Aids in China Verschlossene Türen für HIV-Infizierte

Sie werden ausgegrenzt, verfolgt, weggesperrt: Wer in China mit Aids diagnostiziert wird, wird zum Aussätzigen gestempelt. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" dokumentiert eine Diskriminierung ungeahnten Ausmaßes. Selbst das Heiraten ist den Infizierten in einigen Provinzen verboten.

Von Horst von Buttlar


Krankenhaus in China: Aids-Patienten müssen draußen bleiben
REUTERS

Krankenhaus in China: Aids-Patienten müssen draußen bleiben

Die Knochen stachen aus dem Bein der Patientin, aber die Ärzte wollten nicht helfen. Stundenlang saß sie so auf ihrem Krankenhausbett. Die Ärzte hatten verdächtige Spuren an ihrem Arm gesehen und den üblichen Aids-Test gemacht. Danach weigerten sie sich schlicht, die HIV-Patientin, die sich bei einem Verkehrsunfall das Bein gebrochen hatte, zu behandeln. Diese Geschichte erzählt der NGO-Mitarbeiter Alex Z. aus Kunming, China - und sie soll kein Einzelfall sein. Immer wieder weigern sich in China Krankenhäuser, Menschen mit Aids oder HIV zu behandeln.

Aids in China - für die Betroffenen ist dies ein grausames Urteil. Denn Aids-Kranke werden im Reich der Mitte in bislang ungeahntem Ausmaß diskriminiert, verfolgt, weggesperrt - das geht aus einem heute veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch" hervor. Der 94-seitige Bericht mit dem einprägsamen Titel "Verschlossene Türen: Die Menschenrechte von Menschen mit HIV/Aids in China" basiert auf etwa dreißig Interviews mit HIV-Infizierten, Polizeibeamten und Straßenarbeitern aus den Städten Peking, Hong Kong und Yunnan.

Den Augenzeugen zufolge wird HIV-Infizierten regelmäßig der Zugang zu Krankenhäusern und jeglicher medizinischen Versorgung verweigert. Patient Ji aus Kumning berichtet von seiner erfolglosen Suche nach einem Krankenhaus, das ihn behandelt. Sobald er sagte, dass er Aids habe, wurde er abgewiesen.

Aids-Stationen werden einfach verschlossen

Ähnliche Berichte kommen auch aus anderen Provinzen. In Dehong Dai, wegen des starken Drogenhandels auch eine Aids-Hochburg, wurde zwar für HIV-Infizierte eine eigene, abgeschottete Abteilung hinter dem Krankenhaus eingerichtet - doch die ist nicht besetzt. Die Tür war verstellt und mit Vorhängeschlössern versperrt. Eine Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation besuchte die Hospitäler in Yunnan auf der Suche nach Aids-Behandlungen. Die meisten Abteilungen waren geschlossen: "Ich habe nirgendwo einen HIV-Patienten gesehen."

Parteitag in China: Regierung schönt die Aids-Zahlen
AFP

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Doch auch gesunde Infizierte werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Nationale Gesetze schränken ihre Rechte ein, einige regionale Verordnungen verwehren den Zugang zu Schwimmbädern oder der Arbeit in Hotels, Restaurants und Reisebüros. "Viele Menschen werden so stark diskriminiert, dass sie gezwungen sind, als Aussätzige zu leben", sagte Brad Adams, Direktor der Asien-Abteilung von "Human Rights Watch". "Die Aids-Krise wird dadurch täglich verschlimmert." Bereits im letzten Jahr hatten Zeitungen berichtet, dass in einigen Provinzen Aids-Kranke weder heiraten, noch eine Schule besuchen dürfen.

Sogar von der Arbeit werden sie teilweise verbannt. So beschreibt der Report den Fall einer Gruppe Gastarbeiter in der Provinz Liaoning. Als im Dezember 2002 entdeckt wurde, dass sie HIV-positiv waren, wurden sie umgehend in ihre Heimatprovinz Jilin zurückgeschickt - von bewaffneter Polizei zum Flughafen eskortiert.

In der Yunnan-Region besuchten die Menschenrechtler so genannte "Entziehungseinrichtungen". Dort werden nach Angaben der Menschenrechtler Drogenabhängige in überfüllten, verschmutzen Zellen gehalten, chronisch unterversorgt. Sie werden gezwungen, ohne Bezahlung Schmuck für Touristen herzustellen. Die Verantwortlichen der Einrichtung, so der Bericht, führen Aids-Tests durch, aber ohne das Wissen der Patienten. Diese werden nicht über die Ergebnisse informiert.

Tausende wurden durch Blutkonserven infiziert

Besonders eindrucksvoll ist ein Skandal um Blutkonserven - laut "Human Rights Watch" einer der größten Aids-Skandale der Geschichte, dessen Umstände weiter im Dunkeln liegen. Demnach wurden in den frühen neunziger Jahren in sieben Provinzen in Zentralchina tausende Menschen durch verseuchte staatliche Blutkonserven angesteckt. Mobile Spendensammler hatten bei Bauern Blutspenden eingesammelt - gegen Bezahlung. Nach dem Verkauf des Plasmas wurden die Blutreste in Containern zusammengemischt und den Bauern wieder injiziert. Die Begründung: sie sollten ihre "Lebensgeister" zurück erhalten. Für viele war das ein Todesurteil.

Imbiss in China: Aids-Kranke dürfen hier nicht arbeiten
Sabine Moser

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Wiedergutmachung oder medizinische Behandlung habe es, so "Human Rights Watch", nicht gegeben. Die erkrankten Bauern bekommen nur geringe finanzielle Unterstützung. Auch die verantwortlichen Beamten wurden nicht strafrechtlich verfolgt. "Es ist an der Zeit, dass China sich dem Blutspendeskandal stellt", sagte Adams. Es müsse eine umfangreiche Untersuchung geben, wer in den Skandal verwickelt sei. Wenn China dazu nicht in der Lage sei, müsse die Uno oder andere Organisationen um Hilfe gebeten werden.

Der Bericht der Menschenrechts-Organisation dokumentiert auch, wie das Ausmaß der Aids-Epidemie von Regionalbeamten vertuscht wurde. Wie "Human Rights Watch" erklärte, liegen der Organisation Unterlagen der chinesischen Regierung vor, dass die HIV-Rate unter Blutspendern in sieben Provinzen zwischen vier und vierzig Prozent liegt - in diesen Provinzen leben etwa 420 Millionen. Es bedarf keines Rechenkunststückes, dass demnach die Zahl der HIV-Infizierten in China höher ist als offiziellen Angaben - eine Million - zufolge.

Erste Regierungsprogramme gegen Diskriminierung

Diese Zahl war erst vor einem Jahr von 600.000 nach oben korrigiert worden. Damals wurde noch am selben Tag bekannt, dass die Behörden den Aids-Aktivisten Wan Yannai wegen "Verrats von Staatsgeheimnissen" festgenommen hatten. Yannai war mitverantwortlich für die Aufdeckung des Blutspende-Skandals. Er hatte einen Bericht über die "Aids-Bauern" im Internet veröffentlicht.

Allerdings gibt es auch positive Entwicklungen. Die Regierung in Peking hatte vor kurzem ein HIV-Grundsatzprogramm verabschiedet, um der Diskriminierung von Menschen mit der Immunschwäche vorzubeugen. Einige regionale Parlamente, etwa in Suzhou Stadt, folgten. Auch die Medien müssen das Thema nicht länger totschweigen. Für "Human Rights Watch" ist das zumindest ein Anfang, sie empfehlen, erfolgreiche Projekte, Gesetze und Maßnahmen aus Hongkong auf das Festland zu übertragen. Die bisherigen Projekte aber reichen längst nicht aus, gegen die sich ausbreitenden Epidemie anzukämpfen.

Die Uno hatte bereist im Juli vergangenen Jahres in einem eigenen Bericht vor einer Aids-Katastrophe "unvorstellbaren Ausmaßes" gewarnt. Demnach gab es bereits 2001 zwischen 850.000 und 1,5 Millionen HIV-Infizierte. Diese Zahl, so der Uno-Bericht vom letzten Jahr, drohe bis zum Jahre 2010 auf zehn Millionen anzuwachsen, falls nichts unternommen werde.



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