Abschiedssaufen in Hamburgs S-Bahn: Einsteigen, Party machen, aussteigen

Von Hendrik Ternieden

Ab jetzt müssen Fahrgäste 40 Euro Bußgeld zahlen, die in Hamburgs Bahnen und Bussen Alkohol trinken. In der letzten Nacht vor dem Verbot verabredeten sich Hunderte zum HVV-Abschiedstrinken - und brachten den Fahrplan gründlich durcheinander.

Foto: Getty Images

Auf dem Weg zur S-Bahn am Hamburger Hauptbahnhof stinkt es schon um 21 Uhr nach Kotze, aber das muss nichts heißen, denn dort stinkt es häufiger. Ein paar Kids schlendern mit Bierflaschen in der Hand zum Gleis, die Stimmung ist ausgelassen. Zum letzten Mal können sie in den Bussen und Bahnen des Hamburger Verkehrsbundes (HVV) Alkohol trinken, ohne dass ihnen ein Bußgeld von 40 Euro droht - die entsprechende Verordnung tritt am 1. Oktober in Kraft. Auf Facebook hat sich Hamburgs Jugend deshalb zum "HVV-Abschiedstrinken" verabredet. Noch weiß niemand, was an diesem Abend passieren wird. Wie viele Menschen werden kommen? Hunderte? Tausende? Und: Wird es friedlich bleiben?

"Wir wollen jede unnötige Eskalation vermeiden", hatte Hochbahn-Sprecher Christoph Kreienbaum am frühen Abend gesagt. Mehr als 200 Sicherheitskräfte sind im Einsatz, die Bundespolizei auch, die Bahnen fahren alle fünf Minuten statt alle zehn, sogar Dixie-Toiletten stehen bereit. Dass Facebook-Partys ausarten können, wissen die Hamburger, seit im Sommer mehr als 1000 Menschen den 16. Geburtstag von Tessa feiern wollten. Wohin es die Feierwütigen nun treiben wird, welche Bahnlinien sie am meisten strapazieren werden - das ist noch unklar. "Wir wissen es nicht", hatte Kreienbaum gesagt.


Die S-Bahn vom Hauptbahnhof Richtung Wedel ist zunächst spärlich gefüllt, doch das ändert sich schlagartig: Am Jungfernstieg drängen Dutzende in die Bahn, sie schubsen, trinken Wodkamischungen aus Flaschen, hauen gegen die Scheiben, grölen: "S-Bahn-Saufen, S-Bahn-Saufen" und "Scheiß HVV, scheiß HVV". Der Platz wird eng im Waggon, Schulter an Schulter stehen die Menschen, man muss sich nicht wundern, wenn man plötzlich eine Achselhöhle im Gesicht hat. Die Luft wird von Minute zu Minute stickiger, doch die Masse hat ihren Spaß. An der nächsten Haltstelle brüllen sie: "Einer geht noch, einer geht noch rein." Zumindest für diesen Waggon stimmt das allerdings nicht.

Auch Erik, 21, feiert mit. Einer seiner Freunde steht auf dem Kasten Astra, den sie dabei haben. An der Haltestelle Landungsbrücken steigt die Masse um. Sie strömt grölend zum gegenüberliegenden Gleis und fährt zurück Richtung Stadtmitte. So geht es den ganzen Abend: Einsteigen, Party machen, aussteigen. Dann wieder von vorne.

Die Fäuste fliegen

Viele Bahnen sind eher leer, in anderen hüpfen Dutzende Trinkende um die Wette. Es gibt kein festes Muster. Man weiß nie, was der nächste Zug bringt - oder wie es weitergeht. "Wegen des Abschiedssaufens flippen die Leute jetzt aus", sagt der Zugführer durch den Lautsprecher, Notbremsen seien gezogen worden. "An der nächsten Haltestelle steht eine Bahn, daher können wir nicht losfahren. Wir bitten, die Verspätung zu entschuldigen." Der geplante Fünf-Minuten-Rhythmus kann längst nicht mehr eingehalten werden.

Erik und seine Freunde tragen ihren Kasten Bier an den Landungsbrücken eine Rolltreppe nach oben. Er sei überrascht von dem heftigen Gedränge in der ersten Bahn, sagt Erik, "negativ überrascht". Sein Kumpel sagt: "War geil." Dann ziehen sie weiter zur nächsten Bahn, die Nacht ist noch jung.

Unten am Gleis geraten einige Halbstarke aneinander, die Fäuste fliegen, der Mob löst sich aber schnell auf. Es ist 21.30 Uhr, die Party hat schon deutliche Spuren hinterlassen: Kaputte Flaschen liegen herum, in der Bahn stinkt es nach Rauch, auf den Sitzen liegt Müll. Die Abstände zwischen den Fahrten werden immer größer. In einer Durchsage an der Haltestelle Reeperbahn heißt es: Aufgrund mehrerer Polizeieinsätze verkehren derzeit keine S-Bahnen im Citytunnel. Das bedeutet: zwischen Jungfernstieg und Altona. Haben die Feierwütigen den Nahverkehr schon in die Knie gezwungen?

Ein Waggon bebt

Nein, sagt eine Sprecherin der S-Bahn am Telefon. Alles sei unter Kontrolle, die Bahnen im Citytunnel würden fahren. Gerade erst sei eine am Jungfernstieg angekommen. Doch an der Reeperbahn fährt erst mal gar nichts. Die Wartenden vertreiben sich die Zeit mit Bier und Gesang: "Ihr klaut mir mein Feierabendbier!" Ein Betrunkener pöbelt, die Sicherheitsmänner führen ihn unsanft davon. 15 Minuten später geht es endlich weiter.

22.30 Uhr, zurück am Hauptbahnhof. Die Sicherheitsleute dürfen sich offiziell nicht äußern, aber einer spricht doch: "Anstrengend und nervig" sei der Abend, "es sind einfach zu viele Leute unterwegs". In der U-Bahn Richtung St. Pauli bebt wenig später ein Waggon. Es riecht wie in einer Raucherkneipe, die Fahrgäste reißen Klebefolien von der Wand und pappen sie über die Kameras. Alle hüpfen, der ganze Waggon schwankt. Die Meute singt: "Hier regiert der Alkohol!"

Der Trubel lässt zwar langsam nach, aber die Feiernden verteilen sich immer noch über mehrere Linien. Am Bahnhof Altona schmeißt ein junger Mann den Ghettoblaster an, er wählt den Song Pretender von den Foo Fighters, dazu lässt es sich schließlich vortrefflich herumspringen. Wenige Meter weiter bieten HVV-Mitarbeiter Orangensaft zum Tausch gegen Alkohol an - ein beinahe aussichtsloses Unterfangen.

Die HVV-Abschiedstrinker vermischen sich zunehmend mit dem normalen Partypublikum eines Freitagabends. Rund 1000 Leute seien gekommen, schätzt die Bundespolizei. Vielleicht waren es mehr, vielleicht weniger. Die Hochbahn geht nur von 500 bis 600 aus. Eine verlässliche Zahl ist wohl kaum zu bekommen.

Es ist jetzt nach Mitternacht, der Sprecher der Hochbahn geht noch immer an sein Telefon. Und, wie fällt die Bilanz aus? Es seien weniger Menschen gekommen als befürchtet, sagt Kreienbaum. Zwei einzelne Gruppen seien auf Krawall aus gewesen, aber das habe man schnell in den Griff bekommen. Ein Wagen der U-Bahn sei wegen Sachbeschädigung aus dem Verkehr gezogen worden. "Das ist ärgerlich", sagt Kreienbaum, "aber es hätte schlimmer kommen können."

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insgesamt 71 Beiträge
hannahcalenbach 01.10.2011
Es wird ihn immer geben: den Bodensatz der Gesellschaft, die Asozialen. Hamburg verfügt also über mindestens 1000 davon. Das wäre für eine fast 2 Mio. Stadt mehr als überschaubar. Gegen solche Subjekte kann man durchaus hart und [...]
Es wird ihn immer geben: den Bodensatz der Gesellschaft, die Asozialen. Hamburg verfügt also über mindestens 1000 davon. Das wäre für eine fast 2 Mio. Stadt mehr als überschaubar. Gegen solche Subjekte kann man durchaus hart und ohne jede Toleranz vorgehen. Mein Plazet dafür hat die Stadt. In einer Stadt wie Köln, die auf allen Ebenen extrem herunter gekommen ist (Korruption ganz oben, Totalverprollung von der Mitte bis ganz unten) ist das schon schwieriger. Nun, vielleicht lassen die Kriminellen, die den Wagon zerstört haben, ja über die Kameras in den U-Bahnen und U-Bahn-Stationen ausmachen. Dann sollen sie ohne Gnade zahlen bis sie schwarz werden. Apropos: St. Pauli. Wenn man sowas hier wieder liest und hört, dann ändert man doch schlagartig seine Meinung zur Gentrifizierung des Stadtteils St. Pauli. Was ist schlecht daran, diese Mischpoke, die sich um das Allgemeingut einen feuchten Kericht scherrt, aus dem Stadtteil durch Mietenerhöhung und Ansiedlung schöner Cafés zu vertreiben? Gar nichts! Ich hoffe nur, dass das Alkverbot nun auch rigoros und ohne jede Gnade durchgesetzt wird. Meinetwegen bis hin zu Knast. Es ist einfach nur deprimierend, dass solche Gestalten in unserer Gesellschaft leben dürfen.
inci 01.10.2011
ja, in der tat. schade, daß wir solche gestalten nicht mehr auf unbestimmte zeit wegsperren, und sie ein wenig zwangsarbeiten lassen können. [/sarkasmus]
Zitat von hannahcalenbachEs ist einfach nur deprimierend, dass solche Gestalten in unserer Gesellschaft leben dürfen.
ja, in der tat. schade, daß wir solche gestalten nicht mehr auf unbestimmte zeit wegsperren, und sie ein wenig zwangsarbeiten lassen können. [/sarkasmus]
Xany 01.10.2011
Oh man. *Kopfschüttelnd weggeh*
Zitat von hannahcalenbachEs wird ihn immer geben: den Bodensatz der Gesellschaft, die Asozialen. Hamburg verfügt also über mindestens 1000 davon. Das wäre für eine fast 2 Mio. Stadt mehr als überschaubar. Gegen solche Subjekte kann man durchaus hart und ohne jede Toleranz vorgehen. Mein Plazet dafür hat die Stadt. In einer Stadt wie Köln, die auf allen Ebenen extrem herunter gekommen ist (Korruption ganz oben, Totalverprollung von der Mitte bis ganz unten) ist das schon schwieriger. Nun, vielleicht lassen die Kriminellen, die den Wagon zerstört haben, ja über die Kameras in den U-Bahnen und U-Bahn-Stationen ausmachen. Dann sollen sie ohne Gnade zahlen bis sie schwarz werden. Apropos: St. Pauli. Wenn man sowas hier wieder liest und hört, dann ändert man doch schlagartig seine Meinung zur Gentrifizierung des Stadtteils St. Pauli. Was ist schlecht daran, diese Mischpoke, die sich um das Allgemeingut einen feuchten Kericht scherrt, aus dem Stadtteil durch Mietenerhöhung und Ansiedlung schöner Cafés zu vertreiben? Gar nichts! Ich hoffe nur, dass das Alkverbot nun auch rigoros und ohne jede Gnade durchgesetzt wird. Meinetwegen bis hin zu Knast. Es ist einfach nur deprimierend, dass solche Gestalten in unserer Gesellschaft leben dürfen.
Oh man. *Kopfschüttelnd weggeh*
hannahcalenbach 01.10.2011
Warum "Sarkasmus"? - Ja, das ist in der Tat schade, dass man diese Subjekte nicht schneller wegsperren kann! Ein paar Tage im Knast haben schon bei so manchem Jugendlichen bleibende Eindrücke hinterlassen. Ihre eher [...]
Zitat von incija, in der tat. schade, daß wir solche gestalten nicht mehr auf unbestimmte zeit wegsperren, und sie ein wenig zwangsarbeiten lassen können. [/sarkasmus]
Warum "Sarkasmus"? - Ja, das ist in der Tat schade, dass man diese Subjekte nicht schneller wegsperren kann! Ein paar Tage im Knast haben schon bei so manchem Jugendlichen bleibende Eindrücke hinterlassen. Ihre eher dümmlich zu nennende Anspielung auf "Zwangsarbeit" allerdings zeigt mir einerseits, in welchen "ethischen" Dimensionen Ihr Gesellschaftsverständnis angesiedelt ist (dunkel, dunkel), und andererseits, dass sie eine ernsthaft Diskussion über Sachbeschädiger und Kriminelle, die Allgemeingut zerstören nicht führen wollen oder können. Wahrscheinlich zahlen Sie aus bestimmten Gründen keine Steuern, die der Ausstattung des HVV zuguten kommen, gell?!
Es findet sich bestimmt ein Stammtisch in einem schicken Café auf St. Pauli, wo Ihr Auswurf gerne gehört wird... Erstens mal: Die Idioten, die da ihre Saufparty in der U-Bahn gefeirt haben, gehen tagsüber sicherlich ganz [...]
Zitat von hannahcalenbachEs wird ihn immer geben: den Bodensatz der Gesellschaft, die Asozialen.
Es findet sich bestimmt ein Stammtisch in einem schicken Café auf St. Pauli, wo Ihr Auswurf gerne gehört wird... Erstens mal: Die Idioten, die da ihre Saufparty in der U-Bahn gefeirt haben, gehen tagsüber sicherlich ganz ordnetlich studieren und finden es nur abends unheimlich witzig, auf diese Art in der Öffentlichkeit zu stehen. Das hat mit den Menschen, die Sie vermutlich eigentlich mit "asozial" meinen, wenig zu tun. Zweitens finde ich es einfach anstrengend, wenn immer wieder mit Verboten und Strafen das öffentliche Leben reglementiert wird. Weil besoffene HSV-Fans in Hamburger S-Bahnen herumrandalieren, muss jetzt auch der ganz normale Maurer, der auf dem Nachhauseweg friedlich sein Pils trinken möchte, mitbestraft. Geht das wirklich nicht anders?
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  • Samstag, 01.10.2011 – 11:23 Uhr
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