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Privatjet rammt Boeing: Der Geisterflieger

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Eine Boeing 737 ist am Wochenende mit einem Krankenflieger über dem Osten Senegals zusammengestoßen. Der Passagierjet landete sicher, die kleine Privatmaschine flog jedoch weiter - bis sie mit leeren Tanks in den Atlantik stürzte.

Boeing der Ceiba Intercontinental: Kollision über dem Osten Senegals Zur Großansicht
CC BY-SA 3.0/ Andrew W. Sieber

Boeing der Ceiba Intercontinental: Kollision über dem Osten Senegals

Fliegen war nie sicherer als heute. Die Unfallzahlen in der modernen Luftfahrt gehen seit Jahren zurück. Doch in der jüngsten Vergangenheit erschütterten immer wieder mysteriöse Katastrophen die Branche: Flugzeuge gingen verschollen wie Flug MH370 über dem Südindischen Ozean, Flug MH17 wurde über der Ostukraine vom Himmel geschossen, ein suizidaler Pilot steuerte Flug 4U9525 in die französischen Alpen.

Seit diesem Wochenende gibt es ein weiteres Unglück, über das die Luftfahrt rätselt. Am vergangenen Samstag befand sich eine Boeing 737-800 der afrikanischen Fluggesellschaft Ceiba International auf ihrem Weg von der senegalesischen Hauptstadt Dakar nach Cotonou, dem Regierungssitz in Benin. Um 19.13 Uhr hörten die Passagiere ein krachendes Geräusch - auf das zunächst nichts Weiteres folgte.

Die Fluggäste ahnten nicht, in welcher großen Gefahr sie sich in diesem Moment befanden. Denn ihre Maschine hatte ein entgegenkommendes Flugzeug gerammt: Flug 6V-AIM, ein Privatjet der Senegalair auf dem Weg nach Dakar, und zwar exakt auf entgegengesetztem Kurs zur Boeing.

Suchtrupps überfliegen den Atlantik

An Bord der Maschine befanden sich neben den drei Crew-Mitgliedern auch zwei Krankenschwestern, ein Arzt und ein Kranker, der aus Ouagadougou ausgeflogen werden sollte. Erst allmählich dämmerte den Piloten der großen Boeing, dass sie ein anderes Flugzeug touchiert haben mussten. Sie flogen direkt zur Ceiba-Basis in Malabo in Äquatorialguinea. Nach der Landung dort waren an der äußersten Flügelspitze ihres erst eineinhalb Jahre alten Jets Spuren einer Kollision erkennbar.

Was aber hat sich an Bord des Krankenfliegers, einer Hawker HS-125, abgespielt?

Der Jet flog einfach weiter, in über 11 Kilometern Höhe über Dakar hinweg, hinaus auf den offenen Atlantik. Die Piloten setzten weder ein Notsignal ab, noch funkten sie die Bodenstation an - nichts. Das zweistrahlige Düsenflugzeug muss geflogen sein, bis sein Kerosin verbraucht war. Noch immer ist es nicht gefunden.

Suchtrupps überfliegen den Atlantik auf der Suche nach Resten der Maschine, in der sieben Menschen sehr wahrscheinlich starben. Es gibt viele offene Fragen: Wie konnten die Menschen an Bord außer Gefecht gesetzt worden sein, das Flugzeug aber noch soweit intakt bleiben, dass es seinen Kurs auf Autopilot unbeirrt fortgesetzt hat? Waren die Piloten nach der Kollision bereits tot, oder konnten sie ihren Flieger einfach nicht mehr kontrollieren?

"Piloten misstrauen der Bodenkontrolle in Afrika"

Die Flugsicherheitsbehörden im Senegal gehen davon aus, dass ein rapider Druckverlust an Bord des Krankenfliegers den Piloten das Bewusstsein geraubt haben muss. Erst der Flugschreiber wird darüber Auskunft geben, wie genau es zu diesem Crash kommen konnte. Doch dafür muss zunächst einmal das Wrack im Meer gefunden werden.

Immer wieder kommt es in Afrika zu Flugunglücken, weil der Luftraum nur unzureichend von Fluglotsen kontrolliert wird. Im September 1997 etwa stieß eine Bundeswehr-Maschine vom Typ Tupolew 154 mit einem Transportflugzeug der US-Armee vor der afrikanischen Küste zusammen.

"Piloten misstrauen der Bodenkontrolle in Afrika", sagt Jan Richter, Inhaber der Hamburger Flugsicherheitsberatung Jacdec SPIEGEL ONLINE: "Viele fliegen deshalb einige hundert Meter versetzt von der eigentlich von den Fluglotsen zugewiesenen Luftstraße." Diese so genannten Offset-Kurse sollen verhindern, dass sich eine Tragödie wie mit der Luftwaffen-Tupolew ereignet.

Flugbahn der Ceiba-Boeing laut Jacdec Zur Großansicht
GoogleMaps/ Jacdec.de

Flugbahn der Ceiba-Boeing laut Jacdec

Eigentlich hätte ein Kollisionswarnsystem die beiden Maschinen automatisch von ihrem zerstörerischen Kurs weg steuern müssen. Auch da müssen die Flugunfalluntersuchungsbehörden klären, warum diese Technik nicht angeschlagen hat. Bei dem Zusammenstoß einer Embraer-Maschine mit einer Boeing 737 der brasilianischen Fluggesellschaft Gol mitten über dem Amazonas war das Kollisionswarnsystem TCAS 2006 abgeschaltet gewesen. Damals starben mehr als 150 Menschen. Die Passagiere an Bord des Ceiba-Jets überlebten - und erfuhren erst nach der Landung von ihrem großen Glück.

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