Akt-Fotograf Klaus Ender "Die Frau und ihr köstliches Dreieck"

Seine Heldinnen waren athletische Pionierfrauen, blonde Brünhilden oder in Fischernetze verstrickte Nixen. Jetzt hat der einst zum erfolgreichsten DDR-Fotografen gekürte Klaus Ender seine Autobiografie veröffentlicht – einschließlich intimer Ausblicke auf die "naturbelassene Schönheit" der Frau im Sozialismus.

Von


Freizeitmodell am Strand von Rügen: "Die Frauen in der DDR waren befreiter"
Klaus Ender

Freizeitmodell am Strand von Rügen: "Die Frauen in der DDR waren befreiter"

Hamburg - Viele Westdeutsche können mit seinem Namen nichts anfangen. Den Menschen in den neuen Bundesländern hingegen ist Klaus Ender seit langem ein Begriff: Bei Erscheinen seiner Akt-Fotos im "Magazin" oder auf der "Funzel"-Seite der Zeitschrift "Eulenspiegel" stürmten DDR-Bürger die Kioske und sorgten dafür, das die Hefte noch am selben Tag vergriffen waren.

Die als Ausflug in "verlorene Paradiese" angekündigten FKK-Bilderstrecken waren für viele eine willkommene Flucht aus dem grauen DDR-Alltag. Niemals vulgär, immer in vollendete Bildausschnitte gepackt, sind die sozialistischen Nackten noch heute ein Augenschmaus der besonderen Art. Dabei bewahrt Enders konsequente Entscheidung für Schwarzweiß die Aktfotos aus den siebziger Jahren vor jeder Partykeller-Tristesse.

Fotostrecke

12  Bilder
Akt-Fotografie: "Die Frau und ihr köstliches Dreieck"

"Mein Modell war immer das Mädchen von der Straße. Ob im Café oder am Strand, ich hatte stets meine Bildmappe dabei und konnte den Frauen so zeigen, welche Art von Fotografie ich betrieb. Von zehn Angesprochenen sagten neun ohne zu Zögern ja." Ob das an der besonderen Offenheit der DDR-Bürgerinnen gelegen habe? "Sie waren sehr natürlich, nicht affektiert wie die Berufsmodelle", erklärt Ender, dem die "heutigen Mädchen" überhaupt nicht mehr gefallen: "Rasiert, gepierct, tätowiert - das sind Dinge, die mir wesensfremd sind. Wenn man 20 Jahre lang mit 'naturbelassenen' Mädchen gearbeitet hat, gewinnt man dieser Modewelle nichts mehr ab. Ich verstehe auch die Mädchen nicht, dass sie das alles mitmachen. Sie verlieren dabei sehr viel von ihrem natürlichen Charme."

Weil es jenseits von FKK oder künstlerischer Aktfotografie so etwas wie Sex und Erotik in der DDR offiziell gar nicht gegeben habe, hätte er immer von der "Frau und ihrem köstlichen Dreieck" gesprochen. Auf den natürlichen Haarschmuck zu verzichten, ist für Ender bis heute unbegreiflich. Viele Männer aus dem Westen hätten ihm geschrieben und gelobt, dass sich endlich jemand traue, Frauen zu zeigen, die nicht rasiert seien.

"Rasiert, gepierct, tätowiert - das sind Dinge, die mir wesensfremd sind"
Klaus Ender

"Rasiert, gepierct, tätowiert - das sind Dinge, die mir wesensfremd sind"

Bei allem Engagement für die natürliche Schönheit der Frau muss Enders sich vorwerfen lassen, einen einigermaßen laxen und von jedem feministischen Ballast befreiten Umgang mit seinen Modellen gehabt zu haben. So wurde das Bild zweier mit dem Rücken aneinander gelehnter, auf einem Felsen sitzender Frauen schon mal unter dem Titel "Buchstütze" veröffentlicht - laut Ender ein ironisches Motiv, das vor allem in der Satirezeitschrift "Eulenspiegel" seinen Platz haben sollte. Auch habe man in der DDR solche Titel nicht hinterfragt, die Wahrnehmung sei eine ganz andere gewesen, erklärt der 65-Jährige.

Die Frauen in der DDR seien ohnehin befreiter gewesen als ihre Geschlechtsgenossinnen im Westen. Jede habe ihre Berufsausbildung und eigenes Geld gehabt und sei daher selbständig und von niemandem abhängig gewesen. Wenn eine Frau Aktaufnahmen von sich machen ließ, tat sie das aus freien Stücken und stand dazu. "Da wurde nicht der Papa gefragt", so Ender.

Auch bei seinen Landschaftsaufnahmen greift der Künstler ins Volle: Kraftvoll inszeniert er die imposanten Einsamkeit norddeutscher Häfen oder sich bedrohlich gen Ostsee neigende Kreidefelsen. Aus nebligen Rügen-Impressionen zaubert er gespenstische Momentaufnahmen von atemberaubender Schönheit. Ebenso filigran wie surreal sind Enders später mit Infrarot-Technik aufgenommenen Landschaftsbilder.

Ab heute im Buchhandel: "Die nackten Tatsachen des Klaus Ender"

Ab heute im Buchhandel: "Die nackten Tatsachen des Klaus Ender"

Seine Karriere begann der 1939 in Berlin geborene Ender gleichwohl mit Aktaufnahmen. Ab Mitte der Sechziger Jahre wählte er die Insel Rügen und ihre weitläufigen Strände als Wohn- und Arbeitsort. Neben den pathetischen Posen seiner Nacktmodelle hielt der gelernte Bäcker auch alltägliche Straßenszenen, aufgemotzte Ladas oder LPG-Bauern in der Magdeburger Börde für die Nachwelt fest. Das Fernsehen der DDR drehte drei Filme über seine Arbeit, die Regierung ehrte ihn mit Preisen. 1966 bekam der Fotograf die Genehmigung, als selbständiger Bildreporter zu arbeiten - ein Privileg für den DDR-Bürger, das er teuer bezahlen musste: Ender arbeitete 15 Jahre lang als IM für die Staatssicherheit. In seiner Biografie legt der Autor diesen Tatbestand ebenso kompromisslos offen wie andere sehr persönliche Details:

Forchheim, 15.11.2004: Ja, ich wurde angepinkelt, ja, ich habe zweimal miterlebt, wie meine Mutter vergewaltigt wurde, ja, ich wurde von Flüchtlingsmassen in den Schmutz der Oder getreten, ja, meine Verlobte hat sich das Leben genommen, ja, ich wollte unbedingt Akt-Fotograf werden, ja, ich hatte Sex mit vielen Mädchen, ja, ich habe der Nacktheit in der DDR einen natürlichen Glanz gegeben, und ja, ich war auch ein IM.

Seinen ersten Fluchtversuch unternahm Ender 1957. Bereits nach einem Jahr kehrte er in die DDR zurück, wurde aber ab diesem Zeitpunkt kontinuierlich von der Staatssicherheit überwacht. Als der künstlerische Autodidakt 1964 seine ersten Aktfotografien bei westlichen Verlagen vorstellt und in der Folge veröffentlicht, sind die Staatshüter mit ihrer Geduld offenbar am Ende. Das MfS stellt Ender vor die Wahl: Zuchthaus oder Zusammenarbeit. Der Fotograf entscheidet sich für Kooperation. In seinen Berichten für die Staatssicherheit habe er vor allem über SED-Genossen und korrupte Staatsdiener berichtet, erklärt Ender heute. "Das war meine Rache."

Im Jahr 1981 reiste Ender über Österreich in die Bundesrepublik aus. 1996 kehrte er zu seiner Wurzeln zurück und zog nach Rügen. Zurzeit schreibt der Künstler vor allem Gedichte und illustriert sie mit seinen Bildern. Über seine Vergangenheit hinter dem eisernen Vorhang sagt er heute: "Auch wenn es ein Widerspruch in sich ist - ich war freier in der DDR. Im Westen wird noch heute jeder FKK-Strand abgeschottet und auf irgendeine Art verwaltet. Wir legten damals mit unseren Sachen einfach alles ab - das wäre im Westen so nicht möglich gewesen."


Klaus Ender: "Die nackten Tatsachen des Klaus Ender".
Ein Leben zwischen Ost und West. Wevos-Verlag; 216 Seiten, Bildteil mit 135 Fotos Akt & Landschaft; 14,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.