Adel Grafenhaus liefert sich Erbschlacht um Millionen

Noblesse oblige - von wegen: Das Adelsgeschlecht derer von Spee entpuppt sich in Geldangelegenheiten als wenig vornehm. Vor einem US-Gericht streiten die Verwandten ums Familienerbe. Es geht um eine Viertelmilliarde Euro und schwierige Rechtsfragen.

Von


Berlin - Es war einer jener Anlässe, bei dem der deutsche Hochadel auf seine ruhmreiche Vergangenheit zurückzublicken pflegt. Maximilian Graf von Spee feierte seinen 50. Geburtstag im Kreise der weitverzweigten Familie, die beinahe komplett zum Stammsitz vor den Toren Düsseldorfs angereist war.

Schloss Heltorf der Familie von Spee
Albert Speelman

Schloss Heltorf der Familie von Spee


Nach dem Gratulations-Defilee im idyllischen Schloss Heltorf gedachte der Graf, so ist es Sitte derer von Spee, in einem ausgiebigen Dia-Vortrag der Ahnen. Und um den Clan auf alle Eventualitäten des Lebens vorzubereiten, erinnerte er dann an das Familien-Credo, das dereinst der Stammvater des Adelshauses in seinem Testament festhielt: "Aus altadligem Geschlecht entsprossen, gehört ihr zu einem Stande, dem gewisse Ehren-Vorzüge gezollt werden, die oft angefeindet wurden, aber nie verwischen werden, wenn man sich seines Standes würdig zeigt." An jenem Abend anno 1978 lauschte auch ein Teenie ganz andächtig: Wilhelm, der die Geschicke des Adelshauses später einmal lenken sollte.

27 Jahre später sieht Wilhelm, 42, inzwischen Spee'sches Familienoberhaupt, die Devise seines Adelsgeschlechts auf das Gröbste verletzt. Die erhabene Familie, deren Vermögen auf mindestens eine Milliarde Euro geschätzt wird, erwies sich nicht in all ihren Verästelungen ihres Standes würdig - sie streitet ums Geld.

Eine 77-jährige Tante und deren Kinder, die an der amerikanischen Ostküste leben, haben das Oberhaupt vor dem US-Bezirksgericht im Bundesstaat Connecticut auf eine Viertelmilliarde Euro verklagt. Die 78-seitige Klageschrift von Felicitas Petrov Gräfin von Spee und ihren Söhnen Constantin und Wladimir atmet wenig Noblesse, dafür ist viel von Betrug, dem vorsätzlichen Vorenthalten von Vermögen und der Manipulation von Dokumenten die Rede.

Militärregierung ausgetrickst

Ausgerechnet in der Neuen Welt wird nun um Rechts- und Ehrbegriffe des deutschen Adels gestritten, um Erbfolgen, die aus dem monarchistischen Europa des 19. Jahrhunderts stammen. Die US-Juristen werden in Rechtsgebiete eintauchen müssen, die selbst hierzulande nur wenige Kenner nachvollziehen können. Es sind Sonderrechte für den deutschen Adel, die es - zumindest teilweise - zwar von Rechts wegen seit über 80 Jahren nicht mehr gibt, die aber dennoch in der vor dem Bürgerlichen Gesetzbuch abgeschotteten Parallelwelt der Barone, Grafen und Herzöge ihre Gültigkeit haben.

Jenseits des Atlantiks wird nun über den Bestand des sogenannten Fideikommisses entschieden. Er erlaubte dem Adel bis zum Ersten Weltkrieg, einen Teil des Familienvermögens dem bürgerlichen Erbrecht zu entziehen. Das jeweilige Familienoberhaupt konnte damit die wirtschaftliche Macht der Fürstenhäuser sichern und auf elegante Art verhindern, dass Familienbesitz an missliebige Verwandtschaft fiel. Mit dem Untergang des deutschen Kaiserreiches wurde das Fideikommiss offiziell abgeschafft. Doch die Auflösung des damit blockierten Vermögens setzte die Weimarer Republik nicht durch.

So waren noch am Ende des Zweiten Weltkrieges knapp 7000 Hektar Grund und Boden der von Spees im Besitz des damaligen Familienoberhaupts Graf Wilderich; ein beträchtlicher Teil davon war Fideikommiss-Vermögen. Als dann den Latifundien bei Düsseldorf und im südlichen Ruhrgebiet im Zuge der Bodenreform die Enteignung durch die britische Militärregierung drohte, tricksten die Spees die neuen Machthaber aus. Quasi über Nacht wurden 1947 aus dem Großgrundbesitz des Adelshauses viele kleine Besitztümer - aufgeteilt auf die weitverzweigte Verwandschaft. Familienangehörige, so hieß die listige Begründung, hätten ihren Anspruch auf Teile des Sondervermögens angemeldet und Grundstücke im Gegenwert von 200.650 Reichsmark erhalten. So erschien plausibel, warum insgesamt 5455 Hektar Adelsland den Besitzer wechselten, ohne dass offenbar auch nur eine Mark Kaufpreis floss.

Die Transaktion wurde angeordnet vom Familienoberhaupt Wilderich und ausgeführt vom Generalbevollmächtigten der Gräflich von Spee'schen Zentral-Verwaltung, einer Einrichtung aus feudalen Zeiten. Eigentlich dürfte es dieses Serviceunternehmen qua Gesetz seit 1920 nicht mehr geben, doch in der Realität der Adelshäuser überlebte so manches Relikt. Ausgestattet mit Vollmachten der Familienangehörigen wurden dann die noch ungeklärten Erbansprüche vorab befriedigt. Worum es wirklich ging, offenbart allerdings eine Passage in einem Schreiben an einen Duisburger Notar vom Oktober 1951. Es sei das "gute Recht jedes Grundbesitzers", heißt es da, "seinen Grundbesitz zu verteilen, um der Bodenreform auszuweichen". Es gebe keine Verpflichtung, "ihn ungeteilt zu behalten, damit er für sozialistische Experimente bereit" stehe.

Florierender Familienkonzern

Als der nordrhein-westfälische Landtag 1962 das Bodenreformgesetz aufhob, wurde ein Großteil des alten Familien-Vermögens denn auch prompt wieder zusammengeführt. Die Familienangehörigen erfuhren davon in der Regel nichts, denn die Spee'sche Zentral-Verwaltung nutzte teils einfach die alten Vollmachten. Dabei waren die, wie es in einer Vollmacht der Gräfin Maria von Spee vom 24. Juni 1947 heißt, nur erteilt worden, um "aus dem Familienvermögen Grundbesitz zu erwerben".

Von einer Rückübertragung ist in der Vollmacht explizit keine Rede. So wurde das Fideikommiss-Vermögen der Grafen von Spee, offiziell per Beschluss des Oberlandesgerichtes Düsseldorf 1952 aufgelöst, still gerettet - und mauserte sich in den kommenden Jahrzehnten zu einem florierenden Familien-Konzern mit Wohnungsbaugesellschaften, Fabriken, einer Ziegelei und Kiesgruben. Später kamen Finanzgesellschaften wie die Heltofonds GmbH und Almfonds GmbH im Schweizer Steuerparadies Zug hinzu. 2001 schließlich wurden millionenschwere Firmen mit Sitz im Fürstentum Liechtenstein und den USA in eine Finanzholding eingebracht.

In solche wirtschaftlichen Aktivitäten des Familienoberhaupts und der Zentral-Verwaltung war in der Sippe kaum jemand richtig eingeweiht. Die unwissenden Familienangehörigen wurden - so legen es zumindest diverse Familienkorrespondenzen nahe - mit bescheidenen Apanagen abgefunden, die mitunter gerade mal hundert Mark betragen haben sollen. Geriet die adelige Verwandtschaft in ökonomische Schieflage, konnte es auch mal ein fünfstelliger Betrag sein.

Vor fünf Jahren stießen die in den USA lebenden Söhne der Gräfin Felicitas auf alte Familienkorrespondenz - mit fatalen Folgen für die deutsche Linie. Im Rahmen der Landrettaktion waren Felicitas' Mutter wertvolle Ländereien übertragen worden, die sie später an das damalige Familienoberhaupt verlor. Somit seien deren Erbin Felicitas, sagen ihre Anwälte, "über Jahrzehnte entsprechender Unterhalt aus dem Familienvermögen und das sich daraus ergebende Erbteil vorenthalten" worden.

"Deine Mutter hat von mir kein Erbteil zu erwarten"

Constantin Petrov, der Sohn von Felicitas, hatte zunächst schriftlich Aufklärung vom damaligen Familienoberhaupt Graf Maximilian und auch von seinem Nachfolger Graf Wilhelm verlangt. Aus seinem Feriendomizil auf Madeira faxte Graf Maximilian am 10. März 2000 knapp: "Deine Mutter hat von mir kein Erbteil zu erwarten." Erst als die US-Verwandtschaft weiter insistierte ("Jetzt weiß ich, dass die Hauptverwaltung für die Spees ein sehr reiches und großes Vermögen ist"), wies Wilhelm seine Zentral-Verwaltung im September 2001 an, Felicitas monatlich 1500 US-Dollar zu überweisen und bezahlte später die Pflege der Alzheimer-Kranken.

Der gläubige Katholik Wilhelm, Ritter des Malteserordens, wollte diese Zahlung als moralische Verpflichtung in der Familientradition verstanden wissen - ein rechtlicher Anspruch, so ließ er es Felicitas von seiner Zentralverwaltung schriftlich geben, könne daraus nicht abgeleitet werden. Die Vorwürfe, die nun in den USA gerichtlich geklärt werden sollen, weist die Zentral-Verwaltung von sich.

Der jetzige Generalbevollmächtigte Bernhard Richter schweigt zur Klage, beteuert aber, dass die Beauftragten "entsprechend den gesetzlichen Vorschriften und den vertraglichen Vereinbarungen gehandelt" hätten. Ob dem tatsächlich so ist, werden nun die US-Juristen klären müssen. Dazu werden Wilhelm und seine Zentralverwaltung wohl viele Familien- und Vermögensinterna erstmals offen legen müssen, die bisher wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurden. Und inzwischen beschäftigte auch schon Beamte der Düsseldorfer Landesregierung und des Bundesjustizministeriums die Frage, ob gar die Auflösung des Spee'schen Fideikommiss-Vermögens vor über 50 Jahren neu aufgerollt werden muss. Da trifft es sich gut, dass die deutsche Justiz ein ähnliches Beharrungsvermögen aufweist wie der deutsche Adel. Das für die Entscheidung zuständige Gremium wurde nie aufgelöst: Der 3. Zivilsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf ist auch heute noch für alle strittigen Fragen dieses Adelsrelikts einsatzbereit.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.