AKW-Ruine Japaner misstrauen Tepco-Krisenfahrplan

Tepco hat sich festgelegt: In sechs bis neun Monaten will der Konzern seine Atomruine in Fukushima unter Kontrolle haben. Doch Experten bezweifeln, dass dies gelingt. Japans Bevölkerung ist ohnehin skeptisch - den Kernkraftmanagern glaubt keiner mehr.

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Tokio - Ichiro Kanno traut den Atommanagern nicht über den Weg. Früher hätten die Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima den Leuten stets weisgemacht, die Reaktoren seien sicher, die Menschen sollten keine Angst haben. Und nun? " Tepco kann man nicht trauen", sagt der 53-Jährige über den Betreiber des zerstörten Atomkraftwerks. Der selbstständige Unternehmer haust jetzt wie Zehntausende andere in einer Notunterkunft und weiß nicht, was aus seinem Leben werden soll.

Er ist nicht der einzige, der tiefes Misstrauen gegen die Manager der Atomruine hegt. Tepco hatte am Wochenende einen Fahrplan vorgelegt, wie die Katastrophe bewältigt werden soll. Sollten der Konzern und die Regierung gedacht haben, mit ihm die Bevölkerung beruhigen zu können, haben sie sich geirrt.

Tepco will die Reaktoren in etwa sechs bis neun Monaten stabilisiert haben. Das sehe die "momentane" Planung vor. Drei Monate wird es demnach dauern, die Kühlung der Reaktoren und der Abklingbecken zu stabilisieren. "Sechs bis neun Monate? Wirklich?" Der 47-jährige Bauarbeiter Hisao Takao aus der Stadt Fukushima äußert vor Reportern große Zweifel an dem, was die Atommanager da behaupten.

Allein die vielen Nachbeben: "Wie kann Tepco so sicher sein, dass die Reparaturtrupps in der Atomruine nicht immer wieder ihre Arbeit unterbrechen müssen?", fragt der 61-jährige Tsukasa Matsueda. Er hat sich in dem Flüchtlingslager der Stadt, wo er mit 750 anderen Menschen untergebracht ist, Tepcos Ankündigungen im Fernsehen angeschaut.

"Wann kann ich endlich nach Hause?"

"Ich bezweifle, dass das wirklich nach Plan ablaufen wird", sagte Matsueda der Lokalzeitung "Fukushima Minyuu". Die Menschen in der Katastrophenregion, die jahrzehntelang den Beteuerungen des Atombetreibers geglaubt und von den Arbeitsplätzen und Zuschüssen der Atomlobby gelebt haben, sind wegen der Katastrophe zutiefst verunsichert.

Viele werfen dem Konzern, der schon in der Vergangenheit Pannen und Probleme in seinen Atomanlagen unter den Teppich gekehrt hatte, vor, die Schwere der Atomkatastrophe anfangs verheimlicht zu haben. "Am Anfang haben die nichts über die radioaktive Verseuchung bekanntgegeben. Allein deswegen traue ich denen auch jetzt nicht mit ihren Prognosen über den Weg", sagte eine 62-jährige Frau der Zeitung.

Auch Atomexperten bezweifeln, dass die Lage in sechs bis neun Monaten stabilisiert ist. Niemand könne eine Garantie dafür abgeben; dafür gebe es zu viele Risiken, sagen sie.

Ministerpräsident Naoto Kan erklärte am Montag, die Regierung sei entschlossen, mit dem Atomkonzern eng zusammenzuarbeiten, um die Krise zu bewältigen. Doch auch das kann niemanden zufriedenstellen. "Ich werde selbst dann noch drei Monate warten mit der Rückkehr, wenn sie die Lage für sicher erklärt haben", sagt der 53-jährige Kanno.

Aber genau das ist die Frage, die sich so viele Menschen in der Region immer wieder stellen: "Wann kann ich endlich nach Hause?"

Mit Robotern in die Ruine

In der Atomruine Fukushima und der Katastrophenregion werden immer mehr Details über die Höhe der Strahlung bekannt. Die Unglücksgegend ist nach Messungen der Umweltorganisation Greenpeace spürbar radioaktiv belastet. In der Stadt Fukushima, rund 60 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, seien bis zu vier Mikrosievert pro Stunde gemessen worden, sagte Greenpeace-Experte Thomas Breuer am Montag in Hamburg. Die Bevölkerung bekomme dort in 14 Tagen die höchste vertretbare künstliche Strahlendosis für ein Jahr ab.

In der Stadt Koriyama sei diese Dosis in 42 Tagen erreicht. Die höchste Strahlenbelastung maß das Team nach Breuers Angaben in zwei Dörfern der Region mit 7 bis 48 Mikrosievert pro Stunde. Dort erhielten die Bewohner im Schnitt bereits in zwei Tagen die Jahresdosis.

Greenpeace sieht eine zusätzliche Belastung von 1000 Mikrosievert (1 Millisievert) im Jahr als höchste vertretbare Dosis an. Dieser Wert liegt in etwa bei der Hälfte der durchschnittlichen natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland. Es müsse über weitere Evakuierungen nachgedacht werden, ebenso über Maßnahmen gegen den radioaktiven Staub. Spielplätze und Kindergarten sollten vielerorts geschlossen werden.

In den kritischen Reaktoren 1 und 3 von Fukushima maßen ferngesteuerte Roboter erhöhte Strahlenwerte, wie das japanische Fernsehen NHK unter Berufung auf Tepco auf seiner Internetseite meldete. Danach wurden im Reaktor 1 Werte von 10 bis 49 Millisievert pro Stunde gemessen, in Reaktor 3 waren es demnach 28 bis 57 Millisievert pro Stunde. 57 Millisievert pro Stunde sind nach Angaben des Betreibers Tepco fast 6000-mal mehr als im Normalbetrieb des Reaktors.

wit/dpa/dapd

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
San Martin 18.04.2011
1. Haifischkapitalismus
Zitat von sysopTepco hat sich festgelegt: In sechs bis neun Monaten will der Konzern seine Atomruine in Fukushima unter Kontrolle haben. Doch*Experten bezweifeln, dass dies gelingt. Japans Bevölkerung ist ohnehin skeptisch - den Kernkraftmanagern glaubt keiner mehr. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,757766,00.html
Und wie gut die Japaner daran tun! Der Haifischkapitalismus, im Sinne "nach mir die Sintflut" zeicht sich offen.
Gandhi, 18.04.2011
2. Nun wachen sie langsam auf, die Opfer
Zitat von sysopTepco hat sich festgelegt: In sechs bis neun Monaten will der Konzern seine Atomruine in Fukushima unter Kontrolle haben. Doch*Experten bezweifeln, dass dies gelingt. Japans Bevölkerung ist ohnehin skeptisch - den Kernkraftmanagern glaubt keiner mehr. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,757766,00.html
Japaner vertraeun in der Regel ihrem Arbeitgeber und ihrer Regierung, sogar wenn die Mist bauen. Sogar nach dem letzten "Mist", dem Gau, blieb das lange so. Doch nun endlich wachen sie auf und misstrauen Tepco genau sp wie der Regierung. Wird es bein Misstrauen bleiben oder werden die Japaner Druck auf Tepco und Regierung ausueben, deren Unvorbereitetsein kriminelle Zuege trug/traegt? Nur wenn aufgearbeitet wird, kann aus der Katastrophe gelernt werden. Die Folgen des Erdbebens allein sind schon schwer zu meistern, doch Fukushima ist noch um Einiges schwerwiegender. Eine Wiederholung darf es nicht geben!
cohorte 18.04.2011
3. #####
Wie die unzähligen Diskussionen in den letzten Wochen gezeigt haben kann man sich über die Wirkung niedriger radioaktiver Dosen in die Haare kriegen. Wenn ich nun aber lese: "Die Bevölkerung bekomme dort in 14 Tagen die höchste vertretbare künstliche Strahlendosis für ein Jahr ab.", dann muss man einen Moment inne halten und darüber nachdenken: Zu dieser Belastung kommt ja noch die Belastung der Nahrungsmittel hinzu. Unfassbar. Es ist zu befürchten, dass die Quittung in ein paar Jahren folgt.
lalito 18.04.2011
4. Salamischeibe die wievielte? Nichts ist unmöglich.
Scheibchenweise mit dem Unbegreiflichen und Unfassbaren ans Licht? Es bleibt abzuwarten, ob sich eine hochgebildete Bevölkerung das weiterhin gefallen lässt. So enthusiastisch gern dort technische Spielereien angewendet werden, so definitiv kann das Lügen und Verschleiern das Ende der Gutgläubigkeit wie des Machbarkeitswahns bedeuten. Dann werden die Verantwortlichen nur noch einen Weg gehen dürfen, den letzten.
PaulBiwer 18.04.2011
5. Wie kurz ist das Gedächtnis?
Am 16.März erklärte Tepco z.B.dass die Kühlung von Reaktor 2 unter Kontrolle sei.Bei der Quantität Lügen erinnert man sich schon nicht mehr was alles erzählt wurde.Es ist normal. Die Aussage,dass die Lage in 6-9 Monaten stabilisiert/unter Kontrolle sei,heißt ja gleichzeitig,dass die Lage wenigstens 1/2 Jahr lang instabil/außer Kontrolle sein wird. Wer denen vorher geglaubt hat,wird sich jetzt wundern.
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