Agrigent auf Sizilien Stadträte beschließen in 1133 Sitzungen - nichts

In Agrigent gibt es manchmal tagelang kein Wasser, Straßen zerbröseln, die Verwaltung tut nichts. Bis vergangene Woche beschwerte sich niemand. Dann wurde bekannt, dass sich Stadträte aus der Gemeindekasse bereicherten - die Einwohner toben.

Von , Rom

Proteste in Agrigent, Sizilien: "Bringt sie alle in den Knast!"
ROPI

Proteste in Agrigent, Sizilien: "Bringt sie alle in den Knast!"


Leitungswasser gibt es manchmal oft tagelang nicht. Das Einzige, was noch seltener zu bekommen ist als Wasser, sind Jobs. "Geschlossen"-Schilder kleben auf zwei von drei Geschäften in der Innenstadt. Agrigent ist eine öde Stadt mit hohen hässlichen Häusern an Siziliens Südküste, die auf der italienischen Rangliste städtischer Lebensqualität auf dem letzten Platz liegt.

Ringsum gibt es viel "Weltkulturerbe" zu bestaunen. Aber in das berühmte "Tal der Tempel" werden seit Jahren rücksichtslos private Wohnhäuser gesetzt, legal und illegal, mitten zwischen die antiken Bauten aus dem 5. Jahrhundert. Keiner in Agrigent hat sich je aufgelehnt. Nicht gegen die Politik und nicht gegen die Mafia.

Klaglos nehmen die knapp 60.000 Einwohner es hin, dass Straßen gleich nach der feierlichen Einweihung zerbröseln, wie derzeit die Nationalstraße 121 Palermo-Agrigent. Der Regen sei schuld, heißt es, nicht etwa der geduldete Pfusch der Straßenbaufirmen. Still ertragen die Bürger ihre unfähige Bürokratie, warten endlos in den Fluren, weil ein Großteil der kommunalen Angestellten blaumacht. Und dann, wenn man endlich seine Formulare abgeben darf, gibt es wenig bis nichts. Ein behindertes Kind, das zu Hause betreut werden muss, bekam aus dem Sozialetat einen Scheck über 28 Euro - fürs ganze Jahr. Die Kassen sind eben leer.

"Bringt sie alle in den Knast!"

Aber nun, in dieser Woche, war die Geduld der Bürger zu Ende. Etwa tausend Menschen gingen zum lautstarken Protest auf die Straße. Dergleichen gab es noch nie. Was war geschehen, das die resignierten Sizilianer plötzlich auf die Palme brachte?

"Noi siamo altro", riefen sie in großer Zahl. "Wir sind anders." Dieses Motto schrieben sie auf große Transparente und viele kleine Schilder, die nun überall an Hauswänden und Schaufenstern pappen. "Wir fühlen uns betrogen", hallte es durch die Stadt, manchmal auch in deutlich derberen Worten. Und immer wieder skandierten die Aufrührer: "Bringt sie alle in den Knast!"

Gemeint sind: alle Stadträte. Von dieser Spezies leistet sich der arme Ort immerhin 30 Stück. Zumindest deren Rädelsführer sind wohl als findig einzustufen. Denn die entdeckten eine Methode, sich quasi legal ein wenig die Taschen zu füllen: Wenn man für eine Ratssitzung nur eine ganz kleine Aufwandsentschädigung bekommt, also nicht einmal 10 Euro, muss man eben ganz viele Sitzungen abhalten. Dann bekommt man ganz viele kleine Entschädigungen. Und das taten sie denn auch. Fleißig.

1133 Treffen machen 10.000 Euro

Die "Consiglieri" von Agrigent trafen sich im vorigen Jahr insgesamt 1133-mal. Das dürfte ein Rekord sein, womöglich sogar Weltrekord. Diskutiert oder gar beschlossen hätten sie nichts, heißt es in der Stadt. Aber selbst wenn doch, sehr viel kann es nicht gewesen sein. Sie trafen sich ja immer nur für wenige Minuten.

Denn rein rechnerisch tagte der Stadtrat demnach dreimal täglich. Weil aber Sonntage vermutlich sitzungsfrei waren - da geht der gute Sizilianer erst in die Kirche und gehört dann der Familie - und auch in der heißen Sommerpause traditionell politikfreie Wochen eingehalten werden, müssen die Lokalpolitiker sich an ihren verbleibenden Sitzungstagen deutlich öfter als dreimal versammelt haben.

Der Fleiß zahlte sich aus. So brachten sie es im Jahr immerhin auf knapp 10.000 Euro Sitzungsgeld. Für jeden. Für die Stadtkasse summierten sich die Kleinbeträge auf rund 300.000 Euro.

Ermittlungen in alle Richtungen

Das war offenbar das entscheidende Quäntchen zu viel für die bis dato lammfrommen Bürger. Zuerst entflammte der Aufruhr im Netz. Innerhalb von wenigen Tagen schlossen sich 6000 Einwohner der frisch gegründeten Protestgruppe #Noisiamoaltro an. Und schnell ging es nicht nur um die skrupellosen Stadträte, sondern generell um "die Verschwendung und die Skandale in Agrigent".

Das Fernsehen berichtete, der Finanzminister kündigte eine Inspektion an, Sondereinheiten der Polizei und Staatsanwälte ermitteln in alle Richtungen. Schon geht es Ärzten an den Kragen, die den faulen Kommunalbeamten der Stadt Gefälligkeitsatteste geschrieben hätten. Bis sich die Bürger wieder beruhigen, dürfte es allerdings eine Weile dauern.

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insgesamt 46 Beiträge
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klyton68 06.02.2015
1. die Laune
im Volk wird schlechter. Das ist die mit der Mafia kungelnde Nomenklatur wohl nicht gewohnt. Aber sehr kreativ diese vielen Meetings.Das kostet auch, das zu verwalten.
carlo02 06.02.2015
2. Wie schön,
dass die (Italien) in der EU sind. Das erhöht sofort mein Vertrauen in die Institutionen.
kevinschmied704 06.02.2015
3. ich war 15 jahre
da hat mir mein onkel der nahe napoli wohnt ,mal im rahtaus eine regionalkarte gezeigt. er zeigt mir die neu gebauten spielplätze und fuhren danach los um sie aufzusuchen. blöd nur das da keine wahren, ausser irgendwelche nussbäume oder felder. von da an wußte ich was abgeht....
ludwig49 06.02.2015
4. Wo haben die das gelernt?
Doch nicht etwa von den Europa-Politikern, die sich in Listen eintragen und dann verschwinden? Der Witz mit den Rechtsanwälten geht auch mit Politikern: Was ist ein sinkendes Schiff mit 3000 Politikern an Bord? Antwort: Ein guter Anfang!
analyse 06.02.2015
5. Da ist Griechenland nicht weit !
Die armen Griechen,jetzt haben sie sich auch noch vom Regen in die Traufe gewählt !
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