Air-France-Absturz Der Fluch des Flugs AF445

War es nur Gedankenlosigkeit? Für die Reise zu einer Trauerfeier hat Air France Angehörige getöteter Passagiere ausgerechnet auf den Flug gebucht, der vor einem Jahr in einer Katastrophe über dem Atlantik endete. Die Betroffenen sind empört - und bei manchen keimt ein böser Verdacht.

Unglücksmaschine der Air France: Keine Spur vom Wrack
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Unglücksmaschine der Air France: Keine Spur vom Wrack

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Hamburg - Der Anlass der Reise ist ein trauriges Jubiläum: Ein Jahr nach dem Absturz einer Air-France-Maschine auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris am 1. Juni 2009 werden sich die Angehörigen auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise zu einer Trauerfeier versammeln. Sie wollen dabei ein Denkmal für die 228 getöteten Passagiere enthüllen, darunter auch 28 Opfer aus Deutschland.

Mehr als 120 Hinterbliebene wollen zu dieser Veranstaltung Ende Mai aus Brasilien anreisen. Doch beim Blick auf die Tickets, die Air France ihnen unlängst zugeschickt hat, blieb vielen der Atem stehen: Sie sind gebucht auf den Sonntag, Abflug am späten Abend, Flugnummer AF445, geflogen wird wieder mit einem Airbus. "Das ist exakt derselbe Flug wie jener, der uns unsere Verwandten und Freunde für immer geraubt hat", empört sich Maarten van Sluys, Vorsitzender eines der Verbände der Opferfamilien. "Was auch immer Air France dabei geritten hat, es ist auf jeden Fall geschmacklos und nimmt keinerlei Rücksicht auf unsere emotionale Zerbrechlichkeit", findet der Niederländer mit Wohnsitz in Rio de Janeiro.

Denn die meisten Angehörigen werfen Airbus und Air France grobe Fehler vor, die zur Katastrophe geführt haben sollen: Der Hersteller habe ein störanfälliges Geschwindigkeitsmesssystem, sogenannte Pitot-Sonden, installiert, die in den heftigen Turbulenzen während des Fluges vereist und ausgefallen seien. Air France habe es versäumt, sie auszuwechseln, beziehungsweise habe es unterlassen, seine Piloten für solche gefährlichen Situationen auszubilden. Was genau beim Absturz nachts über dem Atlantik passiert ist, könnte vielleicht nie ermittelt werden.

Schlussphase einer aufwendigen Suchaktion

Derzeit hat die Schlussphase einer aufwendigen Suchaktion im Absturzgebiet begonnen. Mit Unterwasserbooten und Sonar soll der Flugschreiber der vermissten Airbus-Langstreckenmaschine aufgespürt werden. Noch aber hat die Hightech-Aktion keine Spur des Flugzeugwracks ergeben.

Die Angehörigen, so berichtet Opfer-Vertreter van Sluys, litten unter der Ungewissheit über die Unfallursache. Vielen gehe es neben Schmerzensgeld auch darum, die Ursache aufzuklären, damit ein solches Unglück nicht noch einmal geschieht. Ihr Vertrauen in die französischen Behörden sei dabei nicht sehr groß. Sie vermuteten, der Grund für die Katastrophe solle vertuscht werden.

Gerade an diesem Wochenende fühlten sich manche von ihnen durch einen Bericht in der französischen Tageszeitung "Libération" bestätigt. Das Blatt zitierte aus geheimen Untersuchungsakten eines mit dem Absturz befassten Gerichts in Paris. Demnach gehen Prüfer einer neuen Spur nach, die erklären soll, warum die Geschwindigkeitssonden ausgefallen sind.

Offenbar waren die Sonden, die man an anderen A330-Modellen ausgebaut hat, in "mittelmäßigem" bis "sehr schlechtem" Zustand. Nach Ansicht der Experten, so steht es dem Blatt zufolge in den Gerichtsakten, "könnte das mit dem zeitlichen Abstand seit der letzten Wartung" zusammenhängen.

Hätte der Absturz verhindert werden können?

Hätte der Ausfall der Pitot-Sonden und damit letztlich auch der Absturz der Maschine verhindert werden können, wenn die Sensoren ausreichend oft gereinigt und gewartet worden wären? Für die Angehörigen sind das quälende Fragen. "Viele von ihnen sind seit dem Absturz nicht mehr in ein Flugzeug gestiegen", berichtet Opfer-Vertreter van Sluys. Manche hätten sich nun ein Herz gefasst, weil sie bei den Erinnerungszeremonien in Paris unbedingt dabei sein wollten - zu Ehren der Toten.

In einen Airbus zu steigen, sei "besonders diesen Menschen nicht zumutbar", klagt van Sluys.

Manch ein Angehöriger vermutet deshalb einen perfiden Hintergedanken von Air France. Bei Schadensersatz-Prozessen, so deren Unterstellung, könnten die Anwälte der Fluggesellschaft sich weigern, die Kosten psychologischer Behandlungen zu übernehmen. Und zwar mit dem Hinweis, die Angehörigen seien psychologisch schon wieder so stabil, mit einem Airbus auf derselben Flugroute wie die Verunglückten zu fliegen. "Ich kann mir aber eigentlich nicht vorstellen, dass Air France so unfair sein könnte", sagt selbst van Sluys, der hinter der Buchung Gedankenlosigkeit gepaart mit schlichtem Pragmatismus vermutet.

"Einfach draufgebucht"

Der Air-France-Airbus auf dieser Strecke, der von AF447 in AF445 umbenannt wurde, fliege nach dem Absturz angeblich mit vielen freien Sitzplätzen. "Die wollten einfach die Maschine ausnutzen und haben unsere hundertköpfige Gruppe da draufgebucht", sagt van Sluys.

Der Opferverband fordert nun von Air France, auf die beiden Jumbojets der Marke Boeing umgebucht zu werden, die jeden Tag zwischen Brasilien und Frankreich verkehren. "Da hätten viele von uns ein besseres Gefühl."

Air France indes widerspricht, dass es ein Auslastungsproblem auf dem Airbus-Flug zwischen Rio und Paris gibt. Man habe für den Flug der Angehörigen am 30. Mai zudem ein größeres Airbus-Modell als die Unglücks-A330 vorgesehen, eine A340. Für Angehörige, die trotzdem nicht in den Airbus einsteigen wollen, würde selbstverständlich ein Ticket auf einem Boeing-Flug gebucht. Man sei sehr bemüht, die emotionalen Bedürfnisse der Hinterbliebenen zu berücksichtigen.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Crom 27.04.2010
1. ...
Manchmal habe ich das Gefühl, man sucht nur nach einem Detail oder einer Gelegenheit sich wieder empören zu können. Man kann doch nicht an alles Denken. Ob nun irgendwelche Flugnummern, Flugzeugtypen etc. zusammen passen. Es sind auch schon Boeings abgestützt.
AndyH 27.04.2010
2. ja und?
Zitat von sysopWar es nur Gedankenlosigkeit? Für die Reise zu einer Trauerfeier hat Air France Angehörige getöteter Passagiere ausgerechnet auf den Flug gebucht, der vor einem Jahr in einer Katastrophe über dem Atlantik endete. Die Betroffenen sind empört - und bei manchen keimt ein böser Verdacht. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,691589,00.html
Itiotismus. Flugnummer ist Flugnummer. In China fehlen die Stockwerke mit 4 darin, in Europa gibt es oft keine 13-e Reihe oder Stockwerk. AF hat halt Airbusse und die Strecken sind eben durchnumeriert. Was soll das?
JeZe, 27.04.2010
3. Unterschied?
Sieht so aus, als ob AirFrance gar keine Chance hat irgendwas noch richtig zu machen. Der Flug ist doch völlig unwichtig, ich hätte aber Verständnis, wenn die Hinterbliebenen gar nicht mit AF fliegen wollten. Ob's dann aber eine Boeing 747 (bisher 49 Totalverluste) oder eine A340 (bisher keine Totalverlust mit Opfern) ist, spielt doch letztendlich keine Rolle.
zx6 27.04.2010
4. Ach um Gottes Willen!
---Zitat--- In einen Airbus zu steigen, sei "besonders diesen Menschen nicht zumutbar", klagt van Sluys. ---Zitatende--- Ah und warum? Wenn die Emotion von genau dem abgestürzten Airbus weg abstrahiert auf jeden Airbus, wieso dann nicht auf jedes Flugzeug? Warum ist denn ein Jumbo hier "gefühlsmäßig" vorzuziehen? Ich vermute, die wenigsten Passagiere würden von sich aus merken, ob sie in einem Airbus A330 sitzen oder in einem Jumbo, wenn man es ihnen nicht sagen würde. Was für eine Aufspielerei und Berufsempörtheit. zx6
rednotebook 27.04.2010
5. Verständlich
Ich glaube mit Vernunftgründen kann man das nicht abtun, schließlich geht es bei dieser Diskussion doch in erster Linie um Emotionen und Ägste. Jemanden mit Platzangst kann man auch nicht mit rationalen Erklärungen ruhiger stellen. Ich weiß nicht, wie ich mich in einem Flugzeug fühlen würde, in der ein Angehöriger von mir umgekommen ist. Ich finde die Empörung völlig nachvollziehbar, ich selbst flieg aus Überzeugung kein Airbus, Boeing hat wenigstens nicht dieses verrückte System, in dem das Schiff in Gafahrensituation autonom handelt und ein Eingreifen des Piloten total ausgeschlossen ist. Außerdem, warum bucht Air France die denn nicht einfach in eine Boeing um so welchen Diskussionen einfach aus dem Weg zu gehen? Nicht so clever!
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