Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Äthiopien: Wie die Hungerhilfe ein Land in der Armut hält

Aus Addis Abeba berichtet Erich Wiedemann

Die ständige Verfügbarkeit von Almosen macht im ärmsten Land der Welt alle Initiativen platt. Ein gut geölter Samariterapparat trainiert den Äthiopiern die Fähigkeit ab, sich selbst zu ernähren. Regierung und Hilfsorganisationen profitieren von der Situation.

Addis Abeba - Ato Omot Atnafu und sein Bruder Tefere waren draußen auf dem Feld, als die Priester ins Dorf kamen. Es waren drei große, schlanke Männer mit schwarzen Bärten und safrangelben Gewändern. Sie tippelten den schmalen Weg durchs Dorf hinauf und verschwanden im Rathaus.


Als die Männer nach ein paar Minuten wieder herauskamen, hatten sie den Bürgermeister in der Mitte. Er setzte sein Kuhhorn an den Mund und blies hinein. Den quäkenden Ton konnte man bis hinter den Hügel hören, der das Dorf vom Nachbardorf trennte. Es hieß so viel wie: Alle mal herkommen, der Bürgermeister hat eine Mitteilung zu machen.

Die Mitteilung lautete: "Wie ich höre, sind einige von euch nicht folgsam. Ihr habt durch Arbeit einen Tag des Herrn entweiht. Diese frommen Männer hier ermahnen euch, die Gesetze der Kirche zu befolgen."

Am Tag zuvor war auch ein Feiertag gewesen. Und zwei Tage danach war der nächste Feiertag. Und dann kam noch einer. Dreimal in der Woche Feiertag. "Was sollen wir denn essen, wenn wir die Heiligen verehren, statt Korn anzubauen?", rief Ato Omot.

Das war eine unerhörte Aufmüpfigkeit. Einer der Priester trat auf Ato Omot zu und gab ihm eine sanfte Ohrfeige. "Du versündigst dich", sagte er.

Ato Omot bebte vor Zorn, aber er hielt sich zurück. Mit Gottesmännern prügelt man sich nicht. Außerdem war er nicht in Form, das konnte man sehen. Seine Arme und Beine waren wie Gummibänder, und die geflickte Jacke schlabberte ihm lose um den mageren Oberkörper. Die Priester dagegen waren gut genährt.

Kein Geld für den Bus zum Krankenhaus

Der koptische Kalender nennt über 150 Feiertage, außerdem 180 Fastentage, an denen die Gläubigen nur eine Mahlzeit zu sich nehmen dürfen. Wer sich an die Regeln nicht hält, muss mit Sanktionen rechnen, schlimmstenfalls mit der Drohung, dass er in die Hölle kommt.

Das koptische Christentum hat nicht viel mit Leben zu tun, aber umso mehr mit Angst, Sünde, Strafe, Tod. Doch wie soll ein Volk satt werden, wenn es nicht mal an jedem zweiten Tag im Jahr seine Äcker bestellen darf?

Äcker - allein das Wort ist schon euphorisch übertrieben. In den dichtbesiedelten Gebieten im Hochland bewirtschaftet der Durchschnittsbauer weniger als tausend Quadratmeter Fläche. Das ist kaum mehr als ein Fußballplatz, zu wenig für eine Familie. Äthiopien braucht dringend eine Bodenreform - und einen neuen Feiertagskalender.

Man könnte sicher mehr herausholen aus den Äckern. Aber die Bauern haben keine Beziehung zu der Scholle, die sie beackern. Grund und Boden gehören dem Staat. Deshalb werden kaum Bewässerungskanäle gebaut und kaum Bäume gepflanzt. Und deshalb ist auch der Waldbestand in den letzten 40 Jahren von 40 auf unter fünf Prozent der Bodenfläche zurückgegangen.

Weil geregelte Ackerwirtschaft kaum möglich ist, leben Omot und Tefere, ihre alten Eltern, die verwitwete Schwester und deren drei Kinder überwiegend vom Verkauf von Kuhfladen, die sie von dem Besitzer einer Rinderherde im Nachbardorf beziehen. Aber der Ertrag ist karg. Die Mutter hat nur ein Bein, der Vater ist schwer malariakrank. In Äthiopien ist die Krankenversorgung zwar kostenlos. Doch die Atnafus können den Bus zum Krankenhaus nicht bezahlen.

Es ist nicht so, dass die Atnafus hungern müssten. Aber sie sind arm. Omot und Tefere haben jetzt bei der Bauerngenossenschaft ein "Armutszeugnis" für die ganze Familie beantragt. Wenn es durchkommt, können die Eltern umsonst Autobus fahren.

Was der Bauer nicht kennt, sät er nicht

Letztes Jahr waren skandinavische Agrarexperten im Dorf. Sie brachten Triticale mit, eine Kreuzung aus Weizen und Roggen aus Südafrika, die dreimal so viel Ertrag bringt und widerstandsfähiger gegen Frost, Hagel und Ungeziefer ist als Tef, das traditionelle äthiopische Mehlgetreide. Wenn nur ein Drittel der äthiopischen Ackerfläche mit Triticale statt Tef bestellt würde, sagt Bernhard Meier zu Biesen, Regionaldirektor der Deutschen Welthungerhilfe in Addis Abeba, wäre Äthiopien schlagartig kein Hungerland mehr. So einfach ist das?

So einfach ist es nicht. Klaus Feldner von der deutschen "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit" (GTZ) hat Triticale in Bahr Dar am Tana-See heimisch gemacht. Aber der große Erfolg blieb aus. Niemand hat ein Interesse, die Landwirtschaft zu reformieren. Was der Bauer nicht kennt, das sät er nicht. Aus Triticale, so behaupten die Leute, könne man kein ordentliches Injera zubereiten, einen besonders beliebten Pfannkuchen. Die Regierung widersetzt sich nicht dem Volksgeschmack. Die Essgewohnheiten sind heilig.

Die Regierung, von Amnesty International als Folterregime gebrandmarkt, kultiviert eine antiquierte Schollenromantik. Handwerk und Industrie findet sie irgendwie konspirativ. Wenn die Leute nur ein bisschen mehr zu essen hätten, könnte ihretwegen alles so bleiben, wie es ist. Das Volkseinkommen hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung um dreieinhalb Prozent jährlich.

Die Regierung reagiert in keiner Weise auf die geringe Ertragsquote, sie steht ja auch nicht unter Druck. Ein gut geölter Hilfsapparat gleicht routiniert alle Nahrungsmitteldefizite aus. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), das die internationale Hilfe organisiert, hat auch gar kein Interesse daran, dem Mechanismus der Zwangsläufigkeiten ins Räderwerk zu fallen. Sonst wäre es ja selbst überflüssig.

Hilfe zur Unselbständigkeit

Anfang Januar erklärte das WFP, für die nächsten zehn Jahre würden 122 Milliarden US-Dollar benötigt, damit die Hungernden ernährt werden könnten. Zenawi schob anderntags die Forderung an die westlichen Gläubigerländer nach, Äthiopien die Schulden zu streichen.

Deutschland hatte Äthiopien gerade eine Woche zuvor einen generellen Schuldenerlass gewährt. "Wir erwarten, dass die durch das Abkommen freiwerdenden Mittel für den Kampf gegen die Armut eingesetzt werden", erklärte die damalige Staatsministerin Kerstin Müller. Eine kühne Hoffnung. Das meiste Geld bekam bislang stets das Militär. Äthiopien, das ärmste Land der Welt, hat die größte Streitmacht ganz Schwarzafrikas. Und nichts deutet darauf hin, dass Meles Zenawi daran etwas ändern will.

Der kategorische Imperativ der Entwicklungshilfe ist einfach: Gib einem Mann einen Fisch, und du machst ihn satt für einen Tag; zeige einem Mann, wie man Fische fängt, und du machst ihn für sein Leben lang satt. In Äthiopien gilt der Imperativ nicht. Die Hungerhilfe ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig des Landes. Sie wächst schneller als die Landwirtschaft. Sie ist mit schuld daran, dass die Äthiopier immer ärmer werden. Von 1984 bis 2002 ist die Lebensmittelproduktion von 450 Kilo auf 140 Kilo pro Kopf gesunken.

2003 spendierte die Uno Äthiopien anderthalb Millionen Tonnen Getreide. Die Hilfe war für die Landwirtschaft der Geberländer segensreicher als für die äthiopische. Die Bauern im äthiopischen Hochland mussten 50 Dollar aufwenden, um eine Tonne Getreide zu produzieren. Auf dem Markt erzielten sie aber nur knapp 25 Dollar, weil die kostenlosen Importe die Preise kaputtmachten.

Premier Zenawis "Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker" hat kein Interesse, an diesem bizarren Handel etwas zu ändern. Denn die Speditionsgesellschaften, die alle in Parteibesitz sind, kassieren für den Transport 40 bis 50 Dollar pro Tonne. In Addis Abeba sind über 300 Hilfsorganisationen mit Tausenden von Mitarbeitern registriert, von "Arat Kilo Child Care" bis "ZOA Refugee Care". Über hundert davon sind ausschließlich mit der Verteilung von Lebensmitteln beschäftigt. Eine Region, die einmal auf der Liste der Bedürftigen steht, kommt so schnell nicht wieder davon runter. Die ständige Verfügbarkeit von Almosen macht jede Initiative platt. Die Nomaden im Süden ziehen den Hilfskolonnen nach wie früher den Regenwolken.

Äthiopien aus der Sissi-Perspektive

Die Hilfslieferungen kommen jedoch zu weniger als einem Viertel da an, wo sie am dringendsten benötigt werden. Der weitaus größte Teil der Hilfe verfehlt sein Ziel, weil die Regierung und die NGOs sich nicht die Mühe machen, die Bedürftigkeit der Empfänger zu prüfen. Sie landen da, wo die logistischen Verteilerstrukturen intakt sind, aber nicht in den viel ärmeren Gebieten vor allem im Hochgebirge, wo es keine Straßen und keine Verwaltung gibt.

"Nichts zu tun ist Mordkomplizenschaft", sagt der britische Popstar Bob Geldof, der mit seiner Werbekampagne Live Aid für die Äthiopienhilfe populär geworden ist. Doch die Hilfsorganisationen erhalten die Menschen am Leben, ohne ihnen eine Lebensgrundlage zu geben.

Man dürfe nicht so harte Maßstäbe an Äthiopien anlegen, sagt Entwicklungshilfe-Veteran Karlheinz Böhm aus Salzburg, der hier seit 23 Jahren zahllose Spendenmillionen in Getreidespeicher, Schulen und Krankenhäuser investiert hat. Die Äthiopier könnten nicht in 50 Jahren bewältigen, wozu sich die Europäer ein paar Jahrhunderte Zeit genommen hätten.

Ein Blick auf die äthiopische Geschichte aus der Sissi-Perspektive. Karlhein Böhm will niemandem wehtun. Nur, die Äthiopier haben - abgesehen von einer italienischen Militärexpedition in den dreißiger Jahren - den Kolonialismus gar nicht selbst erlebt.

Neulich musste der frühere österreichische Schauspieler beim Besuch in einer Schulklasse feststellen, dass deren Zustand nicht seinen Vorstellungen von Ordnung und Hygiene entsprach. Weil er ein Tatmensch ist, griff er sich kurz entschlossen einen Besen und fegte selbst die Klasse sauber, anstatt es einem Schüler aufzutragen. Karl dem Guten, wie sie ihn hier nennen, war wohl nicht bewusst, wie typisch seine Geste für die Entwicklungshilfe aus Europa ist.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Äthiopien: Ein Land am Tropf

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: