Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

AKW-Katastrophe in Japan: Strahlenangst bremst Schiffsverkehr

In den Küstengewässern vor Fukushima steigt die radioaktive Verstrahlung, die Angst vor einem Super-GAU in Japan wächst. Inzwischen meiden Frachtschiffe den Hafen von Tokio. Für den Handelsverkehr könnte die AKW-Katastrophe enorme Einbußen bedeuten.

Hamburg - Hapag-Lloyd fährt nicht mehr nach Tokio und Yokohama, der Hamburger Reeder Claus-Peter Offen ebenfalls: Wegen der erhöhten Strahlenbelastung vor der Küste Nordjapans meiden inzwischen immer mehr Containerschiffe die beiden Großhäfen, die normalerweise zusammen 40 Prozent der gesamten Seefracht Japans abfertigen. Auch zahlreiche amerikanische und chinesische Unternehmen haben ihre Schiffsrouten geändert und laufen nun Osaka oder Kobe statt Tokio an, berichtet die "New York Times" am Samstag.

Es geht dabei nicht nur um die Gefahren für die Crew. Wenn radioaktive Strahlung an einem Handelsschiff gemessen wird, könnten über Jahre hinweg zusätzliche Kontrollen durch die Küstenwache notwendig sein, sagte Basil M. Karatzas, Manager der US-Reederei Compass Maritime Services, der Zeitung. Das könnte demzufolge Extrakosten und Verzögerungen bedeuten, so dass letztlich die Schiffe nicht mehr rentabel wären.

Am Samstag wurden in der Umgebung des Pannenkraftwerks Fukushima I erhöhte Strahlenwerte gemessen. Im Meerwasser außerhalb eines der sechs Blocks von Fukushima sei um das 1250-fache erhöhte Radioaktivität gemessen worden, sagte Hidehiko Nishiyama, Sprecher der japanischen Atomaufsichtsbehörde Nisa. Grund sei vermutlich sowohl in die Luft abgegebene Radioaktivität als auch der Austritt von kontaminiertem Wasser. AKW-Betreiber Tepco räumte ein, dass mit großer Wahrscheinlichkeit radioaktives Wasser aus dem Atomkraftwerk ins Meer geflossen sei.

Strahlungsalarm in chinesischem Hafen

In der vergangenen Woche wurden bei einem großen Containerschiff bei der Ankunft im südostchinesischen Xiamen erhöhte Strahlenwerte festgestellt. Es gehört der Reederei Mitsui O.S.K. Lines und soll dem AKW von Fukushima nicht näher als 130 Kilometer gekommen sein. Der Fall hat Reeder weltweit alarmiert, das Schiff wurde nun unter Quarantäne gestellt.

Fotostrecke

9  Bilder
Japan: Radioaktivität im Meerwasser
Von den großen Reedereien in Deutschland hält Hamburg Süd weiter seine Tokio-Fahrten aufrecht. Man habe eine Arbeitsgruppe gegründet, die die Situation an der Ostküste des asiatischen Kontinents ständig beobachte und bei neuen Entwicklungen "schnell und effizient reagieren kann", hieß es in einer Pressemitteilung des Unternehmens vom Freitag. Als nächstes Schiff soll nach jetzigem Stand die "Cap Isabel" am 1. April Tokio anlaufen. Ein Sprecher war am Samstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Hapag-Lloyd teilte mit, man prüfe täglich, ob wieder Fahrten nach Tokio möglich seien. Auch das mehr als 400 Kilometer südwestlich der Hauptstadt gelegene Nagoya steuern Schiffe des Hamburger Reeders derzeit nicht an.

Für den weltweiten Güterhandel könnte ein längerfristiger Ausfall der Häfen von Tokio und Yokohama enorme Einbußen bedeuten: Die Routenänderungen verursachen Verspätungen und zusätzliche Kosten, weil Waren auf dem Landweg aus dem Süden Japans in den Norden gebracht werden müssen. Derzeit kann nicht ausgeschlossen werden, dass künftig noch größere Bereiche der Küste nicht mehr risikolos befahrbar sein werden.

US-Marine schickt Süßwasser

Während kommerzielle Containerschiffe nun also ihre Routen ändern, nehmen große Frachtschiffe der US-Kriegsmarine Kurs auf Fukushima. Sie haben große Mengen Süßwasser geladen, die bei der Kühlung des Unglückskraftwerks helfen sollen. Dort wird im Reaktorblock 3 unterdessen ein Riss in der Stahlkammer um den Reaktorkern als Ursache für eine rasant gestiegene Verstrahlung von Wasser befürchtet, wie die Nisa mitteilte.

Der Verdacht kam der Atomenergiebehörde zufolge auf, als zwei Arbeiter Hautverbrennungen erlitten, nachdem sie mit Wasser in Berührung kamen, dessen Radioaktivität 10.000-mal höher war als sonst in der Anlage üblich. Sollte tatsächlich der Reaktorkern beschädigt sein, könnte die Radioaktivität in der Umgebung des Kraftwerks deutlich ansteigen. Die wahrscheinlichste Folge wäre eine Kontamination des Grundwassers.

Ansonsten hat sich die Lage im Atomwrack nach Aussagen eines Regierungssprechers am Samstag nicht weiter verschlechtert. Es sei derzeit nicht möglich, genau zu sagen, wann die Atomkrise vorbei sei, sagte Kabinettssekretär Yukio Edano. Am Samstag gab es wenigstens einen kleinen Fortschritt: Im Kontrollraum von Reaktor 2 brannte wieder Licht. Damit ist nun in drei Kontrollräumen das Licht wiederhergestellt.

Die Helfer versuchen mit Hochdruck, ausgelaufenes radioaktives Wasser aus mehreren Reaktorblöcken zu entfernen. Danach sollten die Arbeiten zur Verkabelung der Kühlsysteme fortgesetzt werden. Aus vier Meilern, die beim Erdbeben und Tsunami vor rund zwei Wochen teilweise zerstört wurden, war belastetes Wasser ausgelaufen.

Kühlwasser aus größerer Entfernung

Die Reaktorblöcke 1 bis 3 wurden am Samstag wieder mit Wasser von außen gekühlt, um die drohende Überhitzung zu stoppen. Wegen der hohen Strahlenbelastung geschah dies nach einem Bericht des Fernsehsenders NHK aus größerer Entfernung als bisher. Dabei wurde nun nicht mehr Meerwasser, sondern Süßwasser eingesetzt, da verdampfendes Salzwasser Salzkrusten hinterlassen kann. Vor allem in den USA hatten sich Experten besorgt über eine Verkrustung der Kernbrennstäbe mit Salz geäußert.

Japanische Einsatzkräfte wollen nun in einem Radius von 30 Kilometern um das Kraftwerk die Strahlenbelastung des Meerwassers messen. Man sei überzeugt, dass bei Fischen in diesem Bereich keine gefährliche radioaktive Belastung messbar sei. Ein Sprecher des japanischen Wissenschaftsministeriums teilte mit, dass die Menge an Jod 131 in diesem Bereich bisher innerhalb der zulässigen Grenzwerte liege.

Für die Millionenmetropole Tokio weht der Wind auch in den nächsten Tagen günstig. Radioaktive Partikel aus den Unglücksreaktoren in Fukushima werden weiter auf das Meer getragen. Nur der Küstenstreifen nördlich des Kraftwerks werde vermutlich am Dienstag geringe Mengen radioaktiven Materials abbekommen, sagte der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Samstag in Offenbach voraus.

Bis dahin trägt der Nordwestwind alles aufs offene Meer hinaus, die radioaktiven Partikel würden weit nach Süden und Osten geblasen. Derzeit ist es in der Region um Fukushima weiter winterlich kalt mit Werten um null Grad am Tag und Nachtfrost. Die Schneeschauer lassen nach. In Tokio herrschen tagsüber etwa zehn Grad und nachts fünf Grad plus.

sto/Reuters/dapd/dpa

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 128 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ahoi!
Geziefer 26.03.2011
Zitat von sysopIn den Küstengewässern vor Fukushima steigt die radioaktive Verstrahlung, die Angst vor einem Super-Gau in Japan wächst. Inzwischen meiden Frachtschiffe den Hafen von Tokio. Für den Handelsverkehr könnte die AKW-Katastrophe enorme Einbußen bedeuten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753346,00.html
Die "christliche Seefahrt" tut gut daran, die verstrahlten Gewässer zu meiden, da Schiffsmotoren und Hilfsdiesel mit Seewasser gekühlt werden. Die würden sich die Strahlung in ihre Maschinenräume holen. Andererseits wollen die US-Amerikaner nun "Süßwasser" per Tankschiff zur Atomanlage zwecks Wasserverspritzen bringen. Die bekommen natürlich mit dem Meerwasser für die Maschinenkühlung ihrer Schiffsdiesel auch Probleme.
2. Schon komisch
Walther Kempinski, 26.03.2011
Schon komisch wie die Wahrscheinlichkeiten für eine Kernschmelze in Japan immer dann steigen, wenn die Wahlen näher kommen. Der grüne Reaktor muß am Köcheln gehalten werden. Wer seine morgige Wahlentscheidung von Japan abhängig macht, der ist auch schon Teil der Hysteriemaschine. Das Bild zeigt es recht deutlich: http://f.666kb.com/i/bs3kj0p5kipo78pu7.jpg
3. .
anon11 26.03.2011
Zitat von sysopIn den Küstengewässern vor Fukushima steigt die radioaktive Verstrahlung, die Angst vor einem Super-Gau in Japan wächst. Inzwischen meiden Frachtschiffe den Hafen von Tokio. Für den Handelsverkehr könnte die AKW-Katastrophe enorme Einbußen bedeuten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753346,00.html
Enorme Einbußen nur für den ?andelsverkehr, oder läuft es nicht auf einen wirtschaftlichen Tod der ganzen Region um Tokio hinaus, wenn der Hafen nicht mehr angefahren wird und auch sonst keine Sicherheit besteht, das der Wind sich dreht und die Strahlenbelastung auch in Tokio weiter ansteigt?
4. Danke für die Info: Süßwasser
doc 123 26.03.2011
"Während kommerzielle Containerschiffe nun also ihre Routen ändern, nehmen große Frachtschiffe der US-Kriegsmarine Kurs auf Fukushima. Sie haben große Mengen Süßwasser geladen, die bei der Kühlung des Unglückskraftwerks helfen sollen." Daher kommt also das Süßwasser. Danke für die Info zu einer meiner Fragen in den anderen Fukushima-Threads.
5. Billiger Atomstrom?
winbug, 26.03.2011
Zitat von sysopIn den Küstengewässern vor Fukushima steigt die radioaktive Verstrahlung, die Angst vor einem Super-Gau in Japan wächst. Inzwischen meiden Frachtschiffe den Hafen von Tokio. Für den Handelsverkehr könnte die AKW-Katastrophe enorme Einbußen bedeuten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753346,00.html
Taucht natürlich in den Berechnungen wie teuer Atomstrom ist nicht auf - wie so vieles...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Fukushima: Sorge um Reaktor 3


Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: