Air-France-Absturz AF 447 soll keinen Kontakt zur Bodenstation gehabt haben

In ihren letzten Minuten versuchten die Piloten von Flug AF 447 nach französischen Angaben die Bodenstation in Afrika zu erreichen - ohne Erfolg. Die Lotsen im Senegal wurden nicht über die Maschine informiert. Brasilianische Behörden weisen die Vorwürfe zurück.


Le Bourget - Flug AF 447 hat offenbar dreimal vergeblich versucht, mit dem Kontrollsystem in Dakar im Senegal in Verbindung zu treten. Zum letzten Mal um 2.01 Uhr nachts (GMT), wie die französische Ermittlungsbehörde BEA am Donnerstag in Le Bourget bei Paris am Donnerstag erklärte.

Um 1.35 Uhr hatte der A330 demnach zum letzten Mal Kontakt mit den brasilianischen Lotsen. Um 2.14 Uhr war dann die letzte automatische Fehlermeldung aus der Maschine abgesetzt worden.

"AF 447 war nicht der einzige Flug, der nicht mit dem Kontrollzentrum in Dakar in Verbindung treten konnte", erklärte die Ermittlungsbehörde bei der Präsentation ihrer ersten Ergebnisse. Auch die drei folgenden Maschinen der Lufthansa, der Iberia und der Air France hätten die Fluglotsen nicht über Funk erreichen können. Dies komme in der Region häufiger vor, die Funkverbindung sei wegen Interferenzen sehr störanfällig. Es werde nun nach den Ursachen für diese Schwierigkeiten gesucht, um das System zu verbessern.

"Dakar hat keinen Flugplan erhalten"

Den bisherigen Erkenntnissen zufolge aber hatte es offenbar auch Kommunikationsprobleme zwischen den Fluglotsen in Brasilien und im Senegal gegeben. Die Flugkontrolleure in Afrika waren über den Flug nicht korrekt informiert, es gab keine Übergabe. Dies habe die Einleitung der Suche nach der Maschine wahrscheinlich um eine oder zwei Stunden verzögert.

"Dakar hat keinen Flugplan erhalten, man hat sie in der Adressatenliste vergessen", sagte der Leiter der Untersuchungen, Alain Bouillard. Als der Airbus A330 den von Brasilien überwachten Luftraum verlassen habe, hätten die dortigen Lotsen ihre Kollegen im westafrikanischen Senegal telefonisch verständigen müssen. Darauf hätte das Kontrollzentrum im Senegal dann routinemäßig Kontakt mit der Maschine aufnehmen sollen. Beides sei aber nicht passiert.

Der Airbus A330-200 der Air France war am 1. Juni auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris in den Atlantik gestürzt - mit 228 Menschen an Bord. Niemand überlebte.

Brasilien weist Vorwürfe zurück

Die brasilianischen Behörden haben die Kritik zurückgewiesen. Die heimische Flugüberwachung habe sehr wohl den Flugplan an Dakar übermittelt, sagte der Sprecher des Luftfahrtamtes, Henry Munhoz, am Donnerstag.

Außerdem sei den Kollegen in Dakar um 01.35 Uhr telefonisch mitgeteilt worden, dass der Flug AF 447 um 02:20 in den von Dakar aus kontrollierten Luftraum einfliegen werde, fügte Munhoz hinzu. Die Behörden in Dakar hätten den Erhalt dieser Informationen bestätigt.

Weder explodiert noch in der Luft zerborsten

Nach derzeitigen Erkenntnissen ist der Airbus völlig intakt "mit einer starken vertikalen Beschleunigung" auf die Meeresoberfläche aufgeschlagen. Die Maschine sei weder explodiert noch in der Luft zerborsten, sagte BEA-Direktor Bouillard bei der Präsentation der ersten Ermittlungsergebnisse: "Wir haben weder Brand- noch Sprengstoffspuren gefunden."

Verformungen der gefundenen Wrackteile zeigen demnach, dass die Maschine mit der Unterseite zuerst aufschlug. Ob die Passagiere zu diesem Zeitpunkt noch lebten, ist unbekannt. Es wurden keine entfalteten Schwimmwesten gefunden. Die Menschen seien offenbar nicht vorbereitet gewesen, sagte der BEA-Direktor.

Die Absturzursache bleibt weiterhin mysteriös. "Das Flugzeug ist ohne technische Probleme abgeflogen", sagte Bouillard. Das Wetter sei schwierig, aber für die Gegend nicht ungewöhnlich gewesen. Ob es sich um den Versuch einer Notwasserung gehandelt haben könnte, ließen die Ermittler offen. Klarheit erhofft die Behörde von den beiden Flugschreibern.

Die außen am Flugzeug angebrachten Geschwindigkeitsmesser seien nicht die direkte Ursache des Unglücks gewesen, sagte Bouillard. Es deute nichts darauf hin, dass es eine Verbindung vom Unfall und "der momentanen Funktionsstörung" der Geschwindigkeitsmesser gegeben habe. Elektronische Warnmeldungen hatten nach dem Verschwinden des Flugzeugs auf Probleme mit den sogenannten Pitot-Sonden hingewiesen. Demnach zeigten die Sonden unterschiedliche Werte an, was als eine mögliche Ursache des Absturzes der Maschine diskutiert wurde.

Bis zum 10. Juli will Frankreich nach den Flugschreibern mit einem Atom-U-Boot und zwei US-Sonden suchen. Er gehe weiter davon aus, dass die Flugschreiber gefunden würden, sagte Bouillard. Die Lebenszeit der Batterien der Peilsender der Black Boxes nähere sich ihrem Ende. Nach dem Verstummen der Sender werde eine zweite Suchphase eingeleitet.

Dabei werde der Meeresboden systematisch mit Tauchfahrzeugen und Schleppsonaren abgesucht. Für diese auf einen Monat angelegte Phase werde das französische Meeresforschungsschiff "Pourquoi pas" eingesetzt.

Die Black Boxes liegen vermutlich in 3000 bis 5000 Metern Tiefe auf dem Grund des Ozeans. Allerdings senden die Flugschreiber nur rund 30 Tage lang starke Signale aus. Ohne die Flugschreiber kann die Unfallursache möglicherweise nie geklärt werden.

Weitere Rückschlüsse können laut BEA aus dem Zustand der Leichen gezogen werden. Doch Brasilien habe die Ergebnisse der Autopsien noch nicht übermittelt. "Wir warten noch", so Bouillard. Im Atlantik wurden die Leichen von 51 Opfern geborgen. Unter ihnen waren die sterblichen Überreste des Flugkapitänsund eines Stewards sowie dreier deutscher Passagiere. 177 Insassen bleiben verschollen, darunter 25 Deutsche.

Die Behörden haben keine Hoffnung, noch fündig zu werden: Brasilien und Frankreich stellten die Bergungsarbeiten am Absturzort des Airbus A330 ein. Nur nach den Flugschreibern wird weiter gefahndet.

siu/dpa/AFP/AP

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