Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Hetzredner Pirinçci: Mitleid mit dem Demagogen

Ein Kommentar von

Vom Katzenkrimiautor zu Deutschlands derbstem Hassredner: Am Montag hielt Akif Pirinçci eine Ansprache, bei der man sich fragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat. Dieser Mann braucht kein Rednerpult, er braucht Hilfe.

Katzenkrimiautor und Hassredner Akif Pirinçci Zur Großansicht
imago/ teutopress

Katzenkrimiautor und Hassredner Akif Pirinçci

1989 erschien der Roman "Felidae". Es war ein Krimi, in dem Katzen einen Mordfall lösten. Eine lustige Idee, spannend und gut erzählt. "Das Portrait einer Welt aus der Sicht von Katzen", schrieb ein Kritiker. "Felidae" wurde zum Bestseller, verkaufte sich allein in Deutschland millionenfach, wurde in etliche Sprachen übersetzt - und machte seinen Autor reich.

Das ist wichtig. Denn hätten die Leser den Autor damals so gekannt, wie er sich heute in der Öffentlichkeit zeigt, hätten sie das Buch vielleicht nicht gekauft. Nicht mal, weil er ein wütender Hetzer ist. Vielleicht, weil sie einfach nicht wollen würden, dass ein solcher Mensch so reich wird. Vielleicht war es auch für ihn nicht gut, so viel Geld zu verdienen. Je reicher Menschen sind, desto verrückter dürfen sie sein - ohne dass ihnen jemand hilft. Wer Erfolg hat, ist ja schließlich auf dem richtigen Weg. Um den muss man sich nicht kümmern. Oder?

Am Montag sprach Akif Pirinçci auf der Einjahresfeier der Pegida in Dresden. Es war eine unglaubliche Hetzrede. Ein merkwürdig unbeteiligt vorgetragener Wutwortschaum. Pirinçci sprach von einer drohenden "Moslemmüllhalde", von Politikern, die "Gauleiter gegen das eigene Volk" seien, nannte Flüchtlinge "Invasoren". Er ließ sich gar dazu hinreißen, zu sagen: Es gäbe natürlich auch andere Alternativen, mit Deutschen umzugehen, die mit der aktuellen Integrationspolitik nicht einverstanden seien. "Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb." Damit bezog er sich auf die Reaktion von Walter Lübcke, auf die Unmutsäußerung eines Bürgers in Kassel, der sich bei einer Rede des CDU-Politikers gegen die Errichtung einer Erstaufnahme aussprach. Lübcke entgegnete darauf: "Wer diese Werte nicht vertritt, kann Deutschland jeder Zeit verlassen."

Wortströme, die selten versiegen

Ja, dieser Mann ist Autor, er kann die kraftvolle Sprache. Er kann Wut in Sätzen bündeln. Und ja, es war auch ein Skandal mit Ansage. "Morgen", schrieb er auf seiner Website, "werde ich anlässlich des einjährigen bestehens der PEGIDA in Dresden auftreten und einen hübschen Text vorlesen, der in Sachen Wutrede in diesem Land Maßstäbe setzen wird."

Dass Pirinçci eine extreme Haltung hat, ist nicht neu. Das öffentliche Outing des Katzenbuchautors als Demagoge kam mit einem Text über die Gewalt junger Migranten, am 25. März 2013. "Das Schlachten hat begonnen", hieß der Text auf der Internetseite "Die Achse des Guten". Es folgte ein Buch, das laut der "Süddeutschen Zeitung" Thilo Sarrazin im Vergleich so kontrovers wirken lasse wie Graf Zahl aus der "Sesamstraße".

Trotzdem ist es wichtig, noch einmal über Akif Pirinçci nachzudenken. Und zwar darüber, wie man ihm helfen kann.

Jeder kennt Menschen, die wirre Theorien verbreiten, lange Reden halten - und sich damit aus der Gesellschaft geschossen haben. Nicht wenige von ihnen haben sich um Heim, Familie und Arbeitsplatz geredet. Und wer ihnen länger zuhört, sucht - selbst wenn er anfänglich noch Interesse an diesen abstrusen Gedankenlabyrinthen zeigte - bald nach einer Gelegenheit, das Gespräch zu beenden. Denn diese speziellen Geister gebären Wortströme, die selten versiegen.

Ein Monolog wie der gestrige von Pirinçci ist wohl auch den geduldigsten Zuhörern noch nie untergekommen. Denn er trägt nicht die widersinnige Melodie des irrenden Geistes; Pirinçci hat seine Gedanken in einen Sprachfluss gebracht, der die ungebändigte Wut in ein hauchdünnes Einwickelpapier aus Argumentation und Rhetorik verpackt. Das ist gefährlich, gefährlicher noch, wenn der Redner nicht in abgetragenen Kleidern, mit wirrem Blick und wirrem Haar daherkommt. Wenn es ihm gelingt, seinen widersinnigen Blick auf die Welt, die Schluchten der Absurdität in seiner Argumentation mit Sprache - wenn auch nur notdürftig - zu überbrücken.

Lebenslänglich hasserfüllt

Seine Worte haben Wut und Abscheu geerntet. Sie verdienen noch etwas: Mitleid. Wie schlimm muss es sein, auch nur eine Minute in diesem hasserfüllten Kopf zu verbringen?

Akif Pirinçci hat lebenslänglich.

Und statt Menschen um sich zu haben, die ihm helfen wollen, wird er auch noch auf Podeste gehoben, um seine inkohärenten Gedankenpuzzle zu verbreiten. Dabei wäre es ganz sicher besser für ihn, wenn er keinen Applaus für seine Reden erhielte, sondern Hilfe suchen und finden würde.

In einem Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" von 2014 spricht er viel über Geisteskrankheit: Von geisteskranken Rassisten. Oder von der "Geisteskrankheit" Islam. Gegen Ende des Artikels in der "Süddeutschen Zeitung" witzelt er schließlich darüber, dass er nun "bald in seine Gummizelle" zurückmüsse.

1989 zeigte Pirinçci uns mit "Felidae" das Porträt einer Welt durch die Augen von Katzen. Nun zeigt er uns durch seine Reden und Bücher das Porträt einer Welt aus der Sicht eines verwirrten Mannes.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Benjamin Maack arbeitet als Redakteur im Ressort Panorama.

E-Mail: Benjamin.Maack@spiegel.de

Mehr Artikel von Benjamin Maack

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es Pirinçci deute an, es gäbe auch andere Alternativen mit "Politikern umzugehen, die bereit sind Flüchtlinge aufzunehmen". Das stimmt so nicht. Gemeint waren die Deutschen, denen die derzeitige Integrationspolitik der Regierung nicht passt.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: