30. Juli 2010, 17:50 Uhr

Verantwortliche von Duisburg

Parade der angeblich Ahnungslosen

Von Jörg Diehl

21 Tote, mehr als 500 Verletzte und niemand, der dafür verantwortlich sein will: Knapp eine Woche nach dem Desaster von Duisburg kleben die Entscheidungsträger immer noch an ihren Stühlen. SPIEGEL ONLINE sagt, wer wofür zuständig war.

Wer will schon Duisburg regieren? Die Kommune ist chronisch pleite, hat fast drei Milliarden Euro Schulden und steht unter der finanziellen Fuchtel der Landesregierung. Ihr laufen die Einwohner davon und von denen, die geblieben sind, hat gerade einmal jeder Dritte einen Job. In Stadtteilen wie Marxloh trauen sich Polizisten nach eigener Aussage kaum noch, ein Auto anzuhalten, weil sie sonst "40 oder 50 Mann an der Backe haben".

Wenn Duisburg in den vergangenen Jahren bundesweit Schlagzeilen machte, dann mit blutigen Ereignissen wie den Mafiamorden oder Schießereien und Schlägereien im Rockermilieu. Und jetzt, im Juli 2010, geschieht ausgerechnet hier, in einer Stadt so hungrig nach Anerkennung und Hoffnung, das seit vielen Jahrzehnten schlimmste Unglück Nordrhein-Westfalens.

Trotzdem gibt es einige Personen, die sich nichts sehnlicher zu wünschen scheinen, als ihre Ämter in der Duisburger Verwaltung zu behalten.

Dabei kristallisiert sich inzwischen heraus, dass die Entscheidungsträger die Augen vor den offenkundigen Problemen mit der Love Parade verschlossen haben, dass sie durchboxten, was sie wollten und Bedenken, Sorgen, Warnungen beiseite schoben: Hauptsache, am Ende wird gefeiert in Duisburg.

Wer aber sind diejenigen, die möglicherweise Schuld auf sich geladen haben? SPIEGEL ONLINE stellt die Protagonisten vor.

Der Bürgermeister - Adolf Sauerland

Klein, rundlich, Kinnbart und Brille - Adolf Sauerland, 55, ist alles andere als eine imposante Erscheinung. Bei der Pressekonferenz am Sonntag saß er mit hängenden Schultern auf dem Podium und bestritt, mit der Love-Parade-Genehmigung überhaupt irgendetwas zu tun gehabt zu haben.

Inzwischen scheint aber klar zu werden, dass dem Oberbürgermeister (OB) entscheidende Dokumente über die Parade-Planung zugeleitet worden sind und er über das Geschehen weitgehend im Bilde war. Sein Rechtsdezernent Wolfgang Rabe setzte Beamte Wochen vor der Party mit den Worten unter Druck, "der OB wolle die Veranstaltung", wie aus einem Sitzungsprotokoll hervorgeht.

Doch auch Sauerland agierte nicht im Machtvakuum. Landespolitiker, Wirtschaftsförderer, Kulturschaffende machten öffentlich immer wieder deutlich, was sie sich nach der Absage Bochums von Duisburg erwarteten: dass die Love Parade stattfindet. Basta! Und weil Duisburg so klamm war, schoss die Düsseldorfer Landesregierung selbst Hunderttausende Euro zu.

Nach dem Maschinenbau- und Geschichtsstudium in Duisburg war Sauerland zunächst Berufsschullehrer. In der CDU machte der Familienvater Karriere und gewann 2004 in einer Stichwahl gegen eine SPD-Amtsinhaberin die OB-Würde. Auch als in den vergangenen Jahren immer mehr Ruhrgebietsstädte zurück an die Sozialdemokraten gingen, hielt der beliebte Sauerland sich weiter an der Spitze der eigentlich "roten" Kommune. 2009 nominierte seine Partei ihn mit dem Traumergebnis von 100 Prozent für eine neue Amtszeit.

Inzwischen steht der erste Duisburger Bürger massiv unter Druck, er erhält Morddrohungen und muss von der Polizei beschützt werden. Selbst in seiner eigenen Partei mehren sich die Stimmen, die seinen Rücktritt fordern.

Doch so leicht ist das nicht, denn in der Gemeindeordnung ist dieser Fall nicht vorgesehen. Sauerland - der monatlich zurzeit 10.582,30 Euro verdient - müsste entweder einen Antrag auf Entlassung aus dem Beamtenverhältnis stellen und riskierte damit seine Pensionsansprüche aus der Zeit als Lehrer. Oder er ließe sich von der Regierungspräsidentin Anne Lütkes (Grüne) des Amtes entbinden und unterrichtete wieder am Berufskolleg in Krefeld.

Der Rechtsdezernent - Wolfgang Rabe

"Duisburg ist nicht aus der Welt, Duisburg ist gleich nebenan", gab der Weseler Landrat dem scheidenden Kreisdirektor Wolfgang Rabe mit auf den Weg, als der im Juni 2006 als Rechtsdezernent ins Ruhrgebiet wechselte. In einer Zeitung des Essener "WAZ"-Konzerns hieß es später, die "Trauer über den verlorenen Mann schien sich in Grenzen zu halten".

In den Tagen nach der Katastrophe von Duisburg duckte sich Rabe weg, gab den Ahnungslosen, wich den Fragen der Reporter aus. Dabei ist inzwischen deutlich geworden, dass die dem christdemokratischen Juristen, 56, unterstehenden Ämter den Love-Parade-Veranstaltern großzügige und möglicherweise auch problematische Ausnahmeregelungen gestatteten: enge Zuwege, kurze und schmale Fluchtwege, fehlende Feuerwehrpläne.

In Sitzungen machte Rabe immer wieder Druck, wie interne Protokolle der Stadtverwaltung zeigen. Als am 18. Juni 2010 Beamte bei Lopavent Bedenken geltend machten, weil es zu wenige Fluchtwege gab, schaltete sich der Rechtsdezernent ein. In der Niederschrift, die laut Verteiler auch dem Oberbürgermeister vorgelegt wurde, hieß es:

"Herr Rabe stellte in diesem Zusammenhang fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher hierfür eine Lösung gefunden werden müsse. Die Anforderung der Bauordnung, dass der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten. Er forderte 62 (Amt für Baurecht; d. Red.) auf, an dem Rettungswegekonzept konstruktiv mitzuarbeiten und sich Gedanken darüber zu machen, wie die Fluchtwege dargestellt werden könnten."

Und dann heißt es auf bezeichnende Art und Weise in dem Dokument: "Es könne nicht sein, dass 62 (Amt für Baurecht; d. Red.) diese Pflicht nur auf die Antragsteller (Lopavent GmbH; d. Red.) abwälzen würde, schließlich wolle der OB die Veranstaltung."

Gemeinhin würde man diese Passage feinsten Beamtendeutschs wohl mit den Worten übersetzen: "Auch wenn es nicht eure Aufgabe ist, Leute. Seht zu, dass das klappt! Der Chef will das so."

Der Polizeichef - Detlef von Schmeling

In der ersten Etage des Duisburger Polizeipräsidiums hängt noch immer das Namensschild des Mannes, der mehr als 20 Jahre lang einer der größten Polizeibehörden Nordrhein-Westfalens vorstand: Doch Rolf Cebin ging im Mai 2010 in Ruhestand und seither führt die Amtsgeschäfte des Polizeipräsidenten - von den Beamten kurz "PP" genannt - der Leitende Regierungsdirektor Detlef von Schmeling.

Das langjährige SPD-Mitglied, eigentlich Chef der Direktion Zentrale Aufgaben der Duisburger Polizei und damit unter anderem für Buchhaltung, Personalplanung und Datenschutz zuständig, gilt als Verwaltungsmensch. "Von unserem Geschäft hat er nur eingeschränkte Kenntnisse", sagt ein führender Kriminalbeamter des Präsidiums. Von Schmeling habe immer im Schatten des dominanten Cebins gestanden und sei selten öffentlich wahrgenommen worden, so der Polizist.

Während sein Vorgänger im Februar 2009 noch vor der Love Parade in Duisburg warnte, leistete von Schmeling - nach allem, was bislang bekannt ist - keinen erbitterten Widerstand gegen die Ausrichtung der Mega-Party. Vielleicht spekulierte er auf den Posten des "PP" und wollte sich nach der NRW-Landtagswahl mit ihrem unklaren Ausgang nirgendwo unbeliebt machen?

Bei seinen Leuten jedenfalls konnte von Schmeling keinerlei Versäumnisse erkennen. "Was ich nicht bestätigen kann, ist, dass es zu diesem Zeitpunkt des Unglücks so großen Druck auf den Tunnel gegeben hat, dass es zu diesem Unglück kommen musste", sagte der Beamte auf einer Pressekonferenz am Sonntag. "Nach meinen Informationen gab es zu diesem Zeitpunkt Bewegungsmöglichkeiten, auch noch auf der Rampe."

Der Veranstalter - Rainer Schaller

Sein Leben war eine Erfolgsgeschichte. Rainer Schaller, 41, hat die Fitnessstudiokette McFit gegründet und zum Marktführer in Deutschland gemacht. Dann holte er vor einigen Jahren die Love Parade ins Ruhrgebiet, das Techno-Event geriet zum Volksfest. Mindestens drei Millionen Euro steckte der Geschäftsmann nach eigenen Angaben in die Duisburger Mega-Party. In einem Interview sagte er einmal auf die Frage, wie hoch seine Risikobereitschaft sei: "100 Prozent!"

Doch als Geschäftsführer des Veranstalters Lopavent steht Schaller nun in der Kritik. Der NRW-Innenminister keilte, die Ordner seien ihren Aufgaben nicht nachgekommen, weshalb es am vergangenen Samstag zur Katastrophe gekommen sei. Schaller wiederum machte in mehreren Interviews die Polizei für das Desaster verantwortlich.

Ein Ordner, der 2007 und 2008 bei der Love Parade eingesetzt wurde, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich bin für diesen Job damals kein bisschen ausgebildet worden." Die Einweisung habe sich auf eine knappe Ansage beschränkt: Man solle dafür sorgen, dass niemand zwischen die Wagen des Zugs gerate. Sieben Euro in der Stunde habe er dafür bekommen. "Dafür habe ich mir jetzt kein Bein ausgerissen, das ist klar, oder?"

Schallers McFit-Erfolgsgeschichte gründet jedenfalls, der bezeichnende Name seines Imperiums lässt es vermuten, auf einem einfachen Prinzip: Kosten senken. Auf Tausende Mitglieder sollen in vielen seiner Studios gerade einmal ein halbes Dutzend Trainer kommen.

Hat er als Love-Parade-Veranstalter grundsätzlich anders agiert?

Nach SPIEGEL-ONLINE-Recherchen setzte Schaller in vielen entscheidenden Positionen der Party-Organisation auf Freiberufler, die üblicherweise schon aus Eigeninteresse sich ihrem Auftraggeber selten zu widersetzen wagen.


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