Der Mann mit der braunen Uniform ist freundlich und doch sehr bestimmt. "Die Straße führt in eine Sperrzone, da können wir Sie im Moment nicht hineinlassen", sagt er, während er penibel die Daten unserer Pässe und unserer Hotels in sein dickes Buch schreibt. Danach zückt er an seinem Checkpoint im Süden Ranguns eine Digitalkamera und bittet zum Porträtfoto. "No Problem", sagt er immer wieder und grinst, "wir machen das nur zu Ihrer Sicherheit, das müssen Sie verstehen."
Es ist Mittwochmorgen Ortszeit, nach langen Verhandlungen hat sich ein Fahrer bereit erklärt, uns in Richtung Bogalay mitzunehmen - in einen vom Sturm am schwersten getroffenen Ort, in dem bis zu 10.000 Menschen gestorben sind. Er und ein weiterer burmesischer Begleiter riskieren viel durch ihre Hilfe für ausländische Reporter - das wird uns jetzt endgültig klar. Mehr als für unsere Reisepässe interessieren sich die Polizisten hier für die Personalausweise der Männer.
Ankommen werden wir in Bogalay an diesem Tag nicht, vermutlich auch nicht in den kommenden Tagen. Drei verschiedene Wege probieren wir in Richtung Süden, mit dem Auto, mit einem kleinen Boot, schließlich per Motorrad über schlammige Feldwege, gesäumt von zerrissenen Bambushütten und umgestürzten Bäumen. Alle Versuche enden an Polizeikontrollen. Stets werden die Personalien notiert, wir werden am Ende recht rüde aufgefordert, endlich zurück nach Rangun zu fahren.
Dass Journalisten im Land sind, mag die Junta grundsätzlich nicht. Sie will ein abgeschottetes Burma.
Die offiziellen Opferangaben sind auffällig niedrig
Statt den Sturmopfern endlich zu helfen, riegelt die Junta das Katastrophengebiet weiter ab. Eine Reise ins Flussdelta wird zu einem absurden Katz- und Mausspiel mit den Behörden, während am Wegesrand die Menschen vergeblich auf Hilfe warten. Zu sehen ist ein Land, in dem das Elend von Tag zu Tag größer wird: Nach einer neuen Einschätzung des Internationalen Roten Kreuzes und Roten Halbmonds könnte es bis zu 128.000 Tote geben. Die Uno erwartet, dass zwischen 1,6 und 2,5 Millionen Menschen akut unter den Folgen des Zyklons zu leiden haben. Die Junta hingegen spricht von rund 34.000 Toten und 27.000 Vermissten.
Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat inzwischen eine Dringlichkeitssitzung einberufen, um die Hilfe für die Wirbelsturmopfer in Burma zu verbessern. Dabei sollten "alle möglichen Optionen" diskutiert werden, wie humanitäre Hilfe Burma effizienter und schneller erreichen könne.
Wie gut oder schlecht die Unterstützung für die Opfer wirklich läuft, kann die Weltöffentlichkeit kaum ermessen. Zwar laufen in diesen Tagen in Ranguns Hotels viele angebliche Touristen herum, die in Wahrheit Journalisten sind und regelrecht konspirativ mit burmesischen Reiseführern zu Ausflügen ins Katastrophengebiet aufbrechen. Doch die Junta konzentriert sich jetzt voll darauf, dass kein Reporter das Elend in der Katastrophenzone zu sehen bekommt.
"Jede Einreise wird hier genau registriert", sagt ein westlicher Diplomat. "Es geht jetzt darum, die wirklich schlimmen Bilder wieder aus den Medien zu bekommen."
Schikane für Reporter statt Hilfe für Opfer
Willkommen im Polizeistaat von Burma: Mindestens drei Fotos gibt es nun nach den Zwischenfällen an den Checkpoints von uns in den Akten der Geheimpolizei - abgesehen von heimlichen Aufnahmen am Flughafen. Es scheint absurd, doch eines ist der Regierung in den vergangenen Tagen in der Tat perfekt gelungen: Statt das Land für Hilfe zu öffnen, stellte sie ihren Polizeistaat mit Tausenden, vielleicht gar Zehntausenden Spitzeln und einem System der Angst vor unwillkürlicher Verfolgung wieder her.
Auf dem Weg in Richtung Süden geben Polizei, Militär und die meist in Trainingsanzügen kontrollierenden Geheimdienstler per Funk unsere Daten sofort in die Zentrale durch. Diese Hektik der Behörden wirkt umso absurder, als man schon weit vor den Checkpoints eine Ahnung vom Elend der Katastrophenopfer bekommt - und diese Menschen im Vergleich zu uns extrem wenig Aufmerksamkeit vom Staat erhalten.
Am Rande Ranguns, keine 40 Kilometer entfernt vom Flughafen, wo mittlerweile täglich mehrere Hilfstransporte landen, liegt es nicht an der schwierigen Verteilung, nicht an den langen Wegen ins Flussdelta, nicht an schlechten Straßen, dass keine Hilfe kommt. Keine Stunde mit einem Lkw würde eine Hilfsfahrt hierher nach Nyaung Gon dauern, ein Armenviertel Ranguns.
Mayana Swe kann die Flugzeuge aus dem Ausland beim Anflug sehen. Die 36-Jährige sitzt vor einem Metallkoffer, auf dem trotz Rosts noch ein rotes Kreuz zu erkennen ist, darin ein bisschen Verbandsmaterial und Spritzen mit vergilbten Etiketten. Um sie herum lärmen rund 40 Kinder. Einige schreien, ein an Durchfall erkranktes Baby schaukelt sie immer wieder in den Schlaf, die anderen spielen auf dem vom Brackwasser verdreckten Boden. Die Schule sei nun ein Rot-Kreuz-Zentrum, sagt Swe.
"Lange halten wir das nicht mehr aus"
Doch von der ankommenden Hilfe hat sie bisher wenig gesehen. Die Eltern der Kinder geben die Kinder morgens hier ab und machen sich in der Stadt auf die Suche nach Essbarem, erzählt Swe. Vom Staat, eher aber von den Dorfvorstehern hat sie in den vergangenen Tagen ab und an mal ein paar Säcke Reise bekommen - manche schon verfault, außerdem immer nur eine Ration für einen oder zwei Tage. "Lange halten wir das nicht mehr aus", sagt sie, "vor allem die Kinder nicht."
Swe bemüht sich, den Schuldigen für die Misere nicht zu benennen. Es wird eine typische burmesische Unterhaltung, in der die Angst vor dem Polizeiapparat stets präsent ist.
Swe sucht nach Erklärungen, berichtet von Problemen, mit denen das Land, die Regierung zu kämpfen hat. Vielleicht sei Hilfe für andere Regionen einfach dringender, lautet ihr erstaunlicher Schluss. Vielleicht aber ist der Regierung das Leid von Swe und den Kindern einfach nicht wirklich wichtig.
Beobachtungen in Rangun bestätigen diesen Verdacht. Sichtlich bemüht sich das Militär, Betriebsamkeit zu zeigen. Soldaten sind mit schwerem Gerät unterwegs und räumen die unzähligen entwurzelten Bäume weg. Rangun soll schnell wieder so aussehen wie vorher und von der Misere ablenken, die sich im Süden des Landes abspielt - das ist offenbar das Kalkül. Wenn dann noch Elendsberichte aus der Katastrophenzone ausbleiben, könnte sich die Welt schnell abwenden von Burma.
Die Hoffnung der Junta: keine Bilder - kein Interesse
Strom gibt es sporadisch wieder in Rangun, auch wenn die Stadt nachts aus der Luft immer noch wie eine Geisterstadt aussieht, in der nur ab und an ein Lichtlein brennt. Das Mobilfunknetz, durch Monopolwirtschaft nur der Machtelite zugänglich, funktioniert wieder. Tausende Dollar muss man für eine Sim-Karte zahlen, mit der man nicht ins Ausland wählen kann. Kommunikation ist eine Gefahr für uneingeschränkte Macht, das hat die Junta früh erkannt. Auch das Internet wird deshalb streng kontrolliert.
Und doch kann die Junta nicht verhindern, dass viele kleine Eindrücke aus ihrem Land gesammelt werden. So sah ein deutscher Fotograf am Mittwoch, was mit Teilen der Hilfslieferungen aus dem Westen passiert: Mehrere Kisten mit Aufschriften von internationalen Organisationen tauchten plötzlich in seinem Hotel auf. Sie wurden statt zu den Bedürftigen zum Wareneingang geschleppt. Andere Helfer berichteten, dass aus Lagern mit Hilfsgütern organisiert gestohlen werde.
Mayana Swe kennt all diese Fakten nicht, sie wird in den kommenden Tagen weiter auf Hilfe warten und selbst versuchen, an das Nötigste zu kommen. Auch in ihrem Dorf drohen schon bald Epidemien wie Cholera und Typhus, so sagen es Uno-Experten voraus.
Auch das wird die Junta dann totzuschweigen versuchen. Vielleicht wird schon morgen die Fähre in das Armenviertel Nyaung Gon für Ausländer gesperrt.
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