Air-France-Absturz Hinterbliebene wollen Airbus-Flotte stoppen

Die Hinterbliebenen der Opfer von Flug AF 447 wollen nicht auf die Untersuchungsergebnisse warten. Sie fordern jetzt von der ermittelnden Richterin Maßnahmen, um eine weitere Katastrophe zu verhindern - notfalls sollten alle Airbus-Maschinen vom Typ A330 und A340 stillgelegt werden.

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AFP

Hamburg - Warum stürzte vor genau zwei Jahren ein Airbus A330 der Air France in den Atlantik? Zwischen Hinterbliebenen, Hersteller und Fluggesellschaft ist darüber ein erbitterter Streit entbrannt. Waren es überraschte, überforderte Piloten, die in 11.000 Metern Höhe nach dem Vereisen der Geschwindigkeitsanzeigen die Übersicht verloren und falsch reagiert haben? Oder gibt es doch einen technischen Defekt? Einen versteckten Software-Fehler im automatischen Flugsteuerungssystem des Airbus, der mit dem Ausfahren der Höhenflossen jegliche Rettungsversuche der Piloten verhindert hat?

Das jedenfalls behaupten die Anwälte und technischen Experten der Hinterbliebenen aus Deutschland und fordern die ermittelnde Richterin am Pariser Gericht zum Handeln auf. "Wir beantragen, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, die verhindern, dass eine dem Flug AF 447 vergleichbare Katastrophe noch einmal passiert", heißt es in dem Brief, der am Dienstag an die Richterin Sylvie Zimmermann ging und SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Die Anwälte der Hinterbliebenen fordern die Juristin auf, Airbus zu zwingen, "technische Umrüstungen" vorzunehmen, damit "Geschwindigkeitsmesser in der Zukunft sicher nicht mehr vereisen können". Sollte das nicht möglich sein, müssten die Maschinen "mit einer Software des elektronischen Flugsteuerungssystems ausgestattet sein, die einen unmittelbar eintretenden unkontrollierten Flugzustand verhindert", heißt es in dem Schreiben, das von der Kanzlei des Hannoveraner Rechtsanwaltes Ulrich von Jeinsen verfasst wurde.

Notfalls solle die Richterin die vorübergehende Stilllegung der gesamten A330-Flotte sowie des Schwestermodells A340 anordnen. Betroffen wären mehr als tausend Flugzeuge des deutsch-französischen Herstellers.

Jeinsen und der Berliner Luftrechtsprofessor Elmar Giemulla weisen die Richterin darauf hin, dass es "strafrechtliche Konsequenzen" haben könnte, falls den Hinweisen nicht nachgegangen werde und ein weiterer Airbus aus dem gleichen Grund abstürzen sollte.

"Das Phänomen gleicht sich auf erschreckende Weise"

Der Antrag der deutschen Anwälte stützt sich vor allem auf das Gutachten von Gerhard Hüttig, Professor am Institut für Luft- und Raumfahrttechnik der Technischen Universität Berlin. Er hat vor über einem Jahr in einem Simulator der Air France das Unglück, bei dem 228 Menschen starben, nachgestellt. Während des Simulatorfluges beobachtete er ein sonderbares Verhalten des A330 im Falle, dass die Strömung an den Tragflächen abreißt. Bei diesem Flugzustand, der in der Fachsprache englisch "Stall" genannt wird, hatte sich die Höhenflosse am Leitwerk automatisch ausgefahren.

Damit war es dem ehemaligen Airbus-Piloten, genauso wie anderen anwesenden Piloten, nicht mehr möglich gewesen, die Nase des Flugzeuges nach unten zu drücken und aus dem Stall herauszukommen.

Als vergangenen Freitag der vorläufige Untersuchungsbericht der französischen Flugungfalluntersuchungsbehörde BEA erschien, war Hüttig verblüfft. Darin beschreiben die Ermittler, dass während der letzten dramatischen Minuten von Flug AF 447 die Höhenflosse von drei auf 13 Grad ausfuhr, also auf fast maximalen Ausschlag. "Das Phänomen gleicht sich auf erschreckende Weise", zitiert die aktuelle Ausgabe des SPIEGEL den Luftfahrttechniker aus Berlin.

Hüttig hatte Airbus, die Europäische Flugsicherheitsagentur EASA und die BEA über seine Erkenntnisse aus dem Simulator zu diesem unerwarteten Verhalten der Flugcomputer unterrichtet. Die EASA hat am 27. Oktober 2010 geantwortet, Hüttigs Theorie sei nach dem "verfügbaren Kenntnisstand" nicht zutreffend. "Wir vermuten, dass das von Ihnen vorgetragene Verhalten in dem bei der Studie verwendeten Flugsimulator zu suchen ist und nicht im Flugzeugmuster A330", so die Antwort der EASA.

Flugschreiberdaten belegen Sicherheitsrisiko bei A330

Im Lichte der jetzt aus den geborgenen Flugschreibern rekonstruierten Daten habe sich das Gegenteil erwiesen, sagten Hüttig und Jeinsen SPIEGEL ONLINE. Airbus habe zudem in Schreiben an die Fluggesellschaften bereits weitgehend unbemerkt auf dieses Sicherheitsrisiko reagiert und gewisse Maßnahmen vorgeschlagen, mit denen sich die riskante Flugsituation bewältigen ließe. Airbus hatte dem SPIEGEL gegenüber die Theorie Hüttigs zurückgewiesen. Der Ausschlag der Höhenflosse sei mit dem Hochziehen der Flugzeugnase durch den Piloten erklärbar, hieß es aus dem Konzern.

Andere europäische Airlines haben sich bereits die beunruhigenden Flugdaten von AF 447 vorgenommen und analysieren eine mögliche Gefahr für baugleiche Flugzeuge in ihrer Flotte. Endgültige Aufklärung versprechen erst die Analysen der BEA, die Ende Juli veröffentlicht werden sollen. Luftfahrtexperten gehen von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Ermittlern, dem Hersteller und der Airline darüber aus, wer am Ende verantwortlich sein soll für den Absturz des Flugzeuges, das mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde auf den Atlantik aufschlug.

Unterdessen ging die Bergung der Leichen aus dem in 4000 Metern Tiefe liegenden Wrack weiter. Mit den Flugschreibern wurden vor rund einem Monat Gewebeproben von zwei Leichen entnommen. Nachdem es der Gerichtsmedizin in Paris gelang, die Toten anhand der genetischen Informationen zu identifizieren, hat sich der französische Staat dazu entschlossen, möglichst viele Opfer zu bergen.

Die meisten europäischen Hinterbliebenen hatten dafür plädiert, die Leichen am Grund des Atlantiks zu belassen. Die brasilianischen Angehörigen, die immer noch auf Sterbeurkunden warten, forderten vehement, die Überreste zu bergen.

75 Körper sind mittlerweile geborgen. Damit fehlen aber immer noch rund hundert Leichen.

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Seite 1
semper fi, 01.06.2011
1. -
Zitat von sysopDie Hinterbliebenen der Opfer von Flug AF 447 wollen nicht auf die Untersuchungsergebnisse warten. Sie fordern jetzt von der ermittelnden Richterin Maßnahmen, um eine weitere Katastrophe zu verhindern - notfalls sollten alle Airbus-Maschinen vom Typ A330 und A340 stillgelegt werden. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,766039,00.html
Den Artikel habe dreimal lesen müssen, da ich meinen Augen einfach nicht getraut habe. Da kommt ein Professor (Hüttig), alles andere als ein professioneller Pilot, behauptet irgendetwas. Dann stürzen sich ein paar Anwälte drauf, die - sie können ja nicht von sich aus tätig werden - ein paar Angehörige missbrauchen, um Kohle und Publicity zu machen. Die einzige Frage, die hier erlaubt ist: Sind denn jetzt alle verrückt geworden? Unterfragen: Glaubt der Hüttig etwa, dass die Vereinigung Cockpit, deren Mitglieder tagtäglich in Airbus-Flugzeugen und Airbus-Simulatoren sitzen, schon längst ein Fass aufgemacht hätte, wenn das erforderlich wäre? Nicht, dass ich immer einer Meinung mit der VC bin, aber das sind absolute Profis wenn's um's Fliegen geht.
Akuram 01.06.2011
2. Zwischenbericht
Herrn Prof. Hüttig scheint jedoch entgangen zu sein, dass der vorläufige Zwischenbericht über die Daten des Flugschreibers keinerlei Anstrengung der Piloten zeigen, die Nase nach unten zu drücken und somit aus dem Stall herauszukommen. Im Gegenteil, laut Bericht war der Steuerknüppel durchgehend und ohne Unterbrechung auf unterschiedlich starker Plusstellung, also die Steuerung des Flugzeugs befand sich die gesamte Zeit auf Steigflug!
matthias_b. 01.06.2011
3. Auf Thema antworten
Zitat von semper fiDen Artikel habe dreimal lesen müssen, da ich meinen Augen einfach nicht getraut habe. Da kommt ein Professor (Hüttig), alles andere als ein professioneller Pilot, behauptet irgendetwas. Dann stürzen sich ein paar Anwälte drauf, die - sie können ja nicht von sich aus tätig werden - ein paar Angehörige missbrauchen, um Kohle und Publicity zu machen. Die einzige Frage, die hier erlaubt ist: Sind denn jetzt alle verrückt geworden? Unterfragen: Glaubt der Hüttig etwa, dass die Vereinigung Cockpit, deren Mitglieder tagtäglich in Airbus-Flugzeugen und Airbus-Simulatoren sitzen, schon längst ein Fass aufgemacht hätte, wenn das erforderlich wäre? Nicht, dass ich immer einer Meinung mit der VC bin, aber das sind absolute Profis wenn's um's Fliegen geht.
Hierzulande entscheiden Pfarrer, Bischöfe, Soziologen, Philosophen über die Zukunft der Atomkraft, warum also aufregen?
Stancer81 01.06.2011
4. ...
Hört sich genau so schwachsinnig an wie damals mit der Concord. Fliegt 30 Jahre ohne Absturz und dann wird sie sofort verschrottet. Wenn wir alles sofort einmotten würden, sobald ein Unfall damit passiert wären wir nicht über die Entwicklung des Feuers hinaus gekommen ! Es klingt stark nach der Suche nach der Hexe zum verbrennen. Es ist tragisch, das diese Menschen ihre Angehörigen verloren haben aber nun irgendwem die Schuld zuzuweisen nur um sich besser zu fühlen ist der falsche Weg.
grinta, 01.06.2011
5. oh mein gott ...
... die anwälte müssen echt jubilieren, dass sie diese katastrophe derart ausschlachten können. um nichts anderes geht es doch: einige juristen lassen sich den allerwertesten vergolden. traurig, traurig.
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