Abhöraffäre Murdoch nimmt Skandalblatt "News of the World" vom Markt

Die britische Boulevardzeitung "News of the World" wird eingestellt. Manager James Murdoch erklärte, am Sonntag werde die letzte Ausgabe erscheinen. Das Blatt hatte mit illegalen Abhörmethoden einen Skandal ausgelöst und damit das gesamte Murdoch-Imperium in Schwierigkeiten gebracht.


London - James Murdoch, Sohn des Medienmoguls Rupert Murdoch, stellt das britische Boulevardblatt "News of the World" ein. Die letzte Ausgabe komme am Sonntag in den Handel, teilte Murdoch am Donnerstag mit. Die Zeitung ist in einen massiven Abhörskandal verwickelt. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, die Telefongespräche von Prominenten abgehört und die Handys von Entführungsopfern und Angehörigen von Anschlagsopfern gehackt zu haben.

Murdoch sagte, die Ausgabe am Sonntag erscheine ohne Anzeigen. Die Erlöse aus dem Verkauf sollen wohltätigen Zwecken gespendet werden. Wenn die gegen die Zeitung erhobenen Anschuldigen wahr seien, "wäre das unmenschlich und hätte keinen Platz in unserem Unternehmen", so Murdoch. Übeltäter hätten eine gute Redaktion in den Schmutz gezogen, "das wurde nicht erkannt oder nicht angemessen verfolgt".

"News of the World" hat eine Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren. Sie wurde 1843 gegründet.

In einer Ansprache vor den Mitarbeitern der Zeitung sagte Murdoch, die Zeitung habe eine stolze Geschichte, in der sie Kriminalität bekämpft, Fehlverhalten enthüllt und die News der Nation gesetzt habe. "Wenn ich Leuten sage, warum ich stolz bin, ein Teil der News Corporation zu sein, erzähle ich vom Bekenntnis zur freien Presse, das unsere Arbeit bestimmt." News Corporation ist das weltweit aktive Medienunternehmen Rupert Murdochs.

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Abhörskandal: Ende der "News of the World"

James Murdoch räumte zudem ein, dass es nicht nur ein Reporter war, der sich falsch verhalten habe. Es seien viele Fehler gemacht worden, die er aufrichtig bedaure.

Das Unternehmen teilte mit, dass die Schließung der Zeitung rund 200 Menschen den Job kosten werde. Sie sollen allerdings die Möglichkeit bekommen, in anderen Teilen des Unternehmens zu arbeiten.

In den vergangenen Tagen waren immer neue Vorwürfe laut geworden: Am Donnerstag berichtete der "Evening Star", dass Mitarbeiter der Gazette hohe Summen an Polizeibeamte gezahlt haben, insgesamt mehr als 100.000 Pfund.

Premierminister Cameron fordert Untersuchungen

Als Gegenleistung hätten die Ermittler "sensible und vertrauliche" Informationen zur Verfügung gestellt. Die Zahlungen "im sechsstelligen Bereich" seien über mehrere Jahre geflossen. Wer an den Vorgängen, sowohl auf Behördenseite als auch bei der "News of the World", genau beteiligt war, soll eine Untersuchung klären.

Ebenfalls am Donnerstag war bekannt geworden, dass Reporter möglicherweise auch die Angehörigen von im Einsatz getöteten britischen Soldaten bespitzelt hatten. Dies berichteten die Zeitungen "The Telegraph" und "Guardian" übereinstimmend.

Premierminister David Cameron hatte am Mittwoch Untersuchungen der Vorwürfe gefordert. Am Donnerstag sagte sein Sprecher: "Wichtig ist, dass alle Verbrechen aufgeklärt werden und dass alle, die für diese schrecklichen Taten verantwortlich sind, vor Gericht gebracht werden." Es müsse sichergestellt werden, "dass so etwas in unserem Land nie wieder passiert".

Wegen seiner engen Beziehungen zu den Murdoch-Medien gerät Cameron zunehmend in die Kritik. Oppositionsführer David Miliband forderte Cameron am Donnerstag auf, sich von der Medienmanagerin Rebekah Brooks, die zur Zeit der Abhöraktionen Chefredakteurin bei "News of the World" war, und anderen Verantwortlichen des Konzerns zu distanzieren.

Konzernchef Murdoch sagte am Donnerstag, Brooks habe von den Abhörpraktiken nichts gewusst. Er nannte die Vorgänge in seiner Redaktion "bedauerlich und nicht akzeptabel" und kündigte an, sein Unternehmen werde bei den Ermittlungen "vollständig und proaktiv" mit der Polizei zusammenarbeiten.

Erst am Mittwoch warnte der Chefredakteur, Colin Myler, in einem Statement auf der "News of the World"-Web-Seite, dem Blatt stünde "eine extrem schmerzhafte Zeit bevor".

Murdoch hat entschieden: Die Zeit ist abgelaufen.

Über die Praktiken der "News of the World" empören sich die Briten seit Jahren. Das Blatt soll unter anderem die Telefone von Prominenten wie Schauspielerin Sienna Miller und Mitgliedern des Königshauses angezapft haben, um so an Storys über ihr Privatleben zu kommen. Miller erstritt im Juni 2011 eine Abfindung von 100.000 Pfund von der Zeitung.

Zeitung soll auch Handy eines ermordeten Mädchens angezapft haben

Die Polizei hat nach eigenen Angaben eine Liste der Namen von 4000 Menschen, die von der Zeitung ins Visier genommen worden sein könnten.

In den vergangenen Tagen kamen ständig neue Einzelheiten ans Licht. Journalisten der Zeitung könnten demnach auch Telefongespräche von Angehörigen der Opfer der Terroranschläge auf die Londoner U-Bahn 2005 abgehört haben.

Graham Foulkes, dessen Sohn David bei den Anschlägen ums Leben kam, sagte der BBC, die Vorstellung, dass seine Anrufe mitgehört worden seien, sei "einfach entsetzlich". Nach Polizeiangaben könnten auch die Handys der Eltern von zwei im Jahr 2002 im ostenglischen Soham ermordeten zehnjährigen Mädchen angezapft worden sein.

Im Auftrag der Zeitung soll 2002 auch das Handy eines verschwundenen und später ermordeten Mädchens geknackt worden sein. Journalisten des Blattes hörten die Mailbox der 13-jährigen Milly ab, auf der Eltern und Verwandte immer verzweifeltere Nachrichten hinterließen.

Möglicherweise haben die Journalisten sogar Nachrichten von der Mailbox gelöscht, um Platz für neue zu schaffen. Die Eltern und die Polizei hatten dies als Zeichen gewertet, dass das verschwundene Mädchen noch am Leben sei. Die Leiche des Kindes wurde sechs Monate später in einem Wald gefunden.

bim/jok/Reuters/AP/AFP/dpa

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Seite 1
shizzobi 07.07.2011
1. -
Die einzig konsequente, und richtige Entscheidung. Eine Schande, dass diese Praktiken so lange geduldet wurden.
MikeNaeheHamburg 07.07.2011
2. Das lässt hoffen ...
Der nächste Schritt wäre, dass Springer ebenso konsequent ist. Wir hätten eine bessere Welt: Keine Atomkraftwerke mehr, keine schrottigen Kaufhäuser à la Karstadt und kein demagogisches Hetzblatt am Kiosk. Davon hätte ich vor 30 Jahren nie zu träumen gewagt, dass sich alles, was man sch**ße findet, von selbst abschafft :-D
sanityNow 07.07.2011
3. Eine weniger
Eine Dreckschleuder weniger, aber wird auch der Dreck weniger? Murdoch wird einfach weitermachen, mit und bei der SUN. Die Briten, die sich "schon lange" über die Praktiken aufregen, sollten vielleicht endlich aufhören, diesen Mist jeden Tag zu kaufen und zu lesen.
Gandhi, 07.07.2011
4. Es stellt sich die Frage,
Zitat von shizzobiDie einzig konsequente, und richtige Entscheidung. Eine Schande, dass diese Praktiken so lange geduldet wurden.
ob da wirklich nur von Duldung gesprochen werden muss. Ich gehe davon aus, dass die Macher angehalten waren, alles ihnen Moegliche zu tun, damit man gegenueber der Konkurrenz einen Vorteil hatte. Dann ist es Politik. Aber: nur nicht erwischen lassen. Und, wer erwischt wird, den laesst amn fallen wie einen heissen Apfel, denn ein Murdoch hat einen guten Ruf zu verteidigen. Ich meine, da sollte untersucht werden, ob strafbare Handlungen vorliegen und wie weit das Management involviert war. Gegebenenfalls muesste Murdoch dann auch mit weiteren Konsequenzen rechnen.
Transmitter, 07.07.2011
5. Wie von selbst. . .
Zitat von MikeNaeheHamburgDer nächste Schritt wäre, dass Springer ebenso konsequent ist. Wir hätten eine bessere Welt: Keine Atomkraftwerke mehr, keine schrottigen Kaufhäuser à la Karstadt und kein demagogisches Hetzblatt am Kiosk. Davon hätte ich vor 30 Jahren nie zu träumen gewagt, dass sich alles, was man sch**ße findet, von selbst abschafft :-D
Ich auch nicht. Und jetzt schreibt Sarrazin sogar dieses bemerkenswerte Buch "Deutschland schafft sich ab". In der Tat, alles, was man sch**ße findet, schafft sich irgendwie von selbst ab.
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