AKW Fukushima Verzweifelter Kampf gegen die Kernschmelze

Zum zweiten Mal binnen weniger Stunden liegen die Brennstäbe im AKW Fukushima völlig frei - eine Panne hat dazu geführt, dass die Kühlung mit Meerwasser abgeschaltet wurde. Die japanische Regierung hat 230.000 Dosen Jod an die Notunterkünfte nahe der Unglücksanlage verteilt.

AFP/DigitalGlobe

Tokio/Berlin - Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima I spitzt sich weiter zu: Offenbar hat eine Panne dazu geführt, dass die Situation in Reaktor 2 eskaliert ist. Die Brennstäbe im Reaktor 2 lägen zum zweiten Mal an diesem Montag völlig frei, berichtete die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Stunden zuvor war der Kühlwasserstand bereits einmal kurzzeitig so stark gesunken, dass die Brennstäbe frei lagen. Mit Hochdruck arbeiteten die Techniker daran, Meerwasser in den Reaktor zu pumpen und ihn so zu kühlen. Regierungssprecher Yukio Edano zeigte sich optimistisch und erklärte, er hoffe, dass die anhaltenden Arbeiten die Situation stabilisieren ( mehr dazu im Liveticker).

Doch wenig später folgte der Rückschlag: Der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender NHK berichtete, ein Luftstrommessgerät sei versehentlich abgeschaltet worden. Der Luftdruck sei gestiegen, die Zufuhr kühlenden Wassers in den Reaktor sei gestoppt worden. In der Folge kam es gegen 23 Uhr Ortszeit (15 Uhr MEZ) erneut zur völligen Freilegung der Brennstäbe. Dieses Freiliegen erhöht die Gefahr einer Kernschmelze drastisch.

Auch in zwei weiteren Reaktoren des Störfall-AKW, die Blöcke 1 und 3, war zuvor Meerwasser eingeleitet worden, um die Kühlung sicherzustellen. An beiden Blöcken hatte es zuvor Knallgasexplosionen gegeben, insgesamt 15 Arbeiter waren dabei verletzt worden. Am Montagmorgen war bei einer Detonation das Dach von Reaktor 3 eingestürzt. Die innere Hülle des Reaktors sei aber intakt geblieben, beteuerte die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Company (Tepco).

"Entscheidend sind die ersten Stunden"

Die Informationen aus Japan widersprechen sich. Fest steht aber: Nach Angaben der Betreiberfirma ist die radioaktive Strahlung in der Unglücksanlage gestiegen. Grund könnte der Beginn einer Kernschmelze sein. Nach Angaben der Regierung in Tokio droht ein solcher Prozess in drei der insgesamt sechs Blöcke von Fukushima I.

Das ist in den einzelnen Blöcken des Atomkraftwerks Fukushima passiert:

  • In Reaktorblock 3 gab es am Montagmorgen (Ortszeit) eine Wasserstoffexplosion. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde wurde der Reaktorbehälter dabei jedoch nicht beschädigt. Auch die Regierung gab an, dass die Stahlhülle des betroffenen Komplexes standgehalten habe und keine größeren Mengen Radioaktivität freigesetzt worden seien. Elf Menschen wurden verletzt.
  • In Reaktorblock 2 sank der Kühlwasserstand dramatisch ab. Dadurch ragten die vier Meter hohen Brennstäbe, die eigentlich komplett von Kühlwasser umspült sein müssten, 3,70 Meter in die Luft. Der Druck im Reaktor stieg immer weiter an. Um die Katastrophe zu verhindern, wurde Meerwasser in den Reaktor gepumpt. Der Betreiber hält es für möglich, dass es zu einer partiellen Kernschmelze im Reaktor 2 gekommen ist.
  • In Reaktorblock 1 hatte es bereits am Samstag eine Wasserstoffexplosion gegeben, vier Menschen wurden verletzt. Ingenieure arbeiten daran, die Kühlung wieder herzustellen.

Deutsche Reaktorexperten sind trotz der beunruhigenden Nachrichten von Reaktor 2 optimistisch, dass die befürchtete nukleare Katastrophe in Japan nicht eintritt. Vor allem der Faktor Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. "Entscheidend sind die ersten 20, 30 Stunden nach der Schnellabschaltung", sagte Antonio Hurtado, Professor für Kernenergietechnik von der TU Dresden, und die seien inzwischen verstrichen. Wenn ein Reaktor abgeschaltet werde, würden anfangs sieben bis acht Prozent seiner Leistung als Nachzerfallswärme weiter produziert. Diese Menge gehe dann jedoch schnell zurück.

Die Meiler des Atomkraftwerks Fukushima waren am Freitag unmittelbar nach dem schweren Erdbeben heruntergefahren worden. "Die kritischste Phase ist mittlerweile überwunden, wir sind daher vorsichtig optimistisch", sagte der Reaktorexperte. "Nach den uns vorliegenden Informationen beherrschen die Betreiber die Situation inzwischen besser."

Der Münchner Strahlenschutzexperte Herwig Paretzke hält die befürchtete Verstrahlung großer Regionen inzwischen sogar für unwahrscheinlich. "Selbst wenn es jetzt noch zu einer großen Explosion und Freisetzung von Nukliden kommen sollte, wären die Folgen nicht so schlimm wie damals in Tschernobyl", sagte der Forscher vom Helmholzzentrum München. "Die Kernreaktion wurde ja schon vor Tagen gestoppt, und die dabei entstehenden besonders gefährlichen Nuklide haben kurze Halbwertzeiten und sind kaum noch vorhanden." Inzwischen würden in den Meilern, nach allem, was man wisse, keine gefährlichen Nuklide mehr produziert.

Hamsterkäufe - und eine Bewegung gen Süden

In Deutschland und anderen Staaten entbrannte angesichts der Katastrophe die Debatte um die Atomenergie neu. Die Bundesregierung rückte von ihrem Kernkraftkurs ab: Sie stellte die erst im Herbst beschlossenen längeren Laufzeiten infrage. Möglicherweise könnten einzelne Anlagen sofort abgeschaltet werden. Die Opposition forderte einen raschen Atomausstieg. Der Münchner Strahlenexperte Edmund Lengfelder sagte: "Eigentlich müssten acht der deutschen Reaktoren sofort abgeschaltet werden."

In Japan wuchsen Chaos und Verzweiflung. Strom, Lebensmittel und Kraftstoff wurden knapp. Das betraf nicht nur die unmittelbare Katastrophenzone des Bebens mit Tsunami im Nordosten des Landes, sondern auch Tokio. Vor Supermärkten und Tankstellen bildeten sich lange Schlangen. Die Behörden zählten seit dem Erdbeben und den Riesenwellen vom Freitag 5000 Tote und namentlich bekannte Vermisste. Hinweise auf deutsche Opfer hatte das Auswärtige Amt nicht. 550.000 Menschen suchten Zuflucht in Auffanglagern. Andere setzten sich nach Süden ab, weg vom Ort der Atomstörfälle.

Auf EU-Ebene wollen die Energieminister der 27 Mitgliedstaaten auf einem Krisentreffen an diesem Dienstag in Brüssel über die Lage beraten. "Dabei geht es um die Frage, ob wir europaweit neue Regeln festlegen müssen", sagte eine Kommissionssprecherin. Die Laufzeiten stehen dort aber nicht zur Debatte. Die Frage, ob sie Atomkraft nutzen, entscheiden die EU-Staaten selbständig. 14 von ihnen betreiben insgesamt 143 AKW. 17 davon stehen in Deutschland.

An der Börse von Tokio brachen die Kurse am Montag nach dem Erdbeben massiv ein. Europas Börsenhändler trotzten dem Sog der dortigen Panikverkäufe indes weitgehend. Dennoch beeinflussten die Naturkatastrophe und die Unfälle in den Atomkraftwerken den weltweiten Aktienhandel maßgeblich. Die japanische Notenbank stellte den Banken eine Rekordsumme von 15 Billionen Yen (rund 130 Milliarden Euro) an kurzfristiger Notfall-Liquidität zur Verfügung ( mehr zum drohenden Finanzcrash in Japan hier).

han/dpa/AFP/dapd

insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
pax, 14.03.2011
1. Gespenster
Zitat von sysopZum zweiten Mal binnen weniger Stunden liegen die Brennstäbe im AKW Fukushima völlig frei - eine Panne hat dazu geführt, dass die Kühlung mit Meerwasser abgeschaltet wurde. Die japanische Regierung hat bereits*230.000 Dosen Jod an die Notunterkünfte nahe der Unglücksanlage verteilt. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750906,00.html
Bemerkenswert. Zwar noch eine relativ panische Überschrift, aber inhaltlich tatsächlich mal ein Artikel der nüchtern beschreibt , dass das Ende der Welt oder wenigstens Japans , noch nicht gekommen ist. Und das die Lage trotz einer Kernschmelze stabil und beherrschbar ist. Die Frage die man dann natürlich stellen darf, wenn man in einem Land welches gerade eine 9.0 hinter sich hat, eine Kernschmelze kontrollieren kann , was da überhaupt noch der GAU für ein Schreckgespenst sein soll. In Zukunft wird der Präzedenzfall einer Kernschmelze nicht mehr Tschernobyl sondern Japan heißen. Mit immer noch , und hoffen wir dass es so bleibt, 0 Totesfällen.
Seska Larafey 14.03.2011
2. wegen Strom Knappheit
Wurde noch kein Schiff entwickelt, das die Funkion eines Strom Generators erfüllt? Sicher, es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber als Überbrückung, bis die Anlagen wieder normal fahren können. Können Flugzeugträger nicht "Strom Generator" spielen? Jedenfalls Lokal, für die Rettungstruppen. Sicher, es gibt mobile Benzin/Diesel/Generatoren. Aber um z.b. Hafenanlagen wieder in Betrieb zu nehmen. Oder Diese Generatoren auf LKWs. In Reihe schalten... Aber ich glaube das die Selbst drauf kommen. Wichtig ist halt Strom herzustellen. Den heutzutage hängt alles dran. Wasserpumpen usw... Hoffe Japan übersteht das
chiefclancywiggum 14.03.2011
3. Hättste, könnste, wennste...
Zitat von sysopZum zweiten Mal binnen weniger Stunden liegen die Brennstäbe im AKW Fukushima völlig frei - eine Panne hat dazu geführt, dass die Kühlung mit Meerwasser abgeschaltet wurde. Die japanische Regierung hat bereits*230.000 Dosen Jod an die Notunterkünfte nahe der Unglücksanlage verteilt. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750906,00.html
Typisch Spiegel! Weltuntergang, mindestens! Wie hier Halbwahrheiten, Spekulationen und Theorien von nicht weiter definierten Experten zu Sensationsjournalismus verquickt werden, ist ein Lehrstück für jeden zukünftigen Chefredakteur der BILD- Zeitung! Wenn sich dann am Ende alles als halb so schlimm herausstellt, wird natürlich nicht in der gleichen Intensität über die tatsächlichen Ereignisse berichtet. Sachlichkeit verkauft sich eben schlecht ausserhalb der seriösen Fachliteratur wie "Spektrum der Wissenschaft", etc. Stattdessen wird der gemeine Dummbatz von Bundesbürger in seiner unfundierten Voreingenommenheit bestärkt. Diskussion heute zum Feierabend in der S-Bahn: "Da werden Schulen geschlossen, weil es zuwenige Kinder gibt, aber der Castortransport rollt, obwohl es viel Geld kostet". Die Lösung liegt aber doch bei uns allen: 1. Mehr Kinder produzieren, dann rechnet sich die Schule wegen Umlage der hohen Fixkosten auf viele Köpfe. 2. Die unsinnigen Proteste und Blockaden der Castortransporte beenden. Dann kostet der Transport nicht mehr als ein regulärer Güterzug, denn es sind ja einzig die exorbitanten Personalkosten für die Tausendschaften der Polizei, die wegen der Krawalldemonstranten eingesetzt werden müssen. Ich meinerseits werde weiterhin standhaft für die Kernkraft werben. Bei mir kommt der Strom nämlich nicht einfach aus der Steckdose und ich möchte die Senkung des CO2- Austosses fördern. Ausserdem habe ich noch nichts über auch nur annähernd so heftige Erdbeben wie im Pazifikraum in Deutschland gehört. Und Tsunamis kennt hier auch kein Schwein!
Cephalotus 14.03.2011
4. Iod
ein gewisser Vorteil in Japan (sofern man dieses Wort benutzen mag) liegt vielleicht in der Ernährung der Leute mit sehr jodhaltigen Lebensmitteln (z.B. die im Susihi verarbeiteten Algen). In Bayern z.B. war (früher, in der Zeit vor dem Iod Salz) das genaue Gegenteil der Fall, dort saugt die Schilddrüse der Menschen das radioaktive Jod geradezu begierig auf. mfg
GeorgAlexander 14.03.2011
5. Das nenne ich Betäubungssprech
Zitat: "...Am Montagmorgen war bei einer Detonation das Dach von Reaktor 3 eingestürzt. Die innere Hülle des Reaktors sei aber intakt geblieben, beteuerte die Betreiberfirma Tokyo Electric Power Company (Tepco)." "das Dach ist eingestürzt" - nachdem es vorher wohl ruckartig um 150 m 'angehoben' wurde... Die Bilder zeigen für mich eine Explosion, da ist doch nichts dran umzudeuten. Wer so formuliert, dem ist auch zuzutrauen, dass "Reaktor ist intakt geblieben" nur eine euphemistische Umschreibung ist für "Wir wissen nicht, was mit dem Reaktor los ist - wir sehen ihn nämlich nicht mehr." Selbst, wenn die Kernschmelze nicht zur Zerstörung des Sicherheitsbehälters führen sollte, wird diese Gegend für sehr, sehr lange Zeit ein unbewohnbares Sperrgebiet bleiben. Aber macht ja nichts. Langsam werden wir an die GAUs gewöhnt... ist wohl doch nicht so schlimm.
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