AKW-Katastrophe Todeszone Fukushima

Sie mussten ihre Häuser, ihr Vieh, ihre Felder zurücklassen: Nach dem Unglück im AKW Fukushima flohen Tausende Menschen aus der Gefahrenzone. Viele leben in Auffanglagern - Experten gehen davon aus, dass sie niemals zurückkehren können.

Von Simone Utler

AP

Fukushima/Tokio - Sie ist bis nach Tokio gereist, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Die zierliche junge Frau mit dem großen schwarzen Hut, der fast ihr ganzes Gesicht bedeckt, steht zusammen mit anderen Demonstranten vor der Firmenzentrale des Atomkonzerns Tepco und brüllt in ein Megafon. "Ich bin aus der Evakuierungszone in Fukushima geflohen und heute hier. Wann könnt ihr endlich stoppen, dass immer mehr Radioaktivität austritt?" Ein YouTube-Video zeigt, wie die Frau mit den Tränen kämpft, als sie fragt: "Wann werden wir endlich in unsere Heimat zurückkehren können?"

Für sie und andere Flüchtlinge aus der Evakuierungszone gibt es in diesen Tagen schlechte Nachrichten: Vermutlich können sie nie wieder in ihre Heimat zurückkehren. Rund um das Unglücks-AKW Fukushima müssen Zehntausende Menschen dieser grausamen Wahrheit ins Gesicht sehen, vielleicht sind es sogar Hunderttausende.

Experten gehen davon aus, dass die Region auf Dauer eine Sperrzone bleiben wird. Selbst wenn die akute Gefahr irgendwann gebannt sein sollte - der Nuklearmüll wird die Region weiter belasten.

"Die Zeit, die es braucht, um die Folgen dieses Unglücks abzumildern, kann man nicht in Tagen oder Wochen messen - wir sprechen hier von Monaten oder gar Jahren", sagte Robert Gale vom Hämatologie-Institut des Imperial College in London nach einem Besuch in Fukushima. Es sei keine praktikable Lösung, den Menschen, die 20 bis 30 Kilometer von dem AKW entfernt lebten, einfach zu empfehlen, in den Häusern zu bleiben.

Mehr als 200.000 Menschen lebten vor dem Unglück Regierungsangaben zufolge in der unmittelbaren Umgebung des Atomkraftwerks Fukushima: rund 70.000 Menschen im Umkreis von 20 Kilometern, weitere 130.000 in der angrenzenden Gegend bis zur 30-Kilometer-Linie.

"Für einen Landwirt sind die Tiere und Pflanzen auch Familie"

Zehntausende Menschen fanden nach der Katastrophe Unterschlupf in Notunterkünften. In knapp 300 Sammelzentren in der Präfektur Fukushima sind nach Angaben des Senders NHK derzeit fast 32.500 Menschen untergebracht. Die meisten davon stammen aus der 20-Kilometer-Zone um den Atomkomplex.

Bei einem Besuch des Tepco-Vizechefs in einem Evakuierten-Lager nahm sich ein Bauer ein Herz und sprach das aus, was unzählige Leidensgenossen denken: "Wissen Sie immer noch nicht, wie lange das noch dauert?" Er könne das Unternehmen nur bitten, alles so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen. "Wir haben ja alles stehen und liegen lassen - auch unser Vieh", sagte der Mann in einem Video des Fernsehsenders NHK. Er versucht, sich zu beherrschen, aber seine Wut ist deutlich herauszuhören, als er dem Tepco-Verantwortlichen sagt: "Wissen Sie, für einen Landwirt sind die Tiere und Pflanzen auch Familie. Also tun Sie bitte Ihr Möglichstes."

"Sie haben das Land von ihren Vorfahren geerbt und hängen extrem daran", sagt Tomo Honda, ein Abgeordneter der Präfektur Fukushima. "Der erste Schritt ist, diesen Flüchtlingen zu sagen, dass sie nicht zurückkehren können - die Menschen erkennen die Realität noch nicht an", so Honda. Der 36-Jährige unterstützt die Betroffenen der Region seit dem verheerenden Erdbeben und dem anschließenden Tsunami am 11. März.

Immer mehr Menschen wollen in ihre Häuser zurückkehren. Die Regierung warnte am Montag die Betroffenen aus der 20-Kilometer-Zone um das AKW-Wrack, dies vorerst nicht zu tun. Das Gesundheitsrisiko sei viel zu groß. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk kontaminiert ist, und es gibt derzeit ein großes Risiko (für die Gesundheit)", sagte Regierungssprecher Edano der Agentur Kyodo zufolge. Anwohner sollten die Evakuierungszone nicht betreten, bevor die Regierung grünes Licht gebe.

Doch wird es jemals grünes Licht geben?

Einige Menschen in Fukushima fürchten inzwischen, dass ihnen das gleiche Schicksal wie den Opfern in Tschernobyl droht. Nach der Katastrophe in Russland mussten Tausende Menschen im Umkreis von 30 Kilometern ihre Häuser verlassen - die meisten kehrten nie zurück. Heute ist die Gegend eine bedrückende Wildnis, voller Ruinen, menschenleer, ein Niemandsland.

"Das AKW hat meinen Vater getötet"

Die Region um das AKW Fukushima schmiegt sich flach zwischen Pazifik und ein zerklüftetes Bergmassiv, Felder, Wiesen und Wälder dominieren die Landschaft. Wirtschaftliches Rückgrat der Gegend sind Fischerei und Landwirtschaft - und eben die Energieproduktion, vor allem für den Großraum Tokio. Genau aus diesem Grund seien die Menschen inzwischen sehr wütend, so Honda: "Wir haben unser Land für diese Kraftwerke gegeben, und nun kaufen die Menschen in Tokio unser Gemüse nicht mehr."

Die Menschen vor Ort sind inzwischen extrem verunsichert - und verlieren ihre Lebensgrundlage. Ein 64-jähriger Farmer hat sich Berichten der überregionalen Privatsender TV Asahi und Nippon TV zufolge in der vergangenen Woche sogar erhängt - weil das Gemüse der Region angeblich nicht mehr verzehrbar ist. "Ich glaube, dass das AKW meinen Vater getötet hat", sagte der zweitälteste Sohn Nippon TV. "Mein Vater war sehr in Sorge darüber, dass Produkte aus Fukushima sich immer schlechter verkaufen lassen."

Aufgeschreckt durch die Fernsehnachrichten, ging die Bäuerin Sumiko Matsuno aufs Feld und erntete hektisch Gemüse. "Was im Boden ist, ist immer noch ungefährlich. Das Blattgemüse taugt nichts mehr", sagte sie. "Wir graben alle unsere Karotten und Zwiebeln aus, so schnell wir können." Ihr sei klar, dass sie das Gemüse nicht verkaufen könne. "Aber wir brauchen sie für uns selber, zum Essen. Wir machen uns wirklich Sorgen um unsere Zukunft."

"Gibt es etwas ähnlich Verantwortungsloses?"

Am Dienstag teilte die japanische Atomaufsicht mit, was internationale Experten bereits seit längerem befürchten: Die Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3 des havarierten AKW Fukushima sind beschädigt. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Schutzhüllen nicht mehr dicht seien. Aus dem Kraftwerk tritt offenbar weiterhin hochgiftiges Plutonium aus. Auch das radioaktiv verseuchte Wasser macht den Arbeitern weiter zu schaffen. Das Kabinett erwägt einem Minister zufolge, den Betreiberkonzern Tepco zu verstaatlichen.

Die Regierung gerät zunehmend unter Druck, weil sie die Evakuierungszone nicht ausweitet. Am Dienstag erhoben einige Oppositionspolitiker im Parlament schwere Vorwürfe gegen Ministerpräsident Naoto Kan. "Gibt es etwas ähnlich Verantwortungsloses?", fragte Parlamentsmitglied Yosuke Isozaki. Nach Informationen der "Tageszeitung" (taz) forderten zwei Dutzend Parlamentsabgeordnete in einer Petition eine "drastische Ausweitung" der Sicherheitszone. Vor allem schwangere Frauen und Kinder sollten evakuiert werden, weil ihnen die Freisetzung von radioaktivem Jod besonders schade.

Die Behörden in Japan hatten die Bewohner im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk Fukushima I aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Den Menschen in einer Zone von 20 bis 30 Kilometern wurde zudem empfohlen, in ihren Häusern zu bleiben, um radioaktive Verstrahlung zu vermeiden. Letzte Woche riet die Regierung dann den Bewohnern der äußeren Zone, das Gebiet freiwillig zu räumen. Als Grund gaben die Behörden an, dass die Versorgung der Menschen immer schwieriger werde.

"Fukushima - der Name wird immer mit Radioaktivität verbunden sein"

Greenpeace fordert eine Ausweitung der Zone, die USA empfahlen ihren Bürgern sogar, sich in einem Radius von 80 Kilometern von dem Kraftwerk zu entfernen. Inzwischen sind viele Kommunalverwaltungen aus der 30-Kilometer-Zone weggezogen. Die Grundnahrungsmittel werden knapp, weil viele Transportunternehmen sich weigern, die Gegend noch zu beliefern.

Die Regierung spielt einen Vergleich mit Tschernobyl herunter - aber die radioaktiven Substanzen, die nun in Fukushima gefunden werden, sind die gleichen: Jod 131, Cäsium 134 und Cäsium 137. Jod 131 hat eine Halbwertszeit von acht Tagen, kann aber durch die Luft und den Verzehr von Lebensmitteln in den menschlichen Körper gelangen. Cäsium hingegen hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Heute findet man in Pilzen und Fleisch von Wildschweinen immer noch Cäsium 137 aus Tschernobyl.

Für die Anwohner der Region um die Atomruine wurde mittlerweile ein eigener Krisenstab geschaffen, wie Regierungssprecher Yukio Edano am Dienstag mitteilte. Das Team solle helfen, die medizinische Versorgung sicherzustellen, Unterkünfte für Evakuierte zu finden und schnell über mögliche Verstrahlung in der Region zu informieren.

Der Leiter des Zentrums für Psychiatrie in Fukushima geht davon aus, dass die Arbeit gerade erst beginne. "Im Moment leben die Menschen, die diese Katastrophe durchgemacht haben, von einem Augenblick zum anderen", so Akinobu Hata. "Doch wir erwarten, dass die Fälle von Depression und anderen seelischen Störungen bald zunehmen werden."

Lokalpolitiker Tomo Honda fürchtet, dass nicht nur die Natur und die Häuser für immer verstrahlt sein werden. "Der Fluch von Fukushima ist auch, dass der Name immer mit Radioaktivität verbunden sein wird - vielleicht in der ganzen Welt."

Mitarbeit Rosa Vollmer

mit Material von Reuters

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insgesamt 136 Beiträge
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Seite 1
Gebetsmühle 29.03.2011
1. herr honda hat recht
Zitat von sysopSie mussten ihre Häuser, ihr Vieh, ihre Felder zurücklassen: Nach dem Unglück im AKW Fukushima flohen Tausende Menschen aus der Gefahrenzone. Viele leben in Auffanglagern - Experten gehen davon aus, dass sie niemals zurückkehren können. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753807,00.html
herr honda hat recht. der name fukushima wird für immer mit dem atom-supergau verbunden werden. fukushima und tschernobül ist ein begriff für das selbe ding. daran wird niemand jemals wieder was ändern können.
double-U13 29.03.2011
2. Es ist verbrecherisch ...
... die Katastrophe herunterzuspielen und gebetsmühlenartig zu behaupten, es lägen keine akuten Gesundheitsrisiken vor. Immer mehr Menschen treibt es aus blanker Not oder Unwissen in die betroffenen Gebiete auch innerhalb der Evakuierungszone zurück. Die Zone müsste ausgeweitet werden und zum militärisch Sperrgebiet erklärt werden, um zu verhindern, dass noch mehr Menschen gefährdet werden und die Radioaktivität weiter im Lande verbreiten. Breitflächige Messungen zur Ermittlung von Hotspots sind ausserdem unverzichtbar.
Maxjonthal 29.03.2011
3. Wie denn das?
Quote:Fukushima/Tokio - Sie ist bis nach Tokio gereist, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Die zierliche junge Frau mit dem großen schwarzen Hut, der fast ihr ganzes Gesicht bedeckt, steht zusammen mit anderen Demonstranten vor der Firmenzentrale des Atomkonzerns Tepco und brüllt in ein Megafon. (...)Quote end Was ist denn mit dem auch im Spiegel so propagierten,stillen,willig zur Schlachtbank laufenden Japaner passiert?Er(sie)brüllt?Vor Wut? Korrektur des Klischees? Wenn ja,wäre das mal ein Schritt in die richtige Richtung und die Spiegel-Einträge hier: http://jpquake.wikispaces.com/Journalist+Wall+of+Shame würden weniger.
JayMAF 29.03.2011
4. Warum machen Sie ..
Warum machen Sie dann nicht einen ausgedehnten Urlaub auf dem Bikini-Atoll ? Das ist nämlich für dauerhafte Besiedlung und Bewirtschaftung immer noch gesperrt. Aber trommeln Sie ruhig weiter - Sie sind ja auch kein Dakota-Indianer. "Wenn du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab." (c) by Dakota-Indianer (http://home.arcor.de/superpeanuts/html/dakota_indianer.html)
S.Resch 29.03.2011
5. Was ich mich die ganze Zeit schon gefragt habe ...
hat denn einer der Tepco-Manager schon einmal auch nur eine Schicht in Leitstand oder bei den Arbeitern übernommen, die täglich ihre Gesundheit in einem der Fukushima-Kraftwerke aufs Spiel setzen? Wenn nein und davon gehe ich aus, wird es höchste Zeit und Regierungschef Kan sollte diesen mal eine Runde befehlen. Das wäre ein deutliches Signal an alle AKW-Betreiber, dass sie ihre Suppe auch mit selbst auslöffeln müssen, wenn was daneben geht.
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