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Abschuss von MH17: Unbequeme Fakten - nicht nur für Moskau

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Onderzoeksraad voor Veiligheid

Flug MH17 wurde von einer Boden-Luft-Rakete russischer Bauart getroffen, zu diesem Ergebnis kommen die niederländischen Ermittler. Wer aber ist für den Abschuss verantwortlich? Sicher ist: Die Boeing hätte an diesem Tag niemals über der Ostukraine fliegen dürfen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Stück für Stück trugen die Ermittler ihr gigantisches Puzzle zusammen. Sie ließen sich im Krisengebiet Ostukraine von Anwohnern zu Wrackteilen führen. Sie sammelten Fragmente der Cockpitscheiben ein. Und sie transportierten größere Teile der Außenhülle des Flugzeugs mit Lastwagen und Zügen aus der Kampfzone zu einer knapp 3000 Kilometer entfernten niederländischen Militärbasis.

Dort setzten sie die Wrackteile zusammen. Sie hörten sich die letzten Millisekunden auf dem Stimmenrecorder im Cockpit wieder und wieder an. Sie untersuchten die Leichenteile der Piloten und fanden fliegenförmige Splitter.

Nach 15 Monaten stand fest: Der Malaysian Airlines Flug MH17 von Amsterdam nach Kuala Lumpur, der am 17. Juli 2014 über der Ostukraine abstürzte, wurde von einer Boden-Luft-Rakete des Typs Buk mit einem Gefechtskopf 9M314M abgeschossen, einem russischen Fabrikat.

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Abschlussbericht: Die MH17-Trümmer
Überraschend ist die Erkenntnis nicht: Schon lange hatte es Spekulationen in diese Richtung gegeben, DER SPIEGEL hatte im Juli 2015 über entsprechende greifbare Ergebnisse der Ermittler berichtet. Doch nun hat sich die offiziell untersuchende Instanz festgelegt. Und lässt keine Zweifel.

"Andere Szenarien wie eine Explosion im Innern des Flugzeugs, Kanonenfeuer oder eine Luft-Luft-Rakete von einem anderen Flugzeug wurden analysiert und ausgeschlossen", sagte Tjibbe Joustra, Chef des niederländischen Sicherheitsrats, bei der Präsentation der Ergebnisse auf der niederländischen Fliegerbasis Gilze-Rijen.

Damit dürfte russischen Propagandamanövern und weltweit verbreiteten Verschwörungstheorien langsam ein Ende gesetzt sein. Zur Erinnerung: Zwischenzeitlich wurde ein Meteoriteneinschlag für den Absturz ins Spiel gebracht. In Moskau-nahen Medien wurde dagegen mitunter sogar der Name eines Piloten ventiliert, der mit seinem ukrainischen Kampfjet für den Abschuss verantwortlich sein sollte. Nun die unbequeme Nachricht für Moskau.

Die Erkenntnis aus 20 Millisekunden Ton

Wie unbequem sie ist, zeigen folgende Tatsachen:

  • Russische Behörden hatten während der Untersuchung durch die niederländischen Ermittler versucht, das Szenario eines Abschusses durch ein anderes Flugzeug im Untersuchungsbericht unterzubringen - Joustra weigerte sich.

  • Bereits im Juli startete in Moskau eine Kampagne, die den Bericht des Niederländers diskreditieren sollte - noch vor seiner Veröffentlichung.

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Abschuss von MH17: Die zweifelhaften Argumente des Buk-Herstellers
Joustra stellte sich für die Präsentation seiner Ergebnisse vor den aus Wrackteilen zusammengesetzten Nachbau der verunglückten Malaysian-Airlines-Maschine - wohl auch, um die akribische Arbeit seines Teams zu dokumentieren.

Sein Abschlussbericht hat 279 Seiten inklusive sekundengenauer Radarangaben, Wetterberichten und Fotos von Absturzstelle, Wrackteilen und Projektil-Teilen. Hinzu kommen Hunderte Seiten Anhänge.

Demzufolge flog MH17 am 17. Juli 2014 vollständig flugfähig von Amsterdam in Richtung Malaysia ab. Als die Maschine ukrainischen Luftraum erreichte, flog sie auf etwa 33.000 Fuß Reisehöhe. Zunächst blieb sie auf Kurs, wich dann aber leicht nach Norden aus, um Gewittern zu entgehen.

Die letzten 20 Millisekunden auf dem Stimmenrekorder im Cockpit dokumentieren einen lauten Knall. Die minimale Zeitverzögerung, die die Aufzeichnungen durch drei unterschiedliche Mikrofone aufweisen, lässt darauf schließen, dass der Gefechtskopf der Buk-Rakete links oberhalb des Cockpits explodierte, ganz dicht an der Maschine.

"Es gab ausreichende Gründe, den Luftraum zu schließen"

Die Piloten waren sofort tot. Die meisten Passagiere waren wahrscheinlich durch die Explosion bewusstlos. Die Maschine brach daraufhin entzwei. Der hintere Teil des Flugzeugs schlug mit der Oberseite am Boden auf und fing Feuer.

Damit beantworten die niederländischen Ermittler die Frage, was MH17 zum Absturz brachte - aber nicht, wer direkt dafür verantwortlich ist.

Sie berechneten eine Zone von 320 Quadratkilometern, aus der die Buk hätte abgefeuert werden können - zu großen Teilen waren diese Gebiete zur damaligen Zeit in der Hand prorussischer Separatisten in der Ostukraine. Nach SPIEGEL-Informationen verfügten diese Separatisten damals über mehrere Buk-Systeme. Details zur Frage, wer die Rakete abschoss, versucht derzeit noch eine ebenfalls von den Niederlanden geführte strafrechtliche Untersuchung zu klären.

Allerdings machte Joustra klar, dass MH17 an jenem Tag im Juli gar nicht in dem Teil des Luftraums hätte sein dürfen. Seit Juni 2014 waren in der Region bereits 16 Flugzeuge und Helikopter abgeschossen worden - weswegen der Luftraum in geringerer Höhe über der Ostukraine auch gesperrt war. Am 17. Juli selbst allerdings überflogen 161 zivile Flugzeuge die Region in größerer Höhe. "Keine der Fluglinien glaubte, dass die zivile Luftfahrt in Reisehöhe in Gefahr sein könnte", sagte Joustra.

Das mag daran gelegen haben, dass die ukrainischen Behörden den Luftraum über der Zone nicht gesperrt hatten. Dabei gab es bereits in den Wochen zuvor Warnhinweise: Von den 16 abgeschossenen Flugzeugen und Helikoptern vor MH17 wurden auch manche mit Waffensystem getroffen, die bis in die Reiseflughöhe von Zivilmaschinen reichen können. Die russische Buk gehört dazu.

"Es gab ausreichende Gründe, den Luftraum zu schließen. Die Ukraine tat es nicht", sagte Joustra. Aber nicht nur die Ukraine, sondern auch Fluglinien, internationale Behörden und andere Staaten hätten die Gefahr erkennen müssen, sagte Joustra. Er hoffe, dass sein Bericht zu mehr Sicherheit in der Luftfahrt beitragen werde. Den 298 Opfern aber wird er nicht mehr helfen.

Zusammengefasst: Der niederländische Sicherheitsrat hat seinen Abschlussbericht zum Absturz des Fluges MH17 über der Ukraine vorgelegt. Die Maschine wurde demnach von einer Boden-Luft-Rakete russischer Bauart, des Typs Buk mit einem Gefechtskopf 9M314M, abgeschossen. Russland versuchte nicht nur, den Bericht schon vorher zu beeinflussen, sondern zweifelt auch das Ergebnis an. Schuld am Absturz tragen auch die Ukraine und die Airlines: Der Luftraum über der Ukraine war zum Zeitpunkt des Abschusses so unsicher, dass die Boeing dort nicht hätte fliegen dürfen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 234 Beiträge
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1.
Reiner_Habitus 13.10.2015
Das ist schonmal ein Teil der Wahrheit und es ist wichtig sich diesen Fehler einzugestehen. Der Rest kommt früher oder Später auch noch und zwar von der anderen Seite. Also diejenigen die den Knopf gedrückt haben...... Nur sieht es da mit der Einsichtsfähigkeit nicht gerade zu m Besten aus. Kein Wunder droht doch das ganze widersprüchliche Lügengebäude dem Zwerg im Kreml auf die Füße zu fallen......
2. Kann es sein,
l.augenstein 13.10.2015
dass die Ukraine den Luftraum mit Absicht nicht geschlossen hat um solch einen Abschuß zu provozieren und damit den Westen noch stärker auf seine Seite zu ziehen?
3. da nach russischer Darstellung
pansatyr 13.10.2015
die sog. Separatisten über keine BUKs verfügten, bestand auch kein Anlass für eine Sperrung des Luftraums für die zivile Luftfahrt in großer Höhe. Da hätten schon eher die Russen die internationale Luftfahrt warnen müssen, dass sie die sog. Separatisten mit BUKs ausgestattet hatten - was sie aber bis heute notorisch abstreiten.
4. Bis zum Abschuß...
Glasperlenspiel 13.10.2015
... sind über das Bürgerkriegsgebiet auch große europäische Fluglinien geflogen. Es war wohl letztlich nur ein Zufall, wenn es trifft. Ich finde es einfach unbegreiflich, wie hier - offenbar aus rein außenpolitischen Gründen - mit dem Leben der Menschen gespielt wurde. Klar, der Abschuß ist ein Verbrechen, das irgendwann auch einmal geahndet wird. Aber wer trägt hier die Verantwortung über die Flugroute?
5. Fakt ist aber nun einmal,
Sonia 13.10.2015
dass die Ukraine auch BUK-Raketen hat und mit so einer Rakete vor wenigen Jahren eine von Sotschi kommende russ. Urlaubermaschine auch abschoss. Wielange das bestritten wurde, sollten Journalisten wissen; letztlich waren es Journalisten, die diese ukrainische Lüge aufdeckten. Dieser Bericht heute ist ein kriminalistischer; eine internationale Kommisson will zu einer eventuellen Schuldfrage erst Ende des Jahres einen vorlegen. Bis heute ist unbeantwortet: Haben die USA, Russland, China den niederländischen Behörden Satellitenbilder bereitgestellt? Es muss jemand beobachtet haben, was dort wirklich geschah. Dazu nach wie vor Schweigen auf allen! Seiten.
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