11.September-Prozess: Moussaoui verwirrt US-Behörden mit Geständnis

Von Georg Mascolo, Washington

Zacarias Moussaoui, der als 20. Attentäter der 11. September-Anschläge gilt, hat sich in den USA schuldig bekannt. Doch nach der Aussage herrscht Verwirrung: Moussaoui behauptet, er sollte den in einem US-Gefängnis einsitzenden Scheich Omar Abdul Rahman freipressen. Hätte dies nicht funktioniert, wollte er einen Jumbojet aufs Weiße Haus stürzen lassen.

Zacarias Moussaoui (2002): Angeklagt wegen Verschwörung
AP

Zacarias Moussaoui (2002): Angeklagt wegen Verschwörung

Washington - Sechs Worte reichen aus um Zacarias Moussaoui dem Tod ganz nahe zu bringen. "Schuldig" sagt er mit schwerem französischem Akzent als die Richterin die Anklagepunkte verliest, schuldig, schuldig, ja, ich bin schuldig. "Ich erwarte keine Milde", fügt Moussaoui noch hinzu, als könnte er die Hinrichtung gar nicht mehr erwarten.

Wie erstarrt wirken seine Anwälte, wie befreit die Ankläger. Drei Jahre bitterer juristischer Auseinandersetzungen enden an diesem Freitagnachmittag im Saal 700 des Eastern District Court in Alexandria, Virginia. Amerika hat seinen ersten Verantwortlichen für die Terrorattacken des 11. Septembers 2001 gefunden.

Moussaoui (Gerichtszeichnung): "Werde mit allen Mitteln gegen die Todesstrafe kämpfen"
DPA

Moussaoui (Gerichtszeichnung): "Werde mit allen Mitteln gegen die Todesstrafe kämpfen"

Die großen Fernsehanstalten senden live, Journalisten stürzen zu den Münztelefonen in der Lobby des Gerichtsgebäudes. Bis zuletzt gab es trotz aller Ankündigungen der vergangenen Tage Zweifel, ob Moussaoui wirklich gestehen würde. "Wollen Sie sich nicht mit Ihrem Anwalt beraten?" hatte die Richterin Leonie Brinkema noch einmal vorsichtshalber gefragt. "Wir haben genug geredet", sagt der 36-Jährige, bevor er ein vorbereitetes fünfseitiges Papier unterschreibt. "Endlich kriege ich einen Stift."

Zwei bullige Sicherheitsbeamte stehen dicht hinter dem erschöpft und ungepflegt wirkenden Häftling. Sie müssen mit dem Tod rechnen, sagt Richterin Brinkema und vergisst auch nicht noch mögliche Geldstrafen zu erwähnen, die das Gesetz vorsieht. "Ich frage mich nur, wo ich das Geld herbekommen soll", sagt Moussaoui und der Saal lacht.

Bis zuletzt hatten die Anwälte versucht das angekündigte Geständnis ihres Klienten zu verhindern. Er ist nicht zurechnungsfähig, man muss ihn vor sich selbst schützen, hatten sie argumentiert. Brinkema entschied nach einem langen Gespräch mit Moussaoui am vergangenen Mittwoch anders. "Er ist extrem intelligent und versteht mehr von unserem Rechtssystem als manche Anwälte die ich hier getroffen habe", sagt sie.

Ganz so sicher wirkt sie da am Ende der 45 Minuten dauernden Geständnisprozedur nicht mehr. Denn kaum hatte Moussaoui alle Vorwürfe eingeräumt, beteuert er in einem schwer verständlichen Wortschwall, dass er mit den Terrorattacken doch gar nichts zu tun gehabt habe: "Jeder weiß, dass ich keiner der Märtyrer des 11. Septembers bin."

Statt der erhofften Aufklärung ist ein ohnehin schon komplizierter Fall nur noch undurchsichtiger geworden. Welche Rolle dieser Moussaoui in dem al Qaida-Anschlag der Amerika so sehr erschütterte, wirklich spielte, bleibt so unklar wie zuvor. Verhaftet wurde er im August 2001, weil er in einer Flugschule in Minnesota auffiel. Seine radikalen Überzeugungen wurden schnell entdeckt. "Islamisten lernen zu fliegen", hieß die Überschrift eines Memorandums für die CIA-Spitze, das von der Festnahme Moussaouis berichtete. Dass trotz solcher Hinweise und des Drängens der Agenten vor Ort der Fall nicht energisch weiter untersucht wurde, gilt in Amerika als das schwerste der zahlreichen Versäumnisse der Geheimdienste. Die beste Gelegenheit den Plot aufzudecken und zu verhindern verstrich.

Moussaoui hat zwei Universitätsabschlüsse, eine Familie in Frankreich und eine Odyssee durch die Ausbildungslager der al Qaida in Afghanistan hinter sich. Einen "Sklaven Allahs" nennt er sich, nur zu gern bereit, die Ungläubigen zu töten. Aber was er wirklich mit den Attentätern des 11. Septembers zu tun hat, weiß auch die amerikanische Regierung bis heute nicht.

Als 20. Attentäter wird er gemeinhin bezeichnet, aber sicher ist nur, dass Moussaoui irgendwie in das Komplott verwickelt war. Wie, das hat selbst eine US-Untersuchungskommission nie abschließend klären können. Ramzi Binalshibh, jener Freund der Hamburger Todespiloten, der seit seiner Verhaftung in Pakistan in US-Gewahrsam sitzt, hat ihn schwer belastet. Moussaoui sei als Ersatzmann eingeplant gewesen, falls der als Pilot vorgesehene Ziad Jarrah sich doch für seine große Liebe in Deutschland und damit für das Leben entschieden hätte. Binalshibh überwies dem Glaubensbruder Moussaoui aus Hamburg 14.000 Dollar für dessen Flugausbildung.

Khaled Scheich Mohammed, der ebenfalls in US-Gewahrsam sitzende frühere al Qaida-Operationschef, hat Binalshibhs Version bestritten. Moussaoui sei als Pilot für eine zweite Attacke an der Westküste der USA vorgesehen, die aber aus Mangel an Piloten und anderer Schwierigkeiten eine Idee blieb. Einig sind die beiden 11. September-Planer nur in einem Punkt: Moussaoui sei nicht diskret genug gewesen, der sonst so instinktsichere Osama Bin Laden habe bei seiner Auswahl einen schweren Fehler gemacht.

Seit gestern gibt es noch eine dritte, Moussaouis Version. Er fängt an sie zu erzählen, als viele der Journalisten schon aus dem Saal gestürmt sind, um die Sensation des Schuldeingeständnisses an ihre Redaktionen zu melden. Ein Terrorist sei er ja, sagt Moussaoui, aber mit ganz anderem Auftrag als bisher angenommen. Er habe den in einem US-Gefängnis einsitzenden blinden ägyptischen Kleriker, Scheich Omar Abdul Rahman freipressen wollen. Wenn der wegen seiner Beteiligung an einem ersten Anschlag gegen das World Trade Center im Jahr 1993 verurteilte Glaubensbruder nicht freigelassen worden wäre, wollte Moussaoui nach eigenen Angaben einen Jumbo-Jet ins Weiße Haus rammen.

Teile davon finden sich auch in der von ihm unterschriebenen Erklärung, aber die Geschichte mit dem blinden Scheich fehlt. Von ihr haben auch die amerikanischen Geheimdienste und die US-Untersuchungskommission noch nie gehört. Dafür hat Moussaoui behauptet, von Bin Laden persönlich den Befehl für die Attacke auf die Regierungszentrale erhalten zu haben.

Nichts passt am Ende dieses Prozesstages wirklich zueinander, statt der erwarteten Aufklärung herrscht Verwirrung. Richterin Brinkema stoppt den immer lauter und aufgeregter werdenden Moussaoui, der gar nicht aufhören will der verworrenen Geschichte immer neue Details hinzuzufügen. "Das ist hier nicht die Zeit und der Ort." Aber Moussaoui will nicht aufhören zu reden. "Das ist meine letzte Gelegenheit zu sprechen." Brinkema beendet die Anhörung.

Juristisch ist der Fall abgeschlossen, jetzt muss nur noch das Strafmaß festgesetzt werden. Was die Regierung bei den jetzt beginnenden Verhandlungen über das Strafmaß erreichen will, hat US-Justizminister Alberto Gonzalez sofort wissen lassen: "Wir wollen die Todesstrafe."

Bis gestern galt als sicher, dass der rätselhafte Franzose auch da keinen Widerstand mehr leistet. Er will sterben, erklärte einer seiner Anwälte der "New York Times" und das hat Moussaoui am Mittwoch auch noch gegenüber der Richterin erklärt.

Moussaoui muss zurück in seine Zelle, aber Zeit für eine letzte Volte bleibt ihm doch noch: "Ich werde mit allen Mitteln gegen die Todesstrafe kämpfen", sagt er.

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