unterstützung bereitgestellt."
Den Überlebenden fehlt es an dem Nötigsten: In Rangun, vor allem aber in den abgeschiedenen Orten des Irrawaddy-Flussdeltas, haben sie Mühe, an Trinkwasser, Nahrung und Treibstoff zu kommen.
"Die Generäle haben bereits ihren letzten Kredit verspielt"
"Im Moment sind die Menschen mit ihrem Überleben beschäftigt. Doch ist diese Phase erst einmal überwunden, kann ich mir gut vorstellen, dass die Wut überkocht", sagt Sean Turnell von der australischen Macquarie-Universität. Aufstände, so schätzt der Experte für Burmas Wirtschaft, seien so gut wie vorprogrammiert: "Mit ihrer Reaktion auf die Proteste vom September haben die Generäle bereits ihren letzten Kredit verspielt."
Burma zählt zu den ärmsten Staaten der Welt. Seit 1962 wird das südostasiatische Land vom Militär regiert, das die einstmals aufblühende Wirtschaft in den Ruin trieb.
Als die Treibstoffpreise im vergangenen August in die Höhe gingen, kam es zu heftigen Protesten. Rasch schlugen sie zum größten Aufstand gegen die Junta seit fast zwei Jahrzehnten um: Angeführt von buddhistischen Mönchen gingen allein in Rangun bis zu 100.000 Menschen auf die Straße.
Nur mit Gewalt konnten die Behörden den Aufstand beenden: Mindestens 31 Menschen wurden nach Uno-Angaben getötet, rund 700 sollen bis heute in Haft sitzen.
Zwar kündigte die Junta im Januar ein Einfrieren der Treibstoffpreise an - stattdessen aber beschränkte sie die Ölversorgung. Hoffnungen der Behörden, durch Exporte nach Sri Lanka und Bangladesch von der weltweiten Reisknappheit zu profitieren, zerschlugen sich nun ebenfalls: Mit seinen Verheerungen über dem Irrawaddy-Delta zerstörte "Nargis" gleichzeitig Burmas "Reisschüssel" - wahrscheinlich reicht es jetzt nicht einmal mehr zur Versorgung der eigenen Bevölkerung.
Die buddhistischen Mönche in ihren roten Kutten, Helden und Initiatoren des Aufstandes vom vergangenen September, sind in diesen Tagen wieder allgegenwärtig.
Nach dem Wirbelsturm, der die Hauptstadt Rangun in Trümmern zurückließ, schwärmten Hunderte von ihnen aus, um sofort zu helfen. Mit Äxten machen sie sich an die Aufräumarbeiten, schaffen umgestürzte Bäume aus dem Weg und tragen Betonbrocken und Schutt weg.
"Die Mönche haben den Menschen geholfen"
Straßenlaternen und Reklametafeln liegen in den Straßen verstreut, auch die Splitter von Scheiben, die von entwurzelten Bäumen zerschlagen wurden. "Wir brauchen jetzt die Mönche, um diese Straße zu räumen", sagt eine Frau in einem westlichen Stadtteil von Rangun, die ihren Namen nicht nennen will.
"Natürlich haben wir auf Hilfe der Behörden gehofft, aber bis jetzt haben sie sich nicht blicken lassen", sagt sie. Teile von Dächern liegen auf der Straße, bedeckt von niedergerissenen Stromleitungen. "Die Mönche sind gekommen und haben den Menschen geholfen, die Straßen zu räumen und die Bäume wegzuschaffen."
Dass die 400.000 Mann starke Armee auf diese Katastrophe mit Tatenlosigkeit reagiert, macht viele Burmesen wütend. "Wir haben überhaupt keine Soldaten gesehen, nur Polizei in Panzerwagen. Am Samstagnachmittag tauchten einige Militärfahrzeuge auf, aber die meisten Soldaten standen nur herum und rauchten", sagt die 32-jährige Pip Paton, die mit ihrer Familie in Rangun unterwegs war, als der Sturm in der Nacht zum Samstag über das Land fegte. "An einigen Orten kamen Soldaten mit Kettensägen an, aber fast überall mussten die Einwohner die umgestürzten Bäume selber zersägen."
"Die Leute reden bereits darüber, wie schnell die Soldaten im letzten Jahr aus ihren Kasernen kamen und wie langsam sie diesmal reagieren", sagt Burma-Experte Sean Turnell von der Macquarie-Universität in Australien.
Während das Staatsfernsehen Bilder von Soldaten zeigt, die auf Bäume klettern und Stämme abtransportieren, sieht es vor Ort ganz anders aus. "Die meiste Arbeit wird von den Menschen geleistet. Sie haben einen erstaunlichen Gemeinsinn", sagt die in Rangun stationierte, britische Diplomatin Ruth Bradley-Jones. "Alle helfen: Mönche, Kinder, Frauen." Auf der Straße gebe es ständig Szenen von Hilfsbereitschaft, und sei es nur, "ein paar Zweige abzuschneiden, um ein Auto durchzulassen".
"Die Menschen sind wütend, und der Ärger wächst"
Die internationalen Hilfsorganisationen, die nun langsam ins Land kommen, müssen vor allem improvisieren: "Wir haben noch keine konkrete Vereinbarung mit der Regierung", sagte Unicef-Sprecher Patrick McCormick im BBC-Fernsehen.
"Wir haben die Bitte um Hilfe einfach als grünes Licht interpretiert, dass wir in die betroffenen Gebiete vordringen können." Die Militärregierung habe auch eigene Ressourcen, die mobilisiert werden müssten. "Wir brauchen zum Beispiel dringend Hubschrauber", sagte McCormick. Das Kinderhilfswerk ist mit gut hundert Mitarbeitern in der Küstenregion unterwegs und verteilt Erste-Hilfe-Pakete.
flo/dpa/AFP/Reuters/AP
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