Ursache für Air-France-Unglück Überforderte Piloten, technische Pannen

Der Absturz eines Air-France-Airbus in den Atlantik im Juni 2009 gilt als eine der größten Tragödien der Passagier-Luftfahrt, 228 Menschen starben. Jetzt liegt der Abschlussbericht der französischen Ermittler vor - Pilotenfehler sind demnach maßgeblich für das Unglück verantwortlich.

REUTERS

Was geschah wirklich auf dem Nachtflug AF 447 von Rio de Janeiro nach Paris? Die Antwort auf diese Frage soll der Abschlussbericht der französischen Flugunfallbehörde BEA geben. An diesem Donnerstag, mehr als drei Jahre nach dem Unglück mit 228 Toten, präsentierte Jean-Paul Troadec in Le Bourget die Ermittlungsergebnisse seiner Behörde.

Im Mittelpunkt der Untersuchung standen diese Fragen: Trugen die Piloten der Air France Schuld an dem Absturz? Oder war es ein technischer Defekt, für den der Flugzeughersteller Airbus verantwortlich ist?

Die Air-France-Maschine war am 1. Juni 2009 in einer Unwetterzone über dem Atlantik abgestürzt. Nun ist klar: Die französischen Ermittler machen sowohl menschliche als auch technische Fehler für den Absturz verantwortlich. Maßgebliche Ursache seien allerdings Pilotenfehler gewesen: Die Crew sei nach einer Störung des Geschwindigkeitsmessers mit der Situation überfordert gewesen. Sie habe im Cockpit der Airbus-Maschine komplett die Kontrolle verloren.

In dem Abschlusspapier geben die Experten 25 Empfehlungen, wie die Flugsicherheit verbessert werden kann. Sie schlagen Pilotenschulungen, aber auch Optimierungen an den Anzeigen im Cockpit vor. BEA-Chef Troadec betonte, dass seine Behörde nicht die Aufgabe gehabt habe, die Verantwortlichen zu benennen. Dies sei Sache der Justiz. Sie ermittelt bereits seit langem in dem Fall, hat allerdings bislang kein Anklageverfahren eingeleitet.

Die BEA stützte sich bei ihrer Untersuchung auf die Auswertung der Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder des Flugzeugs, die im Mai 2011 in 4000 Metern Tiefe geborgen worden waren. Anschließend rekonstruierten die Ermittler die dramatischen letzten Minuten des Todesflugs AF 447, in denen die Maschine aus rund elf Kilometern Höhe ins Meer stürzte. Alle 228 Insassen starben, darunter 28 Deutsche.

Verhängnisvolle Kette von Ereignissen

Hinterbliebene kritisierten den Abschlussbericht. "Die Ermittler denken, dass die Piloten Fehler gemacht haben - das ist die einzige Absturzursache", sagte die Deutsche Barbara Crolow, die bei dem Unglück vor drei Jahren ihren Sohn verloren hatte. "Ich bin etwas enttäuscht." Die BEA hatte einige Angehörige vorab über den Abschlussbericht informiert.

Bereits in einem Zwischenbericht aus dem vergangenen Jahr hatte die Flugunfallbehörde in erster Linie eine Reihe von Pilotenfehlern für den Absturz verantwortlich gemacht und mitgeteilt, dass es keine Anzeichen für ein größeres technisches Versagen bei dem Unglücks-Airbus A330-200 gebe - mit einer gravierenden Ausnahme: der für die Geschwindigkeitsmessung wichtigen Pitot-Sonden.

Sie waren vereist, fielen aus und standen am Anfang einer verhängnisvollen Kette von Ereignissen: Die Piloten waren offenbar von falschen Geschwindigkeitsanzeigen irritiert, wie der geborgenen Black Box zu entnehmen ist. Sie reagierten kaum auf Warnungen über einen Strömungsabriss an den Tragflächen. Dieser ließ den Jet rasch an Höhe verlieren. Die BEA-Ermittler stellten das Verhalten der Piloten als nicht angemessen dar. Die vereisungsanfälligen Sonden den des Herstellers Thales waren bereits kurz nach dem Absturz aus dem Verkehr gezogen worden.

Die Fluggesellschaft Air France hatte die Vorwürfe gegen ihre Piloten zurückgewiesen. Die Alarme seien irreführend gewesen, sie hätten die Crew verwirrt und ihr erhebliche Schwierigkeiten bei der Analyse der Situation bereitet. Die Airline wurde ebenso wie Flugzeughersteller Airbus mehrfach einer Mitschuld am Unglück verdächtigt. Gegen sie laufen Ermittlungen der französischen Justiz.

wit/dpa/AFP



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insgesamt 152 Beiträge
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Seite 1
c.PAF 05.07.2012
1.
---Zitat--- Die Piloten waren offenbar von falschen Geschwindigkeitsanzeigen irritiert, wie der geborgenen Black Box zu entnehmen ist. Sie reagierten kaum auf Warnungen über einen Strömungsabriss an den Tragflächen. ---Zitatende--- Ich bin ja nicht oft geflogen in meinem Leben, aber selbst ich habe halbwegs am Motorengeräusch erkennen können, ob wir schnell fliegen, oder langsam. Und da will ein Pilot - in Verbindung mit einer Strömungsabrißwarnung - nicht erkennen können, daß er zu langsam fliegt. Kommt mir etwas komisch vor, würde aber dazu passen, daß man sich heutzutage nur noch auf die Technik verläßt aber ansonsten hilflos ist. Schlimme Sache...
Fred Widmer 05.07.2012
2. Keine Chance für die Piloten
Die Maschine wurde so langsam, daß die "Stall Stall"-Warnung wieder ausging. Das tut sie in dieser Maschine etwa unter 100 kts (oder?). Als die Piloten die Maschine in die *richtige* Position, in der sie Geschwindigkeit gewann, brachten, passierte folglich was? genau: "*Stall, Stall*. Welcher Pilot, der die Architektur des Warnsystems nicht kennt, kann hier das richtige tun? Richtig, keiner!
Readermeister 05.07.2012
3. Aha die Piloten sind schuld...
Natürlich müssen es die Piloten sein, es sind immer die Piloten, denn ansonsten müssten sich ja die Hersteller mit ärgerlichen Haftungsfragen herumschlagen.
phalanger 05.07.2012
4.
Ich bin zwar absoluter Laie, aber müsste man nicht mithilfe von GPS und der Flugzeughöhe auch die Geschwindigkeit berechnen können? Warum geht das nicht?
diospam 05.07.2012
5. re
Zitat von Fred WidmerDie Maschine wurde so langsam, daß die "Stall Stall"-Warnung wieder ausging. Das tut sie in dieser Maschine etwa unter 100 kts (oder?). Als die Piloten die Maschine in die *richtige* Position, in der sie Geschwindigkeit gewann, brachten, passierte folglich was? genau: "*Stall, Stall*. Welcher Pilot, der die Architektur des Warnsystems nicht kennt, kann hier das richtige tun? Richtig, keiner!
Unsinn. Die Piloten taten genau das Entgegengesetzte: Sie lenkten kontinuierlich mit maximalem Anschlag nach oben. Die Piloten steuerten absichtlich gegen die Selbststabilisierung des Flugzeuges. Hätten die Piloten nur den Steuerknüppel los gelassen wäre nichts passiert! Ich verlange hier noch nichtmal dass die Piloten Anweisungsgemäß den Stall beenden sollten. Nur nichtstun hätte gereicht!
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