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Absturz auf dem Sinai: Airbus soll in der Luft auseinandergebrochen sein

Absturz auf dem Sinai: Russland trauert, Russland sucht Fotos
DPA

Was war die Ursache für den Absturz des russischen Airbus über dem Sinai? Die Auswertung der Black Boxes von Flug 7K9268 dauert an. Nach Angaben russischer Ermittler ist die Maschine schon während des Fluges zerbrochen.

Am Tag nach dem Absturz einer russischen Passagiermaschine über der Sinai-Halbinsel versuchen ägyptische und russische Ermittler, die letzten Minuten des Fluges zu rekonstruieren. Anhand der weit verstreuten Trümmer gehen sie offenbar davon aus, dass das Flugzeug bereits vor dem Aufprall zerbrochen ist. "Die Zerstörung ist in der Luft geschehen", sagte Wiktor Sorotschenko von der russischen Untersuchungskommission. Die Teile des Airbus A321 seien auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern verstreut. "Aber es ist zu früh für Schlussfolgerungen."

Die Absturzursache ist noch unklar - ebenso wie die Frage, ob der Pilot einen Notruf absetzte oder nicht. Zunächst hatte ein Vertreter der ägyptischen Flugaufsicht Stunden nach dem Absturz erklärt, dass der Pilot technische Probleme gemeldet habe. Und dass er den nächstgelegenen Flughafen ansteuern wolle.

Später dann dementierte der für zivile Luftfahrt zuständige ägyptische Minister Mohammed Hossam Kamal: Die Luftverkehrskontrolle habe keine Notrufe aus dem Flieger aufgezeichnet. "Bevor das Flugzeug abstürzte, gab es nichts Ungewöhnliches", sagte Kamal laut CNN auf einer Pressekonferenz, "es verschwand plötzlich vom Radar." Die Maschine hatte schon fast ihre Reiseflughöhe erreicht, als sie 23 Minuten nach dem Start praktisch senkrecht zu Boden stürzte.

Ob der Pilot sich in seiner Notlage noch melden konnte oder nicht - dies ist zurzeit nur eine von vielen Fragen, die sich nach dem Unglück mit 224 Toten stellen.

Aufschluss soll die Auswertung der sogenannten Black Boxes geben - des Stimmenrekorders und des Flugdatenschreibers. Beide wurden schnell an der Absturzstelle gefunden und werden nun laut der Agentur Reuters im ägyptischen Luftfahrtministerium in Kairo überprüft. Nach erstem Augenschein seien sie nur gering beschädigt, sagte der russische Verkehrsminister Maxim Sokolow. Ihre Untersuchung kann allerdings noch Tage dauern.

Die Black Boxes zeichnen mindestens die letzte halbe Stunde des Funkverkehrs der Piloten, ihre Gespräche untereinander und alle Geräusche im Cockpit und an Bord auf sowie in der Regel die Flugdaten der letzten 25 Stunden - von der Flughöhe über die Geschwindigkeit und den Kurs bis zu Angaben zu den Triebwerken.

Was bisher bekannt ist

War es technisches oder menschliches Versagen oder etwa ein terroristischer Anschlag? Spekulationen helfen nicht weiter - das ist der bisherige Kenntnisstand:

  • Die Behauptung der IS-Milizen, den Airbus abgeschossen zu haben, halten Experten für unglaubwürdig. Einen Anschlag schließe die ägyptische Regierung aus, sagte Premierminister Scherif Ismail am Samstagabend. Zur Sicherheit haben zahlreiche internationale Fluglinien - darunter Lufthansa, Air France und Emirates - ihre Überflüge über die Sinai-Halbinsel dennoch ausgesetzt. Das Bundesverkehrsministerium weitet seine Warnung für den Norden des Sinai aus: "Aufgrund der aktuellen Ereignisse hat das Ministerium zusätzlich und bis auf Weiteres eine umfassende Warnung für die Nutzung eines Flugwegs im Südosten des Sinai erlassen."
  • Auf Unregelmäßigkeiten bei der Besatzung hat die russische Justiz bisher nach eigenen Angaben keine Hinweise. "Die Piloten und Stewards sind vor dem Start in Scharm al-Scheich medizinisch geprüft und für flugtauglich erklärt worden", sagte Behördensprecherin Maja Iwanowa der Agentur Interfax. Der Pilot sei mit 12.000 Flugstunden sehr erfahren gewesen, meldete die Fluglinie Kogalymavia.
  • Der Airbus 321-200 war 18 Jahre alt und hat insgesamt rund 56.000 Flugstunden auf fast 21.000 Flügen hinter sich. Eine Untersuchung der Maschine sei vor dem Start in Scharm al-Scheich nicht durchgeführt worden, sagte Iwanowa. "Dies geschieht nur auf Anfrage der Fluggesellschaft oder der Mannschaft." Eine Untersuchung des Treibstoffs habe keine Hinweise ergeben: "Die Qualität entsprach den Anforderungen", betonte sie. Ermittler hätten in einem Lager in der Wolga-Stadt Samara Proben des Kerosins genommen, den auch die Unglücksmaschine im Tank hatte.
  • Kogalymaivia muss ihre Airbus-Maschinen überprüfen. Wie Interfax berichtet, hat die russische Verkehrsbehörde Rostransnadzor der sibirischen Fluglinie den Check seiner A 321-200 vorgeschrieben. Bis vor dem Unglück in Ägypten flog die Airline aus Kogalym unter der Marke Metrojet mit fünf A321-200-Maschinen. Zwei weitere Bombardier Challenger 850 werden von Kogalymavia für VIP-Charterflüge eingesetzt. Vor vier Jahren starben bei einem Brand einer Tupolew Tu-154B in Surgut drei Menschen.

An der Absturzstelle in der Gebirgsregion nahe dem Arisch-Flughafen im Norden des Sinai haben die Helfer ihre Suche nach den Überresten der Opfer ausgedehnt. Ein an den Bergungsarbeiten beteiligter Militäroffizier sagte, bislang seien 163 Leichen gefunden worden.

Weil sogar noch in acht Kilometern Entfernung die Leiche eines Kindes entdeckt worden sei, werde nun in einem Umkreis von 15 Kilometern um die Absturzstelle weitergesucht. Etwa hundert russische Helfer seien mit schwerem Gerät im Einsatz, sagte Wladimir Stepanow vom Katastrophenschutzministerium in Moskau.

Die gefundenen Leichen sind inzwischen laut der ägyptischen Regierung von der Absturzstelle in die Hauptstadt Kairo transportiert worden. Eine erste Maschine mit Opfern könne in der Nacht zum Montag nach Sankt Petersburg losfliegen, sagte Stepanow laut Interfax.

Russland trauerte am Sonntag um die Todesopfer des Flugzeugabsturzes: Vor der Duma, dem Kreml und anderen öffentlichen Gebäuden war auf halbmast geflaggt. An dem von Präsident Wladimir Putin ausgerufenen nationalen Trauertag unterbrach der Fernsehnachrichtensender Rossija 24 mehrfach sein Programm für Momente des Gedenkens.

Der Sender zeigte aus dem Internet stammende Fotos lächelnder Opfer, die im Urlaub aufgenommen wurden. Für einige sei es der erste Urlaub oder die erste Auslandsreise ihres Lebens gewesen, hieß es dazu. Ein Paar habe seine Flitterwochen in Ägypten verbracht. In Sankt Petersburg legten erschütterte Angehörige und andere Trauernde an einer improvisierten Gedenkstelle im Ankunftsbereich des Flughafens Pulkowo Blumen und Plüschtiere nieder.

abl/dpa/Reuters/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 149 Beiträge
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1. russische und ägyptische Experten
Peter Eckes 01.11.2015
Gibt es eigentlich kein internationales Expertenteam das immer zum Einsatz kommt wenn ein Flugzeug abstürzt?
2. Wer hat denn die Black Boxes,
eckawol 01.11.2015
damit eine neutrale Beurteilung des Vorfalls sichergestellt werden kann ?
3. Verlegung der Sinai-Flugrouten
dunnhaupt 01.11.2015
Diese Vorsichtsmaßnahme ist auf jeden Fall angebracht, selbst wenn keine Gefahr besteht, schon um besorgte Passagiere zu beruhigen.
4. Was ist denn eine Flugstunde?
ziehenimbein 01.11.2015
Bei 56.000 Stunden in 18 Jahren, komme ich auf 8,5 Stunden pro Tag. Ich finde, dass das recht viel ist. Andererseits sind bei einer Maschine in dem Alter die Schwachstellen sicherlich bereits bekannt.
5. Woher kommen alle diese Geschichten?
sb411 01.11.2015
Also ich hab ja wirklich noch nie erlebt, dass so hin und her berichtet wurde. Die Desinformation ist ja noch schlimmer als bei Flug MH 17. Davon abgesehen dürfte ein Abschuss durch eine Rakete des IS ausgeschlossen sein, es sei denn, Amerikaner oder Saudis haben zur Unterstützung der Rebellen in Syrien gegen Luftangriffe etwas sehr sehr Dummes getan.
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Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

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