Blutige Performance Russischer Aktionskünstler trennt sich Ohrläppchen ab

Pjotr Pawlenski ist hart im Nehmen, wenn es darum geht, gegen den repressiven russischen Staat zu protestieren. Jetzt schnitt er sich ein Stück von seinem Ohr ab - auf dem Dach einer psychiatrischen Klinik.

REUTERS

Moskau - Beim ersten Mal nähte sichPjotr Pawlenski den Mund zu. Dann nagelte er seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau fest. Jetzt hat der russische Aktionskünstler erneut Hand angelegt - an sein Ohr.

Auf dem Dach der Psychiatrie des Botinskij-Krankenhauses in Moskau brachte er sich am späten Sonntagabend mit einem beeindruckend großen Fleischmesser in der Hand in Pose. Dutzende von Schaulustigen sahen ihm dann dabei zu, wie er sich ein Ohrläppchen abschnitt und ihm das Blut den Oberkörper hinablief. Dann wurde er von drei Polizisten vom Dach gezerrt.

"Otdelenije", "Abteilung" aber auch "Abtrennung", nannte der Künstler die Performance. Protestieren wollte er damit gegen die politische Instrumentalisierung von Psychiatrien in Russland. Die Folter von Kritikern in vermeintlichen Heilanstalten hat in Russland eine lange, traurige Tradition. So wurden vor allem in der Sowjetunion immer wieder Non-Konformisten zwangseingewiesen, mit Medikamenten ruhiggestellt oder krankgemacht.

"Das Messer trennt das Ohrläppchen vom Körper. Die Betonwand der Psychiatrie trennt die Gesellschaft der Vernünftigen von den unvernünftig Kranken", fasst Pawlenskis Mitarbeiterin Oksana Schalygina die Idee des Künstlersauf ihrer Facebook-Seite zusammen. Psychiatrische Diagnosen würden auch heute wieder für politische Zwecke missbraucht, "der Bürokrat im weißen Kittel" schneide jene Teile aus der Gesellschaft heraus, die ihn dabei störten, sein "monolithisches Diktat", seine für alle geltenden Normen, durchzusetzen.

Pawlenski, "ein Liebhaber provokativen Auftretens", habe sich dieses Mal erstaunlicherweise der klassischen Malerei zugewandt, indem er Vincent van Gogh imitierte, ätzten regierungstreue russische Medien. Die Polizeibeamten, die wegen Vandalismus' gegen den Künstler ermitteln, versuchen spätestens seit einer Unterstützungsaktion für den Kiewer "Euromaidan" im Februar 2014 eine gerichtliche Zwangseinweisung in die Psychiatrie zu bewirken. Bisher ohne Erfolg.

Es war nicht die erste aufsehenerregende Performance von Pawlenski, der ein großer Fan des Moskauer Künstlerkollektivs "Woina" ist, dem auch Nadeschda Tolokonnikowa von der Punk-Truppe Pussy Riot angehörte.

Im Juli 2012 nähte sich Pawlenski den Mund zu - um damit den verurteilten Mitgliedern von "Pussy Riot" seine Solidarität zu bezeugen. Im Mai 2013 ließ er sich mit Stacheldraht einwickeln und protestierte in St. Petersburg gegen das "repressive gesetzgeberische System, wo jede Bewegung eine gewaltsame Reaktion des Gesetzes zur Folge hat". Dass er sich im November desselben Jahres selbst auf dem Roten Platz festnagelte, sei als Protest gegen "Apathie, politische Gleichgültigkeit und Fatalismus in der russischen Gesellschaft" zu verstehen, sagte Pavlensky.

ala



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