Achtelfinale "Wer nöd gumpet, isch kei Schwiizer"

120 Minuten lang konnte sich die Schweiz Hoffnungen auf das Viertelfinale machen. Dann schossen die Elfmeterschützen der Ukraine die Schweizer aus der WM. Umstandslos weicht die kurze Euphorie der Züricher Fans wieder dem grauen Alltag.

Von , Zürich


Zürich - Bellevue heißt der Ort in der Züricher Innenstadt, direkt am See, wo ein großer Telefonanbieter extra für die WM ein kleines Stadion hat aufbauen lassen. Eine Stunde vor Anpfiff ist die Arena mit 6000 Freiplätzen bereits abgesperrt. Nichts geht mehr. Am Eingang herrscht Hektik - jedenfalls für Schweizer Verhältnisse. Der Sicherheitsmann, Typ Hauptdarsteller in einem Kickbox-Film, verwehrt vier Eidgenossen in Nationaltrikots unmissverständlich den Eintritt.

Hat man es geschafft, sich einen Platz zu ergattern, sieht es allerdings gar nicht mehr so ausverkauft aus. In einem Zelt spielen zwei Jugendliche an der X-Box Fußball und wenige Meter weiter hängen Fernseher, vor denen scheinbar schon vor Anpfiff müde Fans klassischer Musik lauschen.

Ein deutscher Automobilhersteller präsentiert sein neuestes Modell unmittelbar neben der riesigen Leinwand, wo wirklich die Post ab geht. Davor hüpft das Publikum, die meisten in den Nationalfarben rot-weiß, zu Rockmusik. Die ausgelassene Stimmung erinnert tatsächlich eher an ein Openair-Konzert vor dem Auftritt des Hauptacts, als an ein Fußballspiel. Die immer als so zurückhaltend und reserviert geltenden Schweizer singen, tanzen und feiern ihr Team und sich selbst.

1994 stand die Schweiz das letzte Mal im Achtelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft. Mittlerweile hat die Mannschaft von Jakob (Köbi) Kuhn Kultstatus erreicht. In Zürich, Kuhns Heimatstadt, gibt es neuerdings den Köbi-Kuhn-Platz. Und heute Abend steht mit der Ukraine ein Gegner auf dem Platz, der durchaus in Reichweite liegt. Das spürt auch das Publikum "Huerä geili Stimmig", schreit ein Mädchen (übersetzt: "Total tolle Stimmung hier"). Auf der Tribüne, die an die einer Trabrennbahn erinnert, sitzen die VIPs und stimmen eine La Ola - Welle nach der anderen an.

"Nati, Schwiizer Nati, la la lalalala la la la""

Im Abstand von ein paar Minuten wechseln die Gesänge der Fans. Aus der Melodie von "Hands up, Baby hands up..." wird im Chor "Nati, Schwiizer Nati, la la lalalala la la la."

Bei soviel Begeisterung vergisst man fast, dass wir uns in der Schweiz befinden. Aber nur fast. Für ein Bier und eine Bratwurst zahlt mein Nebenmann umgerechnet schlappe 7,60 Euro.

Das Spiel ist kein großer Kracher und deshalb sind die Fans wieder gefordert. "Wer nöd gumpet, isch kei Schwiizer." Ja genau, wer nicht hochspringt ist kein Schweizer. Antonio ist Portugiese und springt trotzdem. Seit zehn Jahren lebt er hier, spricht Schweizerdeutsch und behauptet, die "Schweiz ist mein Land". Aber auch er habe nie geglaubt, dass die Schweizer so begeisterungsfähig sein können wie zuletzt.

Zur Pause steht es 0:0. Beide Mannschaften hatten jeweils einen Lattentreffer und ein paar kleinere Torchancen.

"Ja nei, das kanns ja nüt sei"

Mitte der zweiten Halbzeit stieren die Tribünen-Fans auf die Leinwand und beginnen über einzelne Spieler zu fluchen. "Dammi Siech, spiel de Sack a chli bitzli schnella wieter" ("Spiel den Ball schneller") oder "Chop verturi nomal" ("Mein Gott, nein!"). Wenn Fans fluchen, sind sie alle gleich. Jeder Fehlpass wird als persönliche Beleidigung aufgefasst und jede Entscheidung des Schiedsrichters als Verschwörung angesehen. "Hei nei, isch der Chaib schlecht." ("Nein, der Schiri ist vielleicht ein blinder Vogel.")

0:0. Verlängerung. Dann das Elfmeterschießen. Keiner der Schweizer Spieler trifft. Von der Ukraine immerhin drei. Der Traum vom Viertelfinale ist zu Ende. Als wäre die Euphorie und Begeisterung der letzten zwei Stunden nur ausgeliehen gewesen und die Zeit jetzt abgelaufen, verstummen die Zuschauer nach dem letzten Fehlschuss von Riccardo Cabanas. Ein letztes "Schieß Dreck" oder "Ja nei, das kanns ja nüt sie", und die Masse setzt sich bereits Augenblicke später in Bewegung. Die Fans verlassen das Stadion am Bellevue ruhig und beinahe emotionslos. "So sind sie die Schweizer", sagt Zülhiaar Güzelgün. "Die schalten ihre Emotionen so einfach aus wie eine Lampe." In seiner Heimat der Türkei sei das anders. Aber die Mentalität hat auch etwas Gutes. Der teure Sportwagen neben der Leinwand blieb unangetastet.



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