07. September 2008, 22:54 Uhr

Wirbelsturmserie

Haiti, Kuba und Florida zittern vor "Ike"

Verheerende Bilanz der aktuellen Hurrikansaison: "Gustav" und "Hanna" forderten in der Karibik schon Hunderte Todesopfer. Noch schlimmer könnten die Verwüstungen durch den Wirbelsturm "Ike" sein - der wurde gerade auf ein neues Gefahrenniveau hochgestuft.

Port-au-Prince/Miami - Nach dem gefährlichen Wüten des Sturms "Hanna" hat der wiedererstarkte Hurrikan "Ike" in der Karibik und im US-Bundesstaat Florida die Angst vor weiteren Zerstörungen geschürt. Die Wucht von "Ike" ist von Meteorologen am Sonntag als "sehr gefährlich" hochgestuft worden. Mit Windgeschwindigkeiten von über 215 Stundenkilometern in seinem Zentrum, steuert er jetzt auf die Ostküste Kubas zu.

Das US-Hurrikan-Zentrum NHC in Miami bezeichnete den auf die Bahamas zusteuernden Sturm "Ike" als "extrem gefährlich" und ordnete ihn erneut in die Kategorie vier der fünfstufigen Saffir-Simpson-Skala ein. US-Präsident George W. Bush erklärte den Bundesstaat Florida wegen des nahenden Hurrikans am Sonntag vorsorglich zum Notstandsgebiet. Dies teilte das Weiße Haus in Washington mit. Die Maßnahme ermöglicht es den US-Bundesbehörden, die regionalen Vorsorgemaßnahmen zu unterstützen und Truppen der Nationalgarde zu aktivieren. Das Heimatschutzministerium sei angewiesen, alle Maßnahmen zu ergreifen, um für einen Katastrophenfall gerüstet zu sein und die verschiedenen Einsatzkräfte und Hilfsmaßnahmen koordinieren zu können.

"Ike" tobte am Sonntag zunächst über den zu Großbritannien gehörenden Turks- und Caicosinseln. Dort sollen 80 Prozent der Häuser beschädigt oder sogar zerstört worden sein. Die 38.000 Einwohner der rund 30, meist flachen Koralleninseln hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Auch Wirbelsturm "Hanna" hatte den Inseln, die nördlich von Haiti und Kuba im Atlantik liegen, schwer zugesetzt.

"Größte Bedrohung für Kuba seit 50 Jahren"

Nach Berechnungen des US-Hurrikan-Zentrums in Miami wird "Ike" von Osten nach Westen über einen großen Teil Kubas hinwegziehen, um später südlich von Florida in den Golf von Mexiko vorzudringen. Die höchste Alarmstufe galt seit Sonntagmorgen für die zentralen Provinzen Santiago de Cuba, Granma, Holguín, Las Tunas und Camagüey. Allein in Camaguey wurden 224.000 Einwohner in sichere Unterkünfte gebracht.

Die kubanische Tageszeitung "Juventud Rebelde" warnte am Sonntag, "Ike" könne zur größten Bedrohung für Kuba seit 50 Jahren werden. Bereits vor einer Woche hatte Hurrikan "Gustav" im Westen der größten Antilleninsel schwere Verwüstungen angerichtet. Die kubanische Regierung hat deshalb die USA um die Aussetzung von Teilen des seit Jahrzehnten geltenden Embargos gebeten, um der notleidenden Bevölkerung rasch helfen zu können. Der Rückversicherer Münchener Rück rechnet bereits durch die verheerenden Schäden des Hurrikan "Gustav" mit einem Schaden von fünf bis sechs Milliarden US-Dollar (4,21 Milliarden Euro), sagte Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek am Sonntag.

Mit Bangen sahen auch die US-Küstenbewohner dem nahenden Hurrikan "Ike" entgegen. Am Samstag verließen Touristen und Bewohner die Insel-Kette Florida Keys und begaben sich auf das Festland. "Diese Stürme habe ihre Eigenarten, es gibt da keine Regeln", sagte Floridas Gouverneur Charlie Christ vor Reportern in Miami. Auch die US-Südstaaten Louisiana und Mississippi, die gerade erst Hurrikan "Gustav" überstanden haben, fürchten, dass "Ike" sie treffen könnte. Louisianas Gouverneur Bobby Jindal sagte dem Sender CNN: "Wir hoffen sehr, dass wir nicht wieder getroffen werden, aber wir sind natürlich gut vorbereitet."

Für den Süden Floridas, in dem die Städte Miami und Fort Lauderdale liegen, ist "Ike" laut NHC die größte Bedrohung seit dem Hurrikan "Andrew" 1992. Der Sturm soll am Dienstag den US-Bundesstaat erreichen. "Ike" hatte zunächst am Freitag nachgelassen und war zeitweise zu einem Sturm der Kategorie zwei herabgestuft worden, bevor er am Samstag wieder zulegte. Experten zufolge wird der "Ike" als schwerer Sturm der Kategorie 4 in den Öl-Fördergebieten des Golfs von Mexiko ankommen. "Es sieht aus, als würde es ein sehr schwerer Sturm werden", sagte ein Sprecher des US-Katastrophenschutzes Fema am Sonntag. Denn Berechnungen zufolge werde er bei der Überquerung Kubas an Kraft verlieren, um danach wieder sehr stark zu werden." US-Meteorologen gingen am Sonntag jedoch davon aus, dass er an der Grenze der Bundesstaaten Louisiana und Texas auf das Festland treffen wird.

Hunderte Tote auf Haiti

Die Lage auf Haiti, dem ärmsten Land Amerikas, verschlechtert sich weiter. Seit den frühen Morgenstunden erreichten die Ausläufer des Hurrikans "Ike" vor allem den Norden des geplagten Landes mit andauernden Regenfällen. Durch Ausläufer des Sturms starben in Haiti allein in dem Dorf Cabaret nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince 20 Menschen, unter ihnen 13 Kinder. Das teilte der Abgeordnete der Region, Pierre-Gérôme Valciné der Nachrichtenagentur AFP mit.

Zudem sind viele bereits durch die Stürme "Gustav"und "Hanna" betroffene Gebiete, darunter die Stadt Gonaïves wegen zerstörter Brücken nicht für große Hilfstransporte erreichbar. Nach Angaben von Unicef sind auf Haiti derzeit 650.000 Menschen von den Folgen der Unwetter betroffen, darunter 300.000 Kinder. OCHA bezeichnete die Lage als katastrophal: Allein in der am schwersten betroffenen Stadt Gonaives im Nordwesten des Landes seien 250.000 der 350.000 Einwohner dringend auf Hilfe angewiesen. Allerdings hatten die Hilfsorganisationen wegen unpassierbarer Zufahrtstraßen große Schwierigkeiten, die Bedürftigen zu erreichen. Uno-Soldaten brachten am Samstag mehrere tausend Einwohner aus Gonaives in Sicherheit. Die Hilfsorganisation Oxfam bezeichnete die Lage als "ernst". In Gonaives gebe es keine Lebensmittel, und die hygienischen Zustände seien bedenklich, sagte der Hilfskoordinator für Haiti, Kone Amara.

Deshalb gingen die Rettungskräfte von weiter steigenden Totenzahlen aus. Während der haitianische Zivilschutz in seinem jüngsten Bericht vom Samstag weiterhin von 167 Toten infolge des Wirbelsturms "Hanna" sprach, befürchteten internationale Organisationen, dass weit mehr Menschen umgekommen sind. Die Chefin des Uno-Büros für humanitäre Hilfe (OCHA) in Haiti, Manuela Gonzalez, dementierte am Sonntag allerdings Medienberichte, nach denen 500 Menschen zu Tode gekommen sein sollen. "Ich weiß nicht, woher man diese Zahlen genommen hat", sagte sie.

Die Europäische Kommission stellte zwei Millionen Euro Soforthilfe für Haitis Sturmgebiete bereit. Auch mehrere Länder wie Frankreich, Spanien, die Schweiz, Venezuela und die USA sagten Hilfen zu.

Hurrikan "Hanna" war am Wochenende von Süd nach Nord über die US-Ostküste gezogen. Die Stromversorgung für mehr als 100.000 Menschen brach zeitweise zusammen. Im Großraum New York und im Bundesstaat Massachusetts wurden Autobahnen gesperrt. Auf Flughäfen an der Ostküste gab es Absagen oder Verspätungen von Flügen. Baseballspiele sowie ein Halbfinale und die Finalspiele bei den US Open im Tennis in New York wurden verlegt. Die US-Weltraumbehörde NASA verschob wegen der Stürme den Start von zwei Weltraumfähren. Die "Atlantis" soll statt am 8. erst am 10. Oktober ins All geschickt werden, meldete die NASA. Auch der für den 10. November angesetzte Start der "Endeavour" zur Internationalen Weltraumstation ISS soll zwei Tage später stattfinden.

cjp/pad/dpa/AP/AFP


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