25 Jahre Johannes Paul II. Der Fehlbare

Er ist der Popstar unter den Kirchenfürsten, gilt als globaler Friedensmissionar. Johannes Paul II. ist seit 25 Jahren im Amt und gehört damit zu den dienstältesten Pontifizes der Kirchengeschichte. Seiner Kirche nützt das wenig, seine Widersprüche und vehemente Opposition gegen jede Empfängnisverhütung schrecken viele Menschen ab.


Die innere Leere: Papststuhl
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Die innere Leere: Papststuhl

Berlin - Elf Jahre war der Junge alt, als er dem Papst zum ersten Mal begegnete. Das war im Jahre 1980. Obwohl der Junge auf einer katholischen Privatschule erzogen wurde und als Messdiener fleißig Weihrauch schwenkte, konnte er nicht verstehen, warum seine Eltern so aufgeregt waren, so ehrlich erfreut über den Besuch des Polen aus Rom in Deutschland, dass sie ihn ins Auto packten, um zur Papstmesse zu fahren, nein, zu pilgern. Den Papst nahm der Junge nur als kleinen weißen Punkt in der Ferne wahr, wenn der Wald der Beine mal kurz den Blick auf die weit entfernte Bühne freigab.

Im Gedächtnis geblieben ist ihm nur, dass er als Briefmarkensammler stolz war auf die Sonderwertmarken mit Papst-Stempel, die ihm sein Vater als Belohnung zur Erinnerung schenkte. Und dass diese Massenveranstaltung mit der kollektiven Seligkeit, die sich aus einem einzelnen Mann da vorne auf der Bühne speiste und den gigantischen Gesängen, die jeder auswendig kannte, als habe Dieter Thomas Heck sie vorher in der Hitparade angekündigt, dass dieser Massenrausch und Personenkult also so was wie sein erstes Stadionkonzert war.

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Johannes Paul II.: 25 Jahre auf dem Papstthron

Was der Junge damals noch nicht ahnte, war, dass Johannes Paul II. sich tatsächlich zu einem Popstar entwickeln sollte, der nun zu seinem 25-jährigen Bühnenjubiläum auch als solcher gefeiert wird. Das ist gelinde gesagt eine erstaunliche Entwicklung. Fernsehen und Zeitungen überschlagen sich in ihren Hymnen auf den "Unbeugsamen", alle Exzesse und Verfehlungen des Unfehlbaren in der Vergangenheit gehen auf in den Lobgesängen auf den "eiligen Vater", der nur knapp den Friedensnobelpreis verpasst hat.

In der Tat nötigt einem das Pensum des Papstes gehörigen Respekt ab. Selbst für eine Kirche, die in Jahrhunderten denkt, sind 25 Jahre eine lange Zeit. Schon die nackten Zahlen der nun seit 25 Jahren anhaltenden Welttournee des Papstes verraten einiges über seinen missionarischen Willen. Bisher 102 Auslandsreisen führten Johannes Paul II. in 130 Staaten, 143 Reisen durch Italien nicht mitgerechnet. Dabei legte er über eine Million Reisekilometer zurück. 14 Enzykliken tragen seinen Namen, 201 Kardinäle verdanken ihm ihren Ehrentitel, in 1095 Generalaudienzen zeigte er sich den Rom-Pilgern. Die beeindruckendste Zahl aber betrifft seine Reden. 18 Millionen Worte soll der Jubilar in den 25 Jahren gesprochen haben, verbreitet der Vatikan mit Stolz. Alles Gründe, warum Karol Wojtyla von Millionen so verehrt wird, warum auch Menschen, die seine Gegner sind, ihm den Respekt nicht versagen. Er ist immer noch da, immer in Bewegung und doch der Fels der Kirche - ein "Rolling Stone". Karol der Große.

Papa ante portas

Zur Ikonisierung dieses Papstes hat auch beigetragen, dass er wie keiner seiner Vorgänger Medienpräsenz zeigte. Jeder kennt die Szenen: ob er nun auf irgendeinem Flughafen den Boden küsste, mit Bob Dylan sang oder dem Dalai Lama zusammen betete, von Boris Becker einen Tennisschläger entgegennahm, auf Skiern die Berge hinunterraste, zitternd an der Klagemauer stand, seinen Attentäter Ali Agca in der Zelle besuchte oder nun von Tarik Asis über Jassir Arafat, Michail Gorbatschow, Ronald Reagan, Joschka Fischer, Tony Blair und unzähligen Weltenlenkern jeglicher Coloeur Audienz gewährte - die Welt wusste immer: Habemus papam. Oder zumindest: papa ante portas.

Auch der immer sichtbarere gesundheitliche Verfall hat seinen Status nur gestärkt. Für keinen anderen Star würde die Welt noch Schlange stehen - nur um ihn zu sehen. Er kann kaum noch gehen, lesen oder reden. Doch die Tapferkeit im Ertragen seiner Krankheit und der Mut, sich in seinem Zustand immer wieder öffentlich zu zeigen, nötigt nicht nur den Katholiken Respekt ab - denen aber besonders, weil Leiden unter Katholiken etwas Gottesfürchtiges ist: Schuld und Sühne, das Leben ein Kreuzweg. Da ist der Papst ein Vorbild.

Der Papst ist der größte Exportschlager des Vatikan. Er ist so gut vermarktet, dass es gar nicht mehr weiter auffällt, dass die Katholikenzentrale inhaltlich ausgeblutet ist. Johannes Paul hat im Laufe seines Pontifikates alles auf sich zugeschnitten. Und wenn er nichts mehr entscheiden kann, wird nichts mehr entschieden, weil sich keiner traut ohne den Segen des allmächtigen Pontifex zu handeln. Der Handlungsreisende in Sachen Kirche hat sein Produkt so weit personalisiert, dass inhaltliche Diskussionen schlicht nicht mehr stattfinden.

Mission als Moralist

Im Rückspiegel wird alles größer: Für seine Verehrer hat der Kommunistenfresser den Eisernen Vorhang im Alleingang niedergerungen, den Dialog der Weltreligionen gefördert, die um sich wütende Globalisierung in die Schranken gewiesen und den Kriegsherren der Welt ins Gewissen gesprochen. Dieser Mission nach außen als Moralist steht ein straffes Regiment nach innen gegenüber. Er kann auch deshalb als letzte Instanz so glänzen, weil ihm die Gegner abhanden gekommen sind beziehungsweise weiterhin mit harter Hand klein gehalten werden.

In seinem Innern ist er immer ein Erzkonservativer geblieben, der nun im altersmilden Licht dasteht. Spricht noch jemand über die heftigen Konflikte der Anfangsjahre, als Johannes Paul II. die Jesuiten zur konservativen Kurswende nötigte, dem unheimlichen "Opus Dei" den Rücken freihielt, die Befreiungstheologen in Lateinamerika im Stich ließ, als er die holländische Kirche stellvertretend und als Mahnung an alle möglichen Rebellen in die Knie zwang? Die Rigorosität des Papstes und seiner Umgebung im Vatikan wirkt bis heute strukturell. Was mit der Ächtung von Theologen wie Hans Küng oder Leonardo Boff begann, hat sich zu einer Tendenz verdichtet, die auch viele Katholiken an ihrer Kirche (ver)zweifeln ließ.

Er bleibt ein Papst der Widersprüche. Er brachte die Weltreligionen an einen Tisch, reagiert aber im eigenen Laden reflexartig ablehnend auf jeden Ansatz von Ökumene unter Christen wie zuletzt nach dem deutschen Kirchentag in Berlin. Zeigt sich eine Frau in Altarnähe, geht es um Homosexualität, Geburtenkontrolle oder Zölibat, ist das indiskutable "Nein" aus Rom so gewiss wie das Amen in der Kirche.

Eine Katastrophe von biblischem Ausmaß ist vor allem die päpstliche Haltung zur Empfängnisverhütung. Der glühende Marienverehrer trägt mit seiner Ächtung von Kondomen eine gehörige Mitverantwortung an der Ausbreitung der Massenseuche Aids und den qualvollen Tod Tausender Menschen.

Renaissance als globaler Friedensfürst

Er ist der erste Vatikanchef, der Israel als Staat anerkannte. Aber er ist auch der Papst, der in Jad Waschem einen Kranz niederlegte und dann um Vergebung bat für die "Verfehlung einzelner Katholiken" - so als habe es nie eine Verwicklung der Amtskirche in die Judenverfolgung gegeben. Ging es um sexuellen (Amts-)Missbrauch von Würdenträgern oder dubiose Geschäfte der Vatikanbank, reagierte der Vatikan unter Karol wie der Kreml unter Breschnew. Der Unfehlbare ist auch der Papst der verfehlten Chancen.

Er war lange monothematisch. Den Christen hinter dem Eisernen Vorhang hat er in dunklen Zeiten viel Hoffnung gegeben. Als aber der Bischof Oscar Romero aus El Salvador nach Rom fuhr, um die Hilfe des Papstes zu erbitten für seinen Kampf gegen die Todesschwadrone in seiner Heimat, der auch besonders viele Priester zum Opfer fielen, ließ ihn der Papst stehen, weil ihm Gesandte der USA vorher eingegeben hatten, dass Romero mit seiner pazifistischen Linie den Sozialisten im Lande an die Macht verhelfen würde. Dass der Papst ihm mittels seiner Autorität nicht schützte, mag jene Mörder ermuntert haben, die mit Wissen des CIA Romero 1980 erschossen - an einem Altar. Erst danach kam Johannes Paul II. nach El Salvador und kniete am Grab des Toten.

Heute gilt der Papst auf der ganzen Welt als Friedensfürst. In irritierender Eintracht wurde sein Konterfei in diesem Frühjahr auf den Massendemonstrationen gegen den Irak-Krieg auch von seine alten Gegnern aus dem linken Lager auf T-Shrits über die Straßen getragen. Sie hofften auf ihn, weil George W. Bush im Namen Gottes in den Krieg ziehen wollte. Zwar hatte der Papst in seiner berühmten Rede aus dem Frühjahr sich gegen den Krieg ausgesprochen - ihn aber als letztes Mittel nie ausgeschlossen. Nur wurde diese Passage nie zitiert, weil angesichts der weltweiten Ohnmacht die Sehnsucht nach einem starken Widerpart so groß war, nach einer übergeordneten Instanz, die dem selbst ernannten Kreuzritter Bush in den Arm fallen würde.

Alte Männer und Macht

Schwer gezeichnet: Papst Johannes Paul II.
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Schwer gezeichnet: Papst Johannes Paul II.

Der elfjährige Junge, der 1980 in Deutschland erstmals eine Vorahnung bekam von dem Kultstatus, den Johannes Paul II. in seinem Pontifikat erreichte, sah den Papst noch ein zweites Mal. Das war Anfang 1998, wieder auf so einer symbolträchtigen Reise des Pontifex, die Kirchengeschichte schrieb. In Havanna auf Kuba fuhr der schon deutlich körperlich geschwächte Pole durch eigens für seinen Besuch fix restaurierte Straßen, die den Blick auf das zerfallende Kuba von Fidel Castro verbargen.

Der Maximo Lider als letzter sozialistischer Herrscher genoss sichtlich die internationale Aufwertung durch den hohen Besuch des Kommunistenhassers und Castro verzichtete sogar auf seine obligatorische Uniform als Revolutionsführer. Sie standen einträchtig beieinander, zwei deutlich gezeichnete Männer unerschütterlich im Glauben an ihre Sache. Die beiden dienstältesten undemokratischen Herrscher, wie Tag und Nacht und doch so ähnlich, weil sich beide für unersetzlich hielten in dem Vertrauen nur noch auf sich selbst, das Richtige zu tun. 18 Jahre nach seinem ersten Papstbesuch schrieb der Junge in sein Tagebuch: "Ich habe heute eine bedrückende Kombination gesehen: Alte Männer, die nicht von der Macht lassen können, so blind und doch so verehrt. Die Welt ist verrückt. Und beängstigend."



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