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11. September: Der Verschwörungs- Theoretiker

Von , New York

Als US-Präsident George W. Bush kürzlich wegen möglichen Vorwissens des Terroranschlags unter Druck geriet, war Nico Haupt nicht im geringsten überrascht. Schließlich arbeitet der in New York lebende Deutsche seit dem 11. September an der Aufdeckung des vermeintlichen Regierungsplots.

Nico Haupt: Bewusstes Wegschauen der Regierung
Carsten Volkery

Nico Haupt: Bewusstes Wegschauen der Regierung

New York - Die größten Sorgen macht sich Nico Haupt um seinen Ruf. "Ich bin kein Verschwörungstheoretiker", versichert er immer wieder - so, als müsse er sich das selbst einreden, um nicht wahnsinnig zu werden. Er sitzt in einem Café auf der Fifth Avenue, aus seinem Mund sprudeln die Fakten nur so hervor. Zahlen, Namen, Orte. Nach wenigen Minuten ist klar: Dieser Mensch hat alles gelesen, was jemals über den 11. September 2001 veröffentlicht wurde.

Wie ein Besessener sammelt der unterbeschäftigte Ex-Düsseldorfer seit über acht Monaten Agenturmeldungen, studiert Zeugenaussagen, vergleicht Listen, fertigt Zeitleisten an. Zehn Stunden am Tag ist er online, sämtliche Suchmaschinen setzt er auf das eine Ziel an: Was ist wirklich passiert an jenem Tag? Was wusste die Bush-Regierung? Wer steckt hinter dem Insider-Trading vor dem Anschlag? Woher kamen die Anthrax-Briefe? Die 500 wichtigsten offenen Fragen hat Haupt auf seiner Webseite ourdna.org aufgelistet. "Ich stelle die Fragen, die die Mainstream-Medien vergessen", sagt er. Er sieht sich als Bannerträger eines untergegangenen investigativen Journalismus, doch was er an Antworten bereit hält, sind wilde Theorien über Geheimagenten, Hintermänner und dunkle Regierungskanäle.

Die zahllosen Informationen aus dem Terrorsumpf haben sich in seinem Kopf zu einem ungeheuren, nicht immer schlüssigen Gebilde zusammengefügt. Seine Hauptthese: Bei dem Terroranschlag vom 11. September handele es sich um einen "Lihop", kurz für "Let it happen on purpose". Was in der Öffentlichkeit als Versagen der Geheimdienste hingestellt werde, sei in Wahrheit ein bewusstes Wegschauen der Regierung gewesen, sagt Haupt. Der Krieg gegen die Taliban sei seit vier Jahren geplant. Pentagon und CIA hätten nur einen Anlass gebraucht. Nach dem Sturz der Islamisten könne nun endlich die lang geplante Öl-Pipeline in Afghanistan gebaut werden - ganz nach dem Geschmack der Bush-Freunde in der Ölbranche.

Ein amerikanischer Präsident, der ungerührt Flugzeuge ins World Trade Center fliegen lässt? Haupt nickt und schaut beschwörend über den Tisch: "Das ist kein Freak-Shit, den ich hier erzähle." Aus der Defensive schießt er mit Fragen um sich: Warum zum Beispiel hätten ranghohe Pentagon-Mitarbeiter am 10. September ihre Flüge für den nächsten Tag gestrichen, wie "Newsweek" berichtet hatte? Oder warum sind die Nothelfer der Federal Emergency Management Agency (Fema) bereits am Tag vor der Katastrophe in New York eingetroffen?

11. September: Um 9.03 Uhr rast eine Maschine der United Airlines in den Südturm
AP

11. September: Um 9.03 Uhr rast eine Maschine der United Airlines in den Südturm

Mit seiner Meinung ist Haupt nicht allein. Mindestens hundert Websites - mit Namen wie whatreallyhappened.com oder truthout.org - bestärken sich gegenseitig in der "Lihop"-Hypothese. Der langjährige CIA-Kritiker Mike Ruppert, ein ehemaliger Cop aus Los Angeles, hat sogar ein Video veröffentlicht. Titel: "Truth and Lies of 9-11". Zusammen bildeten die Websites einen "Ring der Skeptiker", sagt Haupt. Sie haben eine Petition an den Kongress verfasst, in der sie eine Untersuchung fordern.

Zum Beweis, wozu das Pentagon fähig ist, verweisen die "Skeptiker" gern auf die "Operation Northwood": Der vor kurzem veröffentlichte Geheimplan aus dem Jahr 1961 sah vor, amerikanische Passagierflugzeuge über Kuba abzuschießen und die Schuld Fidel Castro in die Schuhe zu schieben. Das Pentagon suchte damals nach einem Vorwand, in Kuba zu intervenieren. Präsident John F. Kennedy lehnte den Vorschlag aber ab.

Beim Durchforsten der Nachrichtenwelt hält sich Haupt an die beiden Grundüberzeugungen aller Verschwörungstheoretiker. Erstens: Die CIA ist nie ohnmächtig, sondern immer allmächtig. Sie lässt die Terroristen tanzen, nicht umgekehrt. Und zweitens: Offizielle Verlautbarungen, wie etwa neue Terrorwarnungen, sind nicht Information, sondern Desinformation. "'Wie aus Geheimdienstkreisen verlautet', wenn ich das schon höre, lache ich mich tot", sagt Haupt.

Seine Paranoia geht so weit, dass er kaum eine Nachricht seit dem 11. September glaubt. John Walker, der angeblich zu den Taliban übergelaufene amerikanische Verräter? Ein Brocken, der den Medien hingeworfen wurde, damit sie was Schönes zu schreiben hatten. Daniel Pearl, der angeblich von Terroristen ermordete "Wall Street Journal"-Reporter? Ein klarer Fall eines investigativen Journalisten, der mundtot gemacht werden musste - und zwar vom pakistanischen Geheimdienst ISI, unter Kontrolle der CIA. Richard Reid, der angebliche Schuhbomber? "Der größte Scheiß." Das sei vom ISI inszeniert gewesen, und Pearl habe es rausgefunden.

Haupt ist in Fahrt. Mit seinen langen Armen wild gestikulierend redet er sich in Rage. "Niemand in den Mainstream-Medien schreibt, warum Don C. Wiley von der Brücke gestürzt ist." Die Krawattenträger, die am Nebentisch ihren Lunch verdrücken, schauen herüber. Wiley war ein Viren-Experte der Harvard University, der vergangenen Dezember tot im Mississippi gefunden wurde. Offiziell wurde sein Sturz als Unfall dargestellt. Haupt hingegen sieht ein Muster: Sechs Mikrobiologen seien seit dem Auftauchen der Anthrax-Briefe gestorben. Sie hätten womöglich gewusst, wer die Briefe abgeschickt habe. Dass der 11. September und Anthrax zusammengehören, steht für ihn außer Frage.

Mehr als 2800 Menschen starben in den Trümmern des World Trade Center
DPA

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Haupts Entwicklung zum hauptberuflichen Verschwörungstheoretiker verlief nicht geradlinig: Anders als der Idealtyp dieses Milieus war er zuvor weder bei der CIA noch bei der Polizei. Auch Ufos hat er noch nicht gesichtet. Er wuchs in Düsseldorf auf, war zehn Jahre lang Moderator einer lokalen Radiosendung ("Ecstasy", später umbenannt in "Netzkraut"). Bereits 1993 entdeckte er das Internet. Seit 1996 darf er sich Diplom-Medienpädagoge nennen, was ihm aber peinlich ist. 1998 gründete er in Nordrhein-Westfalen den Landesverband von Chance 2000, der Spaß-Partei von Christoph Schlingensief. Auf der Landesliste für die Bundestagswahl war Haupt sogar Spitzenkandidat, er stand auf demselben Wahlzettel wie Franz Müntefering, Guido Westerwelle und Norbert Blüm.

Vor drei Jahren kam er nach New York, "wegen der damaligen Internetsituation". Er nannte sich Netzkünstler (zu seinen "Projekten" zählte unter anderem das elektronische Schreddern der Big-Brother-Webseite) und arbeitete für Josh Harris bei Pseudo.com, dem inzwischen Pleite gegangenen ersten Internet-Fernsehsender. Ab und zu schrieb er für das Online-Magazin "Telepolis" und das deutsche Magazin für Cyberkultur, "De:Bug". Jetzt schlägt er sich mit Gelegenheitsarbeiten als Programmierer durch.

Theoretiker Haupt: Nicht Information, sondern Desinformation
Carsten Volkery

Theoretiker Haupt: Nicht Information, sondern Desinformation

Am 11. September dann fand er seine neue Mission. Um 8.51 Uhr posaunte er die Nachricht auf seiner Webseite heraus - wenige Minuten nachdem das erste Flugzeug eingeschlagen war. "Ich war einer der Ersten, die die Passagierlisten von United Airlines und American Airlines runtergeladen haben." Doch bald kamen die ersten Fragen auf. Seither hat er seine Website zum Skeptiker-Portal ausgebaut und sich selbst völlig in der Cyber-Gerüchteküche verloren.

Als die Bush-Regierung vor knapp zwei Wochen einräumte, Vorwarnungen erhalten zu haben, sah Haupt sich bestätigt. Mit jeder neuen FBI-Enthüllung schlägt sein Herz höher. "Wir sind dabei, Demokratiegeschichte zu schreiben." Am Ende, ist er überzeugt, wird alles rauskommen - was immer das sein mag. Zunächst muss er jedoch noch die neuesten Nebelkerzen des Pentagon bekämpfen: Seit der öffentlichen Kritik an Präsident Bush ist plötzlich die Leiche von Daniel Pearl aufgetaucht, wurde bekannt, dass Osama Bin Laden lebt, war New York auf einmal wieder in Gefahr. In Haupts Augen alles sehr verdächtig: "Wir dürfen uns nicht ausruhen."

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