Auf dem Weg zur S-Bahn am Hamburger Hauptbahnhof stinkt es schon um 21 Uhr nach Kotze, aber das muss nichts heißen, denn dort stinkt es häufiger. Ein paar Kids schlendern mit Bierflaschen in der Hand zum Gleis, die Stimmung ist ausgelassen. Zum letzten Mal können sie in den Bussen und Bahnen des Hamburger Verkehrsbundes (HVV) Alkohol trinken, ohne dass ihnen ein Bußgeld von 40 Euro droht - die entsprechende Verordnung tritt am 1. Oktober in Kraft. Auf Facebook hat sich Hamburgs Jugend deshalb zum "HVV-Abschiedstrinken" verabredet. Noch weiß niemand, was an diesem Abend passieren wird. Wie viele Menschen werden kommen? Hunderte? Tausende? Und: Wird es friedlich bleiben?
"Wir wollen jede unnötige Eskalation vermeiden", hatte Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum am frühen Abend gesagt. Mehr als 200 Sicherheitskräfte sind im Einsatz, die Bundespolizei auch, die Bahnen fahren alle fünf Minuten statt alle zehn, sogar Dixie-Toiletten stehen bereit. Dass Facebook-Partys ausarten können, wissen die Hamburger, seit im Sommer mehr als 1000 Menschen den 16. Geburtstag von Tessa feiern wollten. Wohin es die Feierwütigen nun treiben wird, welche Bahnlinien sie am meisten strapazieren werden - das ist noch unklar. "Wir wissen es nicht", hatte Kreienbaum gesagt.
Auch Erik, 21, feiert mit. Einer seiner Freunde steht auf dem Kasten Astra, den sie dabei haben. An der Haltestelle Landungsbrücken steigt die Masse um. Sie strömt grölend zum gegenüberliegenden Gleis und fährt zurück Richtung Stadtmitte. So geht es den ganzen Abend: Einsteigen, Party machen, aussteigen. Dann wieder von vorne.
Die Fäuste fliegen
Viele Bahnen sind eher leer, in anderen hüpfen Dutzende Trinkende um die Wette. Es gibt kein festes Muster. Man weiß nie, was der nächste Zug bringt - oder wie es weitergeht. "Wegen des Abschiedssaufens flippen die Leute jetzt aus", sagt der Zugführer durch den Lautsprecher, Notbremsen seien gezogen worden. "An der nächsten Haltestelle steht eine Bahn, daher können wir nicht losfahren. Wir bitten, die Verspätung zu entschuldigen." Der geplante Fünf-Minuten-Rhythmus kann längst nicht mehr eingehalten werden.
Erik und seine Freunde tragen ihren Kasten Bier an den Landungsbrücken eine Rolltreppe nach oben. Er sei überrascht von dem heftigen Gedränge in der ersten Bahn, sagt Erik, "negativ überrascht". Sein Kumpel sagt: "War geil." Dann ziehen sie weiter zur nächsten Bahn, die Nacht ist noch jung.
Unten am Gleis geraten einige Halbstarke aneinander, die Fäuste fliegen, der Mob löst sich aber schnell auf. Es ist 21.30 Uhr, die Party hat schon deutliche Spuren hinterlassen: Kaputte Flaschen liegen herum, in der Bahn stinkt es nach Rauch, auf den Sitzen liegt Müll. Die Abstände zwischen den Fahrten werden immer größer. In einer Durchsage an der Haltestelle Reeperbahn heißt es: Aufgrund mehrerer Polizeieinsätze verkehren derzeit keine S-Bahnen im Citytunnel. Das bedeutet: zwischen Jungfernstieg und Altona. Haben die Feierwütigen den Nahverkehr schon in die Knie gezwungen?
Ein Waggon bebt
Nein, sagt eine Sprecherin der S-Bahn am Telefon. Alles sei unter Kontrolle, die Bahnen im Citytunnel würden fahren. Gerade erst sei eine am Jungfernstieg angekommen. Doch an der Reeperbahn fährt erst mal gar nichts. Die Wartenden vertreiben sich die Zeit mit Bier und Gesang: "Ihr klaut mir mein Feierabendbier!" Ein Betrunkener pöbelt, die Sicherheitsmänner führen ihn unsanft davon. 15 Minuten später geht es endlich weiter.
22.30 Uhr, zurück am Hauptbahnhof. Die Sicherheitsleute dürfen sich offiziell nicht äußern, aber einer spricht doch: "Anstrengend und nervig" sei der Abend, "es sind einfach zu viele Leute unterwegs". In der U-Bahn Richtung St. Pauli bebt wenig später ein Waggon. Es riecht wie in einer Raucherkneipe, die Fahrgäste reißen Klebefolien von der Wand und pappen sie über die Kameras. Alle hüpfen, der ganze Waggon schwankt. Die Meute singt: "Hier regiert der Alkohol!"
Der Trubel lässt zwar langsam nach, aber die Feiernden verteilen sich immer noch über mehrere Linien. Am Bahnhof Altona schmeißt ein junger Mann den Ghettoblaster an, er wählt den Song Pretender von den Foo Fighters, dazu lässt es sich schließlich vortrefflich herumspringen. Wenige Meter weiter bieten HVV-Mitarbeiter Orangensaft zum Tausch gegen Alkohol an - ein beinahe aussichtsloses Unterfangen.
Die HVV-Abschiedstrinker vermischen sich zunehmend mit dem normalen Partypublikum eines Freitagabends. Rund 1000 Leute seien gekommen, schätzt die Bundespolizei. Vielleicht waren es mehr, vielleicht weniger. Die Hochbahn geht nur von 500 bis 600 aus. Eine verlässliche Zahl ist wohl kaum zu bekommen.
Es ist jetzt nach Mitternacht, der Sprecher der Hochbahn geht noch immer an sein Telefon. Und, wie fällt die Bilanz aus? Es seien weniger Menschen gekommen als befürchtet, sagt Kreienbaum. Zwei einzelne Gruppen seien auf Krawall aus gewesen, aber das habe man schnell in den Griff bekommen. Ein Wagen der U-Bahn sei wegen Sachbeschädigung aus dem Verkehr gezogen worden. "Das ist ärgerlich", sagt Kreienbaum, "aber es hätte schlimmer kommen können."
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