Abschiedskonzert der No Angels Wie Rex Gildo auf einer Kaffeefahrt

Bei ihrer letzten Show präsentierten sie sich in Hochform. Doch das Abschlusskonzert der Popgruppe No Angels ließ den Alptraum eines jeden Bühnenkünstlers wahr werden: Vorn amüsierte sich ein Haufen desinteressierter grauer Panther wie auf einer Cocktailparty, und von den hintersten Rängen kreischte eine traurige Schar von Fans.


Gute Show, tristes Ambiente: No Angels
DPA

Gute Show, tristes Ambiente: No Angels

München - Das Konzert war ein Konzert der Tränen, die No Angels konnten einem Leid tun. Voller Energie tanzten, sprangen, riefen die Pop-Sternchen: "Hallo München, habt ihr Spaß?" - doch die Fans waren weit weg, auf den Rängen der Münchner Olympiahalle.

Schuld an der tristen Stimmung waren die Manager der Gruppe. Sie hatten den Gig nicht als richtiges Abschiedskonzert in Szene gesetzt, sondern als Showauftritt am Rande eines Hallenreitturniers eingeplant. Doch weil die No Angels im September überraschend die vorläufige Trennung bekannt gegeben hatten, wurde der Abend, mehr oder weniger ungewollt, zu ihrem letztem Auftritt. Die Folge: Die Ränge der Münchner Olympiahalle blieben halb leer.

Noch kurz vorher hatten die Weltmeister des Springreitens in der Halle ihr Können gezeigt. Dann, gegen 22.00 Uhr am späten Freitagabend, stürmten die vier Mädels auf die kleine, in der Mitte des Innenraums aufgebaute Bühne. "100% Emotional" sangen sie als Erstes und wurden auch sofort von großen Emotionen überwältigt. Vanessa, das braunhaarige No Angel aus Berlin, weinte das ganze Lied hindurch und konnte die erste Strophe gar nicht mitsingen.

Denen direkt vor der Bühne war es egal. Wo sonst bei Konzerten Sicherheitspersonal die kreischenden Groupies von der Balustrade fern halten muss, wo, wenn richtig Stimmung aufkommt, schon mal der eine oder andere erschöpft auf einer Trage abtransportiert wird - langweilten sich nur akkreditierte Journalisten und VIPs in Reiterhosen.

Drumherum, noch vor den Rängen, waren auf beiden Seiten Lounges aufgebaut, in denen an beschaulichen Cafetischen Damen und Herren mittleren Alters den No Angels lauschten. Schauspieler Heino Ferch ("Das Wunder von Lengede") lehnte bemüht lässig an der Bande und zog an seiner Zigarre. Die Tristesse in der Halle schmerzt fast. Schlimmer waren wohl nur Auftritte von Rex Gildo in Einkaufszentren und auf Kaffeefahrten.

Auf der Bühne merkte man davon allerdings nichts. Die No Angels wussten, was sie ihren Fans schuldig waren - und sie lieferten eine erstklassige Show ab. Spätestens bei "Daylight in your Eyes" kam Stimmung auf, und bei "Rivers of Joy" kochte die kleine Schar der Fans - Teens, die der Band drei Jahre lang die Treue gehalten und Kritiker eines Besseren belehrt hatten, die glaubten, die Retortenband sei nur eine Eintagsfliege. Mit Plakaten "Wir werden euch nicht vergessen" und Sprechchören brachten sie die Mädels immer wieder zum weinen. Dann, nach fast zwei Stunden, hatten sie alle ihre Lieder gespielt, und das Konzert näherte sich dem Ende. "Wir haben euch eine Überraschung mitgebracht", rief die blonde Sandy, und bald darauf kam Jessica auf die Bühne, das bereits ausgeschiedene fünfte Bandmitglied. Am Ende ihrer Karriere wiedervereint, sangen sie noch einmal "Daylight in your Eyes", jenen Song, mit dem sie vor drei Jahren ihren Durchbruch geschafft hatten.

Sandy, Nadja, Vanessa, Lucy und das schon im Juli ausgestiegene fünfte Mitglied Jessica waren damals als erste Band in der RTL-II-Show "Popstars" ausgewählt worden. Seitdem veröffentlichten sie drei Alben, die alle den ersten Platz in den Charts eroberten. Drei Jahre lang wurden sie von ihrem Management auf Tour und von einem Fernsehauftritt zum nächsten geschickt. Dann kam die überraschende Auflösung. "Wir sind erschöpft", erklärten sie, "das letzte halbe Jahr waren wir abwechselnd nur noch krank".

Das Konzert besiegelte das Ende einer Fernsehshowidee, aus der heraus die No Angels geboren wurden. Zu Beginn ein Kunstprodukt, füllte es sich doch nicht nur nach Ansicht der Fans mit Leben. Die No Angels, so glaubte mancher auf dem Konzert zu begreifen, das war das Original. Alle danach oder noch in Zukunft bei Shows gecasteten Bands müssen sich erst einmal an ihnen messen lassen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.