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Afghanistan: Heuschreckenschwärme vernichten die Ernte

Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Waren es in den Jahren zuvor Krieg, Hunger und Dürre, die der Bevölkerung zu schaffen machten, droht dem geschundenen Land jetzt eine Heuschreckenplage in biblischem Ausmaß.

Schlimmste Plage seit 30 Jahren: Heuschrecken
AP

Schlimmste Plage seit 30 Jahren: Heuschrecken

Dar-el-Kalan - Besonders im Norden des Landes machen sich die Insekten über alles her, was nach dreijähriger Trockenheit gerade wieder zu sprießen beginnt. Grund für die rasende Vermehrung der Sechsbeiner ist nach Ansicht von Experten der Vereinten Nationen vor allem der zurückliegende milde Winter.

Für die Hilfsorganisationen droht der Kampf gegen die Heuschrecken zu einem Wettlauf gegen die Zeit zu werden. Am dichtesten sind die Schwärme im so genannten Heuschrecken-Dreieck zwischen den nördlichen Städten Kundus, Pul-i-Chumri und Samangan. "Wir befürchten, dass die letzten Bemühungen der Menschen, etwas anzupflanzen, von den Insekten vernichtet werden", sagt Andrew Harvey von der Welternährungsorganisation FAO am Freitag.

Im rund 80 Kilometer südöstlich gelegenen Bezirk Dar-i-Kalan fressen sich unterdessen Millionen von Heuschrecken durch die Hügel. Auf einer mehrere hundert Meter breiten Schneise klammern sie sich an jeden Zweig Grün. Mittendrin steht ohnmächtig eine Gruppe von etwa 50 Dorfbewohnern. Mit Plastiktüten, Schals und Decken versuchen sie, die Insekten in einen Graben zu locken, um sie dort niederzutrampeln.

Der 50 Jahre alte Lehrer Abdul Ghafar hat sich eigens einen Tag freigenommen, um die Bemühungen zu unterstützen. "Wir müssen alle Heuschrecken töten", sagt er entschlossen. "Sonst werden sie uns alles wegfressen, was wir haben." Die Behörden haben alle Geschäftsinhaber in dem Gebiet aufgerufen, ihre Läden eine Woche lang geschlossen zu halten, um sich dem Kampf anzuschließen.

Die Bewohner hoffen jetzt, vom mühsamen Zertrampeln der Tiere auf Chemikalien umsteigen zu können. Am Donnerstag traf die erste große Pestizidlieferung aus Rom ein - einen Monat nach der Bestellung. Am effektivsten wäre es nun, die Chemikalie mit auf Fahrzeugen montierten Sprühanlagen zu verteilen. Dabei könnte mit jedem Sprühgerät täglich eine Fläche von etwa fünf Hektar Land bedeckt werden. Als problematisch erweist sich dabei aber die Suche nach geeigneten Autos: Auf dem Hinterhof des FAO-Büros in Masar-i-Scharif rosten nur etwa zehn Fahrzeugen ohne Reifen vor sich hin.

Die FAO hat sich deswegen bemüht, kleine Lastwagen zu mieten - allerdings sind das auch die bevorzugten Transportmittel der afghanischen Soldaten. "Die einzigen Lastwagen sind in der Hand von Typen mit Maschinengewehren", klagt Harvey. In der vergangenen Woche vereinbarten die Uno in einer dreistündigen Krisensitzung die Bündelung aller Hilfsmaßnahmen, um die schlimmste Heuschreckenplage seit fast 30 Jahren in den Griff zu bekommen. "Es wird sehr schwer, und wir werden sie wohl nicht zu hundert Prozent besiegen", sagte Harvey. "Aber wir werden ihnen kräftig zusetzen."

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