110 und 112 Missbrauch von Notrufen nimmt zu

Wer nach dem Weg oder der Uhrzeit fragen will, sollte nicht 110 oder 112 wählen. Solche falschen Notrufe machen jedoch die Hälfte der Anrufe bei den Rettungsdiensten aus. Ihre Zahl steigt.

DPA


Ende Juli nimmt die Polizei in Bremen drei junge Verdächtige fest - zwei Frauen und einen Mann im Alter von 18 bis 22 Jahren. Der Vorwurf: in 39 Fällen soll das Trio mit falschen Notrufen Einsätze von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten ausgelöst haben - manche davon mit hohem Personalaufwand. Nun drohen dem Trio Haftstrafen.

Wo Szenarien wie Bombenanschläge, Kinder im Gleisbett oder Amokläufe im Raum stehen, lässt das auch erfahrene Polizisten nicht kalt. "Wenn es um Menschenleben geht, wird nicht lange gefackelt", sagt ein Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Dann fahre die Polizei ihr ganzes Arsenal auf. "Es gibt Notrufe, die massiv belasten", sagt er. Umso größer sei die Erleichterung, wenn sich vermeintliche Brände, Überfälle oder Amokläufe als falsch herausstellten.

Anderseits handelt es sich bei Fake-Anrufen um Straftaten. Notrufe missbrauchen, Warnschilder besprayen oder zum Beispiel einen Nothammer in der U-Bahn klauen: Der Paragraf 145 im Strafgesetzbuch, der solche Fälle zusammenfasst, klingt sperrig: "Missbrauch von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln".

Hälfte der Notrufe sind falsch

Fast 11.000 Verstöße zählte das Bundeskriminalamt im vergangenen Jahr deutschlandweit, damit hat die Zahl der falschen Notrufe zugenommen: 2015 waren es etwa 300 Fälle weniger. Die meisten Verstöße gab es 2016 im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen (1945). An zweiter Stelle folgt Berlin (1353), dann Baden-Württemberg (1192) und Bayern (1126). Täter können mit Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder Geldstrafen belangt werden.

Die Polizeidirektion Süd in Sachsen-Anhalt, bei der täglich etwa 350 Notrufe eingehen, schätzt die Zahl falscher Notrufe auf etwa die Hälfte. Zum täglichen Geschäft gehörten Fragen nach Telefonnummern von Geschäften oder Privatleuten. Typisch seien auch Pizzabestellungen, Fragen nach dem Weg oder der Uhrzeit. Oder es würden gefundene Tiere und Fundsachen gemeldet.

Nur ein kleiner Teil der Fälle taucht in der BKA-Statistik auf und wird geahndet. Entscheidend sei eine böswillige Absicht - und die gebe es vergleichsweise selten, erklärt Florian Hirschauer von der Polizeidirektion München.

"Die Polizei ist in gewisser Weise auch eine Service-Dienststelle", heißt es beim Polizeipräsidium Oberpfalz. "Uns ist es lieber, wenn Menschen einmal zu oft anrufen. Menschen, die Probleme haben, sollen sich weiter an die Polizei wenden", sagt Björn Neureuther, Vorsitzender des Bundesfachausschusses Schutzpolizei der Polizeigewerkschaft GdP.

"Es gibt gegenüber der Polizei meist noch eine gewisse Hemmschwelle", teilt die Pressestelle der Gewerkschaft mit. Weil viele sich vor möglichen Strafen fürchteten, halte sich die Zahl der wirklich böswilligen Anrufe in Grenzen. "Wie wir hören, hat die Feuerwehr damit ein größeres Problem."

Warteschleife zu Spitzenzeiten

Ein Befund, den Rettungsdienste in Hessen und Rheinland-Pfalz bestätigen dürften. Seit zwei bis drei Monaten häuften sich Notrufe wegen angeblich ins Wasser gefallener Menschen, sagte Axel Pitthan vom Lagedienst der Wiesbadener Feuerwehr der Deutschen Presse-Agentur Mitte August. Die Fehlalarme seien mit einem enormen zeitlichen und personellen Aufwand verbunden.

In einem Fall habe die Feuerwehr sogar eine Suchaktion gestartet. Taucher, Wärmebildkameras, ein Polizeihubschrauber und die DLRG seien im Einsatz gewesen und hätten den Main abgesucht. Die Einsatzkräfte hätten keinerlei Indizien für einen echten Notfall gefunden. Zudem habe es am helllichten Tag keinerlei weitere Zeugen gegeben. "Erst wenn man sich wirklich überzeugt hat, dass da nichts war, kann man wieder zurückfahren", sagt der GdP-Sprecher über Einsätze, bei denen sich schnell abzeichnet, dass es sich um Falschmeldungen handeln könnte.

Auch Anrufe, die von vornherein absurd klingen, können die Beamten nicht einfach ignorieren, weil sichergestellt sein muss, dass wirklich kein Notfall vorliegt - aus Sicht des GdP-Sprechers ein Dilemma: "Es kann in Spitzenzeiten tatsächlich mal so sein, dass man in einer Wartschleife landet. Wenn jemand warten muss, der Hilfe braucht, ist das bitter."

Welche Strafe das Trio aus Bremen für das Strapazieren der Notruf-Nummer erwartet, ist noch unklar.

"Ich will meine Freundin nicht mehr" - Video über Notruf-Missbrauch

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Oliver Beckhoff und Antonia Hoffmann, dpa/abl



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