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Absturz der Kaczynski-Maschine: "Zieh hoch, zieh hoch!"

Von , Moskau

Der Navigationsoffizier geriet in Panik - und die Piloten hörten auf ihn. Ein fataler Fehler. Im Cockpit der polnischen Präsidentenmaschine spielten sich vor dem Absturz in Smolensk dramatische Szenen ab. Ermittler haben jetzt ein Protokoll der letzten Minuten an Bord angefertigt.

AFP

40 Tage lang haben russische und polnische Ermittler jedes Wrackteil der Unglücksmaschine des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski unter die Lupe genommen. Jeden Zentimeter des Wäldchens vor der Landebahn des Flugplatzes "Nord" von Smolensk, in den am 10. April die Tupolew-Maschine des Staatschefs stürzte, haben sie abgesucht. Die großflächig verstreuten Bruchstücke haben sie gesammelt und in einen nahen Flugzeughangar gebracht.

Sie suchen die Ursache der Katastrophe, bei der 96 Menschen ums Leben kamen, darunter das polnische Staatsoberhaupt, seine Ehefrau, ein Großteil der konservativen Elite und nahezu die gesamte Spitze des Militärs.

Experten haben in dem Smolensker Hangar versucht, die Trümmer wieder zusammenzusetzen: die Triebwerke am Heck, die zerschmetterten Tragflächen und das, was vom Cockpit übrig geblieben ist. Die Suche nach der Unglücksursache gleicht einem komplizierten Puzzle.

Jetzt haben die Spezialisten aus Russland und Polen erste Ergebnisse vorgelegt. Sie können, nach Entschlüsselung von Teilen der Flugschreiber, rekonstruieren, was an Bord geschah, auch die letzten dramatischen Sekunden im Cockpit, vor dem Aufprall.

Sie können jetzt mit Sicherheit sagen, was nicht Auslöser der Tragödie war: kein Brand an Bord, kein Terroranschlag, keine Motorprobleme, keine Aussetzer bei der Bordnavigation.

Wer aber ist verantwortlich für den Absturz? Darüber streiten Warschau und Moskau:

  • Ausschließlich die Piloten, die trotz Nebel und wiederholter Warnungen insgesamt vier Mal versuchten, in Smolensk zu landen?
  • Die Russen, deren Flughafen schlecht ausgerüstet war und von Linienfliegern gar nicht angesteuert wird?
  • Das Wetter, das die Sicht erschwerte?
  • Oder doch die mysteriösen Passagiere, deren Stimmen der Bordrecorder kurz vor dem Aufprall erfasste, im Cockpit, wo sie nichts zu suchen hatten?

Im Blindflug durch den Nebel

Klar ist jetzt, dass die polnischen Piloten der Tu-154 frühzeitig vor den widrigen Wetterverhältnissen gewarnt wurden - und zwar auf Polnisch.

Kurz vor der Präsidentenmaschine hatte bereits ein zweiter Flieger aus Warschau kommend die Landung in Smolensk gewagt, eine deutlich kleinere Jak-40 mit Journalisten an Bord. 27 Minuten vor dem Unglück funkte die Besatzung an Kaczynskis Piloten, die Sicht voraus betrage nur 400 Meter.

Wenige Minuten später ein zweiter Funkspruch: Sichtverschlechterung, 200 Meter. Ein Liner wie die Tupolew, sagen russische Experten, braucht aber mindestens 1000 Meter Sicht für eine sichere Landung.

Keine elf Minuten später erfährt die Besatzung von Kaczynskis Flieger zudem, dass eine russische Iljuschin-Transportmaschine nach zwei Versuchen die Landung in Smolensk abgebrochen hat und zu einem anderen Flughafen ausgewichen ist.

Auch die russischen Fluglotsen schicken mindestens zwei Warnungen in den Himmel - und bieten alternativ Minsk oder Moskau für eine Landung an. Das allerdings würde bedeuten, dass sich die Würdenträger bei der Trauerzeremonie verspäten, mit der am Vormittag in Katyn nahe Smolensk 20.000 von den Sowjets erschossener Polen gedacht werden soll.

Die Tu-154 will dennoch landen, aber sie kommt vom Kurs ab, und sie verliert zu schnell zu stark an Höhe. Nach Meinung der russischen Experten ein Fehler der polnischen Piloten. Im Blindflug durch den Nebel ist die Crew auf die Angaben der Bordinstrumente angewiesen. Nach Erkenntnissen russischer Experten hatte der Flugkapitän noch kurz vor der Landung den Autopiloten aktiviert und auf einen Sinkflug von vier Metern pro Sekunde programmiert.

Stimme einer fremden Person im Cockpit "eindeutig identifiziert"

Plötzlich melden die Instrumente, der Flieger sei viel zu hoch. Ein tödlicher Irrtum. Der Navigationsoffizier, so belegen es nach Angaben der russischen Ermittler Mitschnitte aus dem Cockpit, gerät in Panik. Immer wieder meldet er dem Piloten, man werde so die Landebahn verpassen. Der vertraut seinem Untergebenen - und geht in einen steilen Sinkflug über. Acht Meter pro Sekunde nähert sich die Tupolew den Wipfeln der Bäume, die den Flugplatz umgeben.

Die Cockpitbesatzung will so schnell wie möglich den dichten Nebel durchbrechen, die Männer schauen angestrengt aus dem Fenster und versuchen, den Erdboden zu entdecken. Niemand reagiert auf Warnungen der Fluglotsen, niemand auf den automatisierten Alarm der Systeme: "Pull up, pull up - zieh hoch, zieh hoch."

Die Bordsysteme hatten den Navigationsoffizier getäuscht und eine falsche Höhe gemeldet - weil die Maschine eine 40 Meter tiefe Senke vor der Landebahn überflog. Kurze Zeit später kollidierte das Flugzeug mit einer zehn Meter hohen Birke und zerschellte auf dem Boden.

Unklar ist noch, welche Rolle ein oder mehrere Passagiere spielten, die sich offenbar in unmittelbarer Nähe der Piloten aufhielten.

Kurz vor dem Crash wurde die Tür zum Cockpit geöffnet. Die Stimme einer Person sei "eindeutig identifiziert", teilte die Leiterin der Zwischenstaatlichen Flugkommission, Tatjana Anodina mit, nannte jedoch nicht deren Namen. Nach Informationen russischer Medien soll es sich bei dem Mann um Andrzej Blasik handeln, den Chef der polnischen Luftwaffe. Eine weitere Person "unterliege der Identifizierung durch die polnische Seite".

"Kein Vorbereitungsprogramm für Besatzungen des Flugzeugs Tu-154"

Damit erhalten Spekulationen neue Nahrung, die Piloten könnten von hohen Würdenträgern wie Blasik oder gar Präsident Kaczynski selbst zur Landung unter widrigen Bedingungen gedrängt worden sein.

Polens Vertreter in der Ermittlungskommission betonte allerdings, die Stimmen der Passagiere seien auf den Bändern sehr leise: "Die Stimmen waren nur im Hintergrund", sagte Edmund Klich. Das spreche dafür, dass sie nicht "direkt in der Pilotenkabine anwesend waren, sondern in der Nähe."

Offenbar waren die Piloten zudem nur unzureichend für einen Flug mit der Tupolew geschult. "Die Crew für die Maschine des Präsidenten wurde erst wenige Tage vor dem Flug zusammengestellt", kritisierte der russische Ermittler Alexander Morosow.

Tatsächlich hatte die Mannschaft kaum Erfahrung vor dem Flug nach Smolensk. "Im Unterschied zur zivilen Luftfahrt hat es im 36. Regiment kein Vorbereitungsprogramm an Simulatoren für Besatzungen des Flugzeugs Tu-154 gegeben", bestätigte der polnische Vertreter Klich. Der Navigationsoffizier verfügte gar nur über die Erfahrung von 30 Flugstunden mit Maschinen dieses Typs.

Für Russland scheint damit bereits festzustehen, dass die Schuld für die Katastrophe wohl bei der Besatzung liegt. Die polnische Seite verweist hingegen darauf, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind - und erst zehn Prozent der Aufnahmen des Stimmenrecorders ausgewertet sind.

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Forum - Nach dem Tod Kaczynskis -wie geht es weiter in Polen?
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1. große Chance für Polen
Berto v. Klick 10.04.2010
Zitat von sysopDer plötzliche Tod von Polens Präsident Lech Kaczynski bedeutet für das Land eine Zäsur. Ende des Jahres 2010 stehen die Wahlen zum nächsten Präsidenten an. Wie wird das Unglück Polens politische Landschaft verändern?
An sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
2. Herzliches Beileid
Smartone 10.04.2010
Zitat von Berto v. KlickAn sich eine traurige Angelegenheit - aber eine große Chance für Polen zu besserer Intgration in die Europäische Gemeinschaft.
Wie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
3. schlimmer Verdacht
AlexN, 10.04.2010
Der Pilot hat eindringliche Nebelwarnungen sowie Vorschläge für Ersatzflughäfen bekommen. Er hat trotzdem vier (!) Landeversuche unternommen. Bei mir drängt sich ein Verdacht auf. Ich glaube, Kaczynski sperrte sich, in Minsk oder in Moskau zu landen, um Lukaschenko oder Putin aus dem Weg zu gehen. Er hat wohl den Piloten angewiesen trotz allem in Smolensk zu landen. Der ganzen Reise ist ohnhein schon ein politisches Hickhack sondergleichen vorausgegangen, da Putin nur Tusk nach Katyn eingeladen hatte, während Kaczynski sich selbst einlud. Vermutlich sind die 130 Opfer der Sturheit dieses Mannes zu verdanken...
4. Nachruf
Klaschfr 10.04.2010
Viele werden es nicht sein, die ihm eine Träne nachweinen - allen internationalen Trauerbekundungen zum Trotz.
5. politische Bedeutung dieses Flugzeugabsturzes
Berto v. Klick 10.04.2010
Zitat von SmartoneWie kann man so zynisch sein und als alle Menschen um in der Katastrophe getötete trauern, über umstrittene politische Fragen zu diskutieren. Die Integration von Polen in die EU ist eine interne Angelegenheit von Polen... Herzliches Beileid an das polnische Volk!!!
Macht Merkel auch, wenn sie den traurigen und sinnlosen Tod von bedauernswerten Bundeswehrsoldaten nutzt, um die fragwürdige Kriegspolitik in Afghanistan politisch zu rechtfertigen.
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Beisetzung in Polen: Scharlachrote Rosen für Kaczynski

Die Toten von Smolensk

96 Menschen starben an Bord der Unglücksmaschine von Smolensk - darunter viele aus der polnischen Staatselite:

Lech Kaczynski , polnischer Staatspräsident

Maria Kaczynska , Ehefrau des Präsidenten

Andrzej Kremer , Vize-Außenminister

Stanislaw Komorowski , Vizeverteidigungsminister

Wladyslaw Stasiak, Chef der Präsidentenkanzlei

Aleksander Szczyglo , Chef des Amtes für Nationale Sicherheit

Jerzy Szmajdzinski , Vizepräsident des polnischen Abgeordnetenhauses

Grazyna Gesicka , Fraktionschefin der Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS)

Slawomir Skrzypek , Chef der Nationalbank

Franciszek Gagor , Chef des Generalstabs

Piotr Nurowski , Präsident des Olympiakomitees

Janusz Kurtyka , Präsident des Instituts für Nationales Gedenken, das die kommunistische Vergangenheit aufarbeitet

Anna Walentynowicz , Streikführerin an der Danziger Werft 1980

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Lech Kaczynski: Vom Kinderstar zum polnischen Staatschef

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