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Fund aus der NS-Zeit: Das Rätsel von Gut Graßlfing

Von , München

Rätselhafter Fund bei München: Schatzsucher entdeckt Spuren italienischer Elitekämpfer Fotos
Thomas Skorch/ deepscan.de

Ein Hobbyforscher fand Tausende Uniformabzeichen, Gürtelschnallen und persönliche Gegenstände italienischer Elitedivisionen unter der Grasnarbe eines Gutes in Oberbayern. Was ist mit den Soldaten geschehen?

Als die deutsch-italienische Historikerkommission im Jahr 2012 einen umfangreichen Bericht über die Kriegsverbrechen von Wehrmacht und SS in Italien vorlegte, war dies ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung der Gräueltaten im "Dritten Reich". Doch die Forscher stießen auch auf Schicksale, die rätselhaft blieben.

In der Untersuchung geht es unter anderem um rund 600.000 italienische Soldaten, die im September 1943 von den Nazis in deutsche Konzentrations- und Gefangenenlager verschleppt wurden. Rund 40.000 von ihnen überlebten die Arbeitseinsätze in der Rüstungsindustrie nicht. "Von etwa 5000 Gefangenen", heißt es in der Expertise, "fehlt jede Spur". Das könnte sich nun ändern.

Unter der Grasnarbe der Wiesen rund um das Gut Graßlfing im Norden von München entdeckte der Hobbyforscher Thomas Skroch rund 4000 Metallgegenstände aus der persönlichen Ausrüstung italienischer Elitekämpfer. Skroch nennt den Fund eine Sensation. Und auch beim Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München hält man die Entdeckung für "ziemlich spannend".

Gab es ein Massaker? Ein Massengrab der Nazis? Lagerte die Wehrmacht dort Uniformen von italienischen Gefangenen? Oder wurde persönlicher Besitz von Getöteten nach einer anderen Massenexekution nach Graßlfing gebracht, um Spuren zu verwischen?

Thomas Schlemmer, Experte für neuere Geschichte beim IfZ, ist der Ansicht, dass nachgeforscht und gegraben werden müsste. "Die Öffentlichkeit sollte ein Interesse daran haben, zumindest auszuschließen, dass es dort ein Massengrab gibt", sagt Schlemmer.

Thomas Skroch stieß bereits vor Jahren durch Zufall auf die verborgene Militärausrüstung von Graßlfing. Der Geschäftsmann aus dem Raum Dachau, der hochsensible Metalldetektoren vertreibt, hielt die ersten Fundstücke bei seinen Wanderungen durch das feuchte Moos neben den ehemaligen Stallungen des Gutes für unbedeutend. Doch 2012 begann Skroch, intensiv zu suchen.

Auf einem etwa zwei Hektar großen Wiesenstück förderte er kistenweise Material aus dem Boden:

  • viele hundert metallene Abzeichen von italienischen Elitekämpfern der Gebirgsjäger,
  • rund tausend Koppelschlösser von Uniformgürteln,
  • Essbesteck aus Italien,
  • Wasserflaschen,
  • Abzeichen von Offizieren,
  • Knöpfe von Unterhosen und Unterhemden,
  • Erkennungsmarken,
  • kleine Musikinstrumente,
  • Zigarettendosen mit italienischer Aufschrift,
  • aber auch Reste deutscher Leuchtspurmunition und einzelne Militärabzeichen der Nazis.

"Was fehlt", sagt Skroch, "sind Helme und Waffen". Skroch verglich alte und neue Karten der Hofanlage und entdeckte, dass Gebäude nach dem Krieg abgerissen und Grundstücke teilweise aufgefüllt oder abgeschoben worden waren. Die Metallstücke in der Erde wurden dabei vermutlich über das Gelände verteilt. Ursprünglich dürften sie auf engem Raum beieinandergelegen haben.

Aber warum? Wurden Häftlinge entkleidet und ihr Besitz verbrannt? Aber hätte man ihnen dann zur Zwangsarbeit nicht wenigstens die Unterwäsche gelassen? Oder wurden sie erschossen? Die Abzeichen stammen von den berühmten Alpini-Brigaden. Von der zweiten Division Tridentina, von den Divisionen Julia, Chuneese, Pasubio, Brennero und sogar von den als besonders grausam eingestuften Schwarzhemden der Division Leonessa.

Gerade diese Divisionen kämpften in Russland an der Seite des deutschen Heeres vor Stalingrad und Nikolajewka. Im Herbst 1943, als die italienische Armee kapituliert hatte, wurden viele Überlebende von der Wehrmacht gefangen genommen. Skroch fand in Graßlfing nur eine einzige noch leserliche Erkennungsmarke: die von Ernesto die Mancini, geboren 1911. Doch genau dieser Fund ist aufschlussreich. Denn er beweist, dass die Gegenstände tatsächlich aus dem Zweiten Weltkrieg stammen.

Die Divisionsabzeichen aus Metall ordnen Historiker eigentlich der Armee zu Zeiten von König Viktor Emanuel III. (1900 bis 1946) zu, denn später benutzte man Stoffabzeichen. Doch die stets schlecht ausgerüsteten italienischen Soldaten mussten aus Kostengründen die alten Marken wiederverwenden.

Fest steht bislang nur, dass das Gut Graßlfing, seit 1923 im Besitz des Wittelsbacher Ausgleichsfonds, sowohl im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg militärisch genutzt wurde. In den großen Stallungen wurden einst Pferde gezüchtet und Nachwuchspferde für die Kavallerie gehalten und trainiert. Auch Berichte von wenigen polnischen und ukrainischen Zwangsarbeitern finden sich in den Archiven. Doch von Hunderten italienischen Militärinternierten gibt es kein einziges Zeugnis.

Der Wittelsbacher Ausgleichsfonds teilte mit, während des Zweiten Weltkriegs habe die Standortverwaltung München für das Heeresbekleidungsamt ein Lager im Gut Graßlfing gemietet. Für Wehrmachtsuniformen. Ausrüstungsgegenstände der Deutschen fand Skroch jedoch nirgends auf dem Gelände. In der 15 Kilometer entfernten KZ-Gedenkstätte Dachau hat man weder von einem Rüstungsdepot noch von einem Gefangenenlager Graßlfing je gehört. Dort verwies die Leiterin Gabriele Hammermann den Forscher Skroch auf das Tagebuch des tschechischen Häftlings Karel Kasak.

Kasak berichtet von rund 70 Waggons mit italienischem Beutegut, die 1943 den Dachauer Bahnhof des SS-Lagers erreichten. Sie sollen jedoch hauptsächlich Waffen und Munition enthalten haben. Haben SS-Leute Uniformen nach Graßlfing abgezweigt und bei Kriegsende vergraben? Weshalb?

Seine Funde will der Unternehmer einem Museum zur Verfügung stellen. Vor allem Historiker aus Italien dürften Interesse an dem militärisch interessanten Schatz bekunden. IfZ-Experte Schlemmer kann sich dagegen eine Verwendung in Berlin vorstellen. Dort will die Bundesregierung jetzt im ehemaligen Zwangsarbeiterlager Niederschöneweide eine Gedenkstätte für die getöteten italienischen Soldaten errichten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. ich sach mal
conny1969 25.01.2015
Waffen und Helme hat man benutzt, der Rest aus Metall wurde zum Einschmelzen und anschließender Wiederverarbeitung abtransportiert. Hat man so in Kriegszeiten gemacht(Aufruf zu Metallspenden im 1.und 2. WK), ist dann halt nicht soweit gekommen. Ein nicht vorhandenes Massengrab zu suchen kann ziemlich lange dauern, schafft und erhält aber Arbeitsplätze auf unbestimmte Zeit.
2. Erst Militärinternierte, dann Zivilarbeiter
langenscheidt 25.01.2015
1943 waren die italienischen Soldaten "Militärinternierte" und somit nach "deutschem Recht" vogelfrei. Ab 20.7.44 konnte Mussolini Hitler bewegen, die italienischen Soldaten als "Zivilarbeiter" zu behandeln und somit bessere Bedingungen für ihre Gefangenschaft zu erreichen. Da Deutschland im Laufe des Krieges enorm an Metallnot litt, kam wer auf die Idee den "Militärinternierten" jegliche Metallgegenstände zu entledigen und der Industrie zuzuführen. Letzteres scheiterte wahrscheinlich 1944 an der sich auflösenden Infrastruktur in Deutschland. Also wurde das zwischengelagerte Metall vergraben, da in Graßlfing oder eine Person die weisungsbefugt zu Graßlfing war von Kriegsverbrechen der Deutschen wusste und einen im Nachgang irrtümlichen Zusammenhang von Kriegsverbrechen ausschliessen wollte.
3. Sensation
Spax73 25.01.2015
Ich vermute: Buntmetall. Total spannend.
4.
nurEinGast 25.01.2015
ich würde eher darauf tippen, dass sich dort Italiener ihrer Rangabzeichen entledigten, um bei Kriegsende einfacher nach Hause zu kommen. Hätten ja dann auch Kriegsgefangene sein können oder anderswie verschleppte. Ich denke, ein Massengrab wird es dort nicht geben. Denn dann hätte man schon viel eher etwas davon gehört. Aber wenn man ein solches suchen will- auch gut. Wie der Kollege über mir schon sagte: So eine Suche kann lange dauern und Arbeitsplätze schaffen. Und Massnahmen, die Arbeitsplätze schaffen, sind immer gut.
5.
alettoria 25.01.2015
Super, immer wieder schön auf den alten Klischees rumreiten. Vielleicht haben sie Soldaten die alten Abzeichen weiter verwendet, weil sie stolz darauf waren? Einerseits sind sie berühmt und berüchtigt, andererseits sind sie "immer schlecht ausgerüstet"? Da ist wohl wieder mal ein altes Vorurteil mit dem Autor durchgegangen... (die deutschen Soldaten haben ja im Krieg auch nie gefroren, sie waren ja Deutsche, da kann nichts falsch sein, gell?)
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