11. Juni 2009, 08:09 Uhr

Washington

Neonazi tötet Wachmann in Holocaust-Museum

Bluttat am Ort des Gedenkens: Ein 88-Jähriger hat im Holocaust-Museum in Washington einen Wachmann erschossen. Bei dem greisen Täter soll es sich um einen fanatischen Antisemiten handeln. Präsident Obama zeigte sich "schockiert und tief bestürzt".

Washington - Es ist die Tat eines Fanatikers: Ein 88-jähriger mutmaßlicher Neonazi hat am Mittwoch im Holocaust-Museum in Washington das Feuer eröffnet und einen Sicherheitsbeamten getötet. Bei einem Schusswechsel mit anderen Wachleuten im Museum mitten im Herzen der US-Bundeshauptstadt wurde der Täter selbst getroffen und schwer verletzt. Er wird in einem Universitätskrankenhaus behandelt, sein Zustand sei "kritisch", sagte Bürgermeister Adrian Fenty.

Barack Obama äußerte sich bestürzt über den Vorfall. Er sei "schockiert und tief betrübt" erklärte der US-Präsident. "Diese abscheuliche Tat erinnert uns daran, dass wir wachsam bleiben müssen gegen Antisemitismus und jegliche Form von Vorurteilen." Keine amerikanische Institution sei so wichtig bei diesen Bemühungen wie das Holocaust-Museum, und keine Gewalttat "wird unsere Entschlossenheit mindern, die, die wir verloren haben, zu ehren, indem wir eine friedlichere und tolerantere Welt schaffen", heißt es in einer Stellungnahme.

Der Täter: Ein 88-jähriger mutmaßlicher Neonazi

Der Schütze wurde Medienberichten zufolge als James von Brunn identifiziert. Er habe bereits in der Vergangenheit als "eingefleischter" Antisemit und Rassist von sich reden gemacht, sei aber anscheinend seit längerem nicht mehr "aktiv" gewesen, berichtete der Sender CNN unter Berufung auf Behördenkreise. Das Auto des Mannes sei in der Nähe des Museums gefunden worden und werde auf Sprengstoff untersucht.

Der jüdischen Anti-Defamation-League zufolge unterhielt Brunn eine Website mit Hasstiraden gegen Juden und Schwarze. 1981 drang er - vermutlich aus Wut über hohe Zinssätze - mit zwei Schusswaffen und einem Messer in die Federal Reserve (US-Zentralbank) ein, um Geiseln zu nehmen. Er wurde von einem Sicherheitsbeamten überwältigt und verbüßte nach seiner Verurteilung 1983 eine sechsjährige Gefängnisstrafe. Er habe das einer "Neger-Geschworenenjury" und einem "Juden-Richter" zu verdanken, hieß es dazu später auf seiner Website.

Brunn soll ebenfalls ein Buch mit dem Titel "Tötet die Nichtjuden" geschrieben haben, in dem er behauptet, eine jüdische Verschwörung habe es sich zum Ziel gesetzt, den "weißen Genpool zu zerstören".

Das mit einer großen Zahl von Besuchern gefüllte Holocaust-Museum hatte der Täter Mittwoch gegen 13.00 Uhr Ortszeit mit einem Gewehr oder einer Schrotflinte bewaffnet betreten. Er habe dann am Eingang sofort auf den Sicherheitsbeamten geschossen, sagte ein Polizeisprecher. Zwei weitere Wachleute hätten das Feuer erwidert und damit ein weiteres Vordringen des Schützen verhindert. Polizeichefin Cathy Lanier erklärte auf einer Pressekonferenz, es habe sich offenbar um einen Einzeltäter gehandelt.

Museumsbesucher in der Nähe seien in Panik davongerannt. Zum Zeitpunkt des Schusswechsels hielten sich in den Räumen laut Museumsangaben mehrere tausend Menschen auf, unter ihnen auch zahlreiche Schulkinder.

Das Opfer: Ein 39 Jahre alter Wachmann

Bei dem getöteten Wachmann handelt es sich um den 39 Jahre alten Stephen T. Johns, der seit sechs Jahren für das Museum arbeitet. Direktorin Sara Bloomfield sagte, John sei "heldenhaft bei der Erfüllung seiner Pflicht" gestorben.

Das Holocaust-Museum wurde für den Rest des Tages geschlossen. Die umliegenden Straßen wurden abgeriegelt. Eine für den Abend geplante Theatervorführung über die von den Nazis ermordete Jüdin Anne Frank wurde vom Museum abgesagt.

Das Holocaust Memorial Museum wurde 1993 eröffnet und ist allen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet. Es wirbt für Freiheitsrechte und Menschenwürde in aller Welt, bietet Ausstellungen und verfügt über ein umfassendes Archiv. Jedes Jahr zählt das Museum durchschnittlich 1,7 Millionen Besucher, darunter viele Schulkinder, und seit der Eröffnung kamen auch 85 Staatsoberhäupter.

han/dpa/AP/Reuters


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