02. Februar 2009, 17:33 Uhr

Benedikt XVI. in der Kritik

Was den Papst antreibt

Von Ulrich Schwarz

Sein Kurs stößt selbst in der eigenen Kirche auf immer mehr Protest: Papst Benedikt XVI. agiert als Dogmatiker, stellt seine eigene Wahrheit über alles. Dabei hatte er den Ruf eines weltoffenen Theologen, als er noch in Tübingen lehrte - bis die 68er-Revolte für immer sein Leben veränderte.

Es gibt ein Schlüsselerlebnis im Leben des Joseph Ratzinger, das sein heutiges Denken und Handeln erklärt - die 68er-Revolte. 1968 erlebte der damalige Theologieprofessor an der Uni Tübingen, wie seine Studenten ihn in der Vorlesung ausbuhten und das Revolutionsmotto anstimmten "Verflucht sei Jesus".

Papst Benedikt XVI.: Einst Vordenker des II. Vatikanischen Konzils
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Papst Benedikt XVI.: Einst Vordenker des II. Vatikanischen Konzils

Ratzinger galt damals als liberaler Theologe, als einer der Vordenker des II. Vatikanischen Konzils, jener Bischofsversammlung in den sechziger Jahren, die das Tor ihrer verkrusteten Kirche zur Welt weit aufstieß. Plötzlich war dieses Ansehen, wie vieles in jenen Jahren, nicht mehr viel wert.

Für den 41-jährigen Professor Ratzinger waren die Tübinger Erfahrungen ein Schock, der seine Haltung radikal veränderte. Der weltoffene Theologe wandelte sich zum konservativen Dogmatiker, dem die als unverrückbar vorgegebene Wahrheit seither alles bedeutet.

Dieser Wahrheit, die nicht verfügbar ist, die nicht hinterfragt werden kann, hat sich für den Kirchenmann Ratzinger alles unterzuordnen. Der Gedanke, dass Wahrheit sich im Wandel der Zeiten dem Menschen anders darstellen kann, dass sich die Erkenntnis von Wahrheit entwickeln kann, ist für Ratzinger das, was er verächtlich als "Relativismus" verurteilt.

Nichts als Kälte

In diesem Weltbild nimmt der Mensch nur eine untergeordnete Rolle ein. Kritiker Benedikts XVI. registrieren immer wieder die distanzierte Kühle, die Ratzinger selbst dann ausstrahlt, wenn er sich betont herzlich an Menschen wendet. Das Charisma der Menschenliebe, das sein Vorgänger Johannes Paul II. verbreitete, geht ihm ab.

Hüter der Wahrheit, das war der Job, der Ratzinger auf den Leib geschnitten war: Mehr als 20 Jahre verteidigte er als oberster Wächter seiner Kirche den rechten Glauben gegen alle Kirchenschafe, die es wagten, sich eigene Gedanken über die reine Lehre zu machen.

Kein Wunder, dass der Kardinal Ratzinger eine der treibenden Kräfte im Vatikan gegen die revolutionäre lateinamerikanische Befreiungstheologie war. Kein Wunder, dass Papst Benedikt den evangelischen Kirchen abspricht, wirklich Kirchen zu sein.

Und ebenfalls kein Wunder, dass dieses Oberhaupt der katholischen Kirche im Namen der Kirche gegen Homosexualität und gegen Empfängnisverhütung wettert. Mögen im Zeitalter von Aids auch Millionen Menschen zugrundegehen.

Für die Entwicklung der katholischen Kirche doppelt fatal, dass sich dieser abstrakte Wahrheitsfanatismus mit einer seit den Tübinger Tagen relevanten Angst Joseph Ratzingers vor den unübersichtlichen Verläufen und Entwicklungen der Welt und ihren Gefahren paart. Für Ratzinger sind diese Gefahren ein Alptraum.

Die Chancen, diese Welt nur mitgestalten und im christlichen Sinne beeinflussen zu können, wenn sich die Papstkirche auf diese Welt einlässt und mit ihr kommuniziert, vertut Benedikt XVI. ganz bewusst. Auf dem II. Vatikanischen Konzil der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hat die katholische Kirche solche Weltoffenheit schon einmal verkündet - mit tatkräftiger intellektueller Unterstützung des Theologen Joseph Ratzinger.

Doch das war vor Tübingen.

P.S.: Dieser Papst ist kein Antisemit. Die Aussöhnung mit den Juden steht auf seiner Agenda wie auf der seines Vorgängers. In Auschwitz hat er sich nachdrücklich dazu bekannt. Doch sein angsterfüllter Dogmatismus verstellt ihm den Blick für das, was ein Papst heute leisten müsste. Mit Benedikt marschiert die katholische Kirche nicht ins 21. Jahrhundert, sondern zurück in die vorkonziliare Vergangenheit.


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