25. Februar 2009, 17:49 Uhr

Flugzeugabsturz bei Amsterdam

"Ein Fall ins Leere"

Flug TK 1951 entging der Katastrophe nur knapp: Wie durch ein Wunder überlebten 125 Menschen an Bord der Turkish-Airlines-Maschine, die beim Landeanflug in Amsterdam auf ein Feld gestürzt war. Für neun Menschen kam jede Hilfe zu spät.

Amsterdam - Zwischen Jubel und Verzweiflung lag weniger als eine Stunde. In der Boeing 737-800 der Turkish Airlines, die am Mittwochvormittag beim Landeanflug auf Amsterdam abgestürzt war, hätten alle Menschen überlebt, erklärte das türkische Verkehrsministerium zunächst. Als sich die Nachricht auf dem Flughafen Schiphol verbreitete, flossen gleich nach dem Entsetzen die Freudentränen.

Sechs Wochen nach dem "Wunder vom Hudson" - der spektakulären Notwasserung eines Airbus A320 in New York, die alle Insassen überlebten - schien es ein "Wunder von Holland" gegeben zu haben.

Doch die Hoffnungen wurden wenig später bitter enttäuscht.

Auf den TV-Monitoren waren Helfer zu sehen, die Leichensäcke aus den Trümmern der Unglücksmaschine trugen.

Um 13.30 Uhr - drei Stunden nach dem Absturz auf einen Acker in der Gemeinde Haarlemmermeer bei Amsterdam - gab es Gewissheit: "Mindestens neun Menschen haben das Unglück nicht überlebt", teilt der zuständige Bürgermeister Michel Bezuijen mit. Rund 50 der insgesamt 134 Menschen an Bord seien verletzt worden, etwa die Hälfte von ihnen schwer. Unter den neun Toten sind der Pilot, sein Kopilot und ein Pilot, der sich in der Ausbildung befand.

Freude schlug in Bestürzung um.

Warum stürzte die Maschine ab?

Über die Gründe für die vorschnelle "Rettungsmeldung" der Turkish Airlines und des türkischen Verkehrsministeriums wird inzwischen ebenso heftig spekuliert wie über die Ursachen des Absturzes.

Dem Flugzeug sei der Sprit ausgegangen, lauteten einige Meldungen der türkischen Medien. In anderen hieß es, die Maschine habe eine oder beide Triebwerke beim Landeanflug verloren. Anderen Berichten zufolge soll der noch in der Ausbildung befindliche Pilot das Flugzeug bei der Landung gesteuert haben. Der Azubi habe einen Fehler gemacht und die Maschine in Richtung des Ackers gesteuert.

Der Flugzeugkapitän, einer der erfahrensten Turkish-Airlines-Piloten überhaupt, habe noch versucht, den Fehler zu korrigieren, doch die Zeit habe nicht mehr gereicht.

Von Vogelschlag wie beim Airbus auf dem Hudson ist in Medien die Rede. Aber auch davon, dass der Boeing der Treibstoff ausgegangen sein könnte, schließlich habe sie ja nicht gebrannt.

Passagiere berichteten, die Maschine sei im Landeanflug plötzlich stark abgesunken. "Zunächst war es eine normale Landung, und dann hat es sich plötzlich wie ein Fall ins Leere angefühlt", sagte der Bankangestellte Tuncer Mutluhan im türkischen Nachrichtensender NTV. "Das Flugzeug geriet außer Kontrolle und stürzte ab."

Alles sei eine Sache von wenigen Sekunden gewesen. Sein Mitreisender Kerem Uzel berichtete, kurz nach der Ankündigung der bevorstehenden Landung sei die Maschine plötzlich abgesackt, als ob sie in Turbulenzen geraten sei. Dann sei sie mit dem Heck zuerst auf dem Boden aufgekommen, neben einer Schnellstraße entlanggeschlittert und in einem Feld zum Stehen gekommen.

Die Maschine soll in den letzten Augenblicken wie ein Segelflugzeug, also ohne den Einsatz der Triebwerke, geflogen sein. Dann schlug sie auf und zerbrach in drei Teile. Die Flügel mit den Treibstofftanks blieben ganz, vielleicht ein Grund dafür, warum es kein Feuer an Bord gab.

Mehrere Dutzend Passagiere konnten unverletzt oder mit ein paar Schrammen das Wrack aus eigener Kraft verlassen. Vor allem die Passagiere und Crew-Mitglieder, die sich im vorderen Teil der Maschine aufhielten, waren schwer verletzt oder überlebten das Unglück nicht.

Eine belastbare Aussage über die Ursache des Unglücks ist frühestens möglich, wenn die Daten der Flugschreiber ausgewertet sind.

Trotz aller Tragik verweist so mancher darauf, dass Amsterdam noch einmal "Glück im Unglück" hatte - genau wie die vielen Überlebenden an Bord. Denn sofort wurden die Erinnerungen an das bislang schwerste Flugzeugunglück unweit des Flughafens Schiphol wach. Im Oktober 1992 war eine Boeing-747-Frachtmaschine der israelischen Gesellschaft El Al abgestürzt. Nicht über einem Acker, sondern über zwei Hochhäusern des Stadtteils Bijlmermeer, wobei insgesamt 43 Menschen umkamen.

han/AFP/AP/dpa


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