Alarm in London Terror, made in Britain

Es hätte ein Anschlag mit fast so vielen Toten wie am 11. September 2001 werden können. Doch der vereitelte Terror-Plot von London weist darauf hin, wie sich der islamistische Terrorismus seitdem verändert hat: Lokale Mudschahidin mit Eigeninitiative ersetzen ferngesteuerte Kämpfer.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Das Drehbuch hatten die Dschihadisten schon fertig geschrieben: Mit geschickt an den Kontrollen vorbei geschmuggeltem Sprengstoff in flüssiger Form wollten sie die Flugzeuge betreten. Dann, kurz nach dem Start und über dem offenen Atlantik, sollten die drei, vielleicht auch sechs Passagiermaschinen mit Ziel USA offenbar in die Luft gesprengt werden.

Polizeikontrollen am Londoner Flughafen Heathrow: Autonome Zelle?
REUTERS

Polizeikontrollen am Londoner Flughafen Heathrow: Autonome Zelle?

Dieser Horror-Plan, den die britischen Behörden gestern Nacht vereitelten und heute enthüllten, war wahrscheinlich die größte Operation, die Terroristen seit dem 11. September 2001 gegen den Westen geplant haben. Tausende unschuldiger Reisender hätten sterben müssen, wäre er umgesetzt worden. Der 11. September 2001, der mit knapp 3000 Opfern trotz der Anschläge auf die Verkehrssysteme von London im Juli 2005 (52 Tote) und Madrid im März 2004 (191 Tote) bis heute ein einzigartiges Ereignis ist, hätte diesen Status verloren.

Dass die verhinderten Täter, wie vor fünf Jahren Muhammad Atta & Co., islamistisch motiviert waren, dafür gibt es bereits jetzt hinreichende Indizien: Zum einen sind viele von ihnen Briten pakistanischer Herkunft, so wie es schon die Attentäter vom 7. Juli 2005 waren. Zum zweiten beinhaltete ihr Plan den eigenen Tod - sie wären also als Selbstmordattentäter gestorben, eine fast ausschließlich islamistische Praxis.

Das alles lässt den gestoppten Anschlag fast zwangsläufig wie ein Werk des Terrornetzwerks al-Qaida erscheinen, zumal ähnliche Überlegungen innerhalb des Netzwerks seit Jahren kursieren. Doch in Wahrheit ist genau diese Frage vollkommen ungeklärt. "Ich kann keinen Qaida-Bezug erkennen", sagte heute sogar ein Mitarbeiter einer deutschen Behörde, die mit Terrorfragen beschäftigt ist.

Keine Verbindung an den Hindukusch?

Die Sicherheitsbehörden hierzulande tendieren zu der Interpretation, dass die Planer des London-Plots eine eigenständige Gruppe innerhalb des internationalen Dschihadismus bildeten - von al-Qaida inspiriert, aber ohne direkte Verbindung an den Hindukusch. Derzeit befinden sich 21 Personen in Großbritannien in Gewahrsam, darunter angeblich die Führung der in Kern- und Logistikzelle aufgespaltenen Gemeinschaft. Auf bis zu 50 Personen insgesamt schätzen angeblich US-Geheimdienstkreise das Netzwerk. Dafür, dass sie in Kontakt zu Osama Bin Laden oder dessen Stellvertreter Aiman al-Sawahiri standen, gibt es im Moment keinen Hinweis. Allerdings wird nicht ausgeschlossen, dass vielleicht Trainings- oder Schulungslager in Pakistan aufgesucht wurden. Oder doch noch Verbindungsleute auftauchen. Ebensowenig freilich, dass eines Tages ein Video von al-Sawahiri auftaucht, in dem er den Anschlag zu einer al-Qaida-Aktion erklärt - ob wahrheitswidrig oder nicht.

Die These von der autonomen Terror-Arbeitsgemeinschaft stützen ihre Vertreter nicht zuletzt mit dem Plan selbst: Er sei im Grund primitiv, heißt es. Bricht man den geplanten Anschlag auf das schiere Muster herunter, ist er in der Tat nichts anders als Madrid 2004 oder London 2005 in Potenz: Menschen mit Sprengstoff in der Tasche betreten ein öffentliches Verkehrsmittel und lassen die Bomben explodieren, nur eben diesmal in einem Flugzeug.

Mit dem komplexen, ziemlich teuren, in mehreren Ländern und über Jahre sorgfältig arrangierten 9/11-Skript ist das nicht vergleichbar. Trotz der potenziell ebenso hohen Zahl an Toten scheint der London-Plot damit zugleich zu belegen, was Terrorexperten in der gesamten Welt seit Jahren fest glauben: Dass weder al-Qaida noch verwandte Gruppen wegen des anhaltenden Verfolgungsdrucks und der bereits ausgeschalteten Führer und Organisatoren zu einem so raffinierten Anschlag wie dem 11. September 2001 in der Lage sind.

"Engagierte Amateure"

Als "engagierte Amateure" müsse man die Festgenommenen betrachten, heißt es in Berliner Sicherheitskreisen, nicht als Vollprofis mit Qaida-Ausbildung und -Anbindung. Der gestoppte Massenmord über den Wolken komme deshalb auch nicht als die von einigen erwartete "offizielle" Operation der al-Qaida zum 5. Jahrestag von 9/11 in Frage. "Was die Verspätung erwarteter Anschläge in den USA angeht, so ist der Grund dafür nicht, dass wir Eure Sicherheitsvorkehrungen nicht durchbrechen können", hatte Osama Bin Laden zwar noch in einer seiner letzten Reden im Januar 2006 gedroht und darüber hinaus behauptet, dass Anschläge gegen US-Ziele bereits in Planung seien. Aber weder bei den Nachrichtendiensten noch unter den akademischen Terrorexperten hat bislang jemand eine Verbindung zwischen dem entdeckten Plan und diesen Worten hergestellt.

Im Gegenteil: Sie wird sogar ausdrücklich bestritten. Fünf Jahre nach 9/11 bereiten nicht der alte Mann in der Höhle und seine Gefährten den Terrorbekämpfern Kopfschmerzen - sondern junge Attentäter aus Europa, deren Radikalisierung so unerwartet und schnell verläuft, dass sie nicht bemerkt wird.

Auch der israelische Qaida-Experte Reuven Paz vermutet, dass die gestern gebremsten Londoner Möchtegern-Massenmörder zu einer "neuen Generation von 'Dschihad-Suchern'" gehören, die sich spätestens mit dem Mord an Theo Van Gogh in den Niederlanden und eben den Anschlägen in London im vergangen Jahr und Madrid im Jahr davor etabliert hat. Diese seien typischerweise "Islamisten mit geringer islamischer Bildung, aber großer Motivation für den Dschihad in der Form von Terrorismus. Sie warten nicht darauf, dass al-Qaida sie rekrutiert; sie initiieren ihre Operationen eher selbst, in Einklang mit al-Qaidas Strategie", sagte Paz heute SPIEGEL ONLINE. Die meisten potenziellen Attentäter dieser Art verortet Paz übrigens in Europa. Sollte sich der für die Verwendung eingeplante Sprengstoff allerdings als sehr hochwertig erweisen, könnte das auf einschlägigere Verbuindungen hinweisen.

"Hausgemachter Terrorismus"

"Homegrown Terrorism" nennt man dieses Phänomen seit dem U-Bahn-Anschlag in London, als man mit Schrecken zur Kenntnis nehmen musste, dass scheinbar integrierte Migranten pakistanischer Herkunft durch den Irakkrieg bis zum Massenmord unter ihren direkten Mitmenschen getrieben werden konnten. Gut möglich, dass die jetzt anlaufenden Ermittlungen ein noch erschreckenderes Bild von den Einstellungen in diesem Milieu ergeben. Auch über Großbritannien hinaus muss man sich angesichts dieser Entwicklungen Sorgen über die Orientierungen unter einigen muslimischen Migranten der zweiten und dritten Generation machen.

Unter dem Strich zeigt der heutige Tag dreierlei. Erstens: die Behörden werden offenbar besser darin, die sehr schwierig zu identifizierenden Attentäter der neuen Generation zumindest gegen Ende ihrer Planungen aufzuspüren. Zweitens: auch fünf Jahre nach dem 11. September 2001 sind militante Islamisten grundsätzlich in der Lage und Willens, tausende Zivilisten auf einmal ins Fadenkreuz zu nehmen. Das heißt, dass man in der Zukunft zwar vor allem, aber eben nicht ausschließlich mit so genannten "low key/low damage"-Anschlägen zu rechnen hat, in denen jeweils nur wenige Menschen auf einmal ums Leben kommen. Massenanschläge, wiewohl schwieriger zur organisieren, scheinen ihre Faszination für potenzielle Täter aus diesem Kreis nicht verloren zu haben. Und drittens schließlich: Die Gefahr durch den islamistischen Terrorismus hat nicht mehr nur einen Absender.

Oder, wie es der britische Journalist Jason Burke bereits vor zwei Jahren ausdrückte: "Die gute Nachricht ist, dass diese al-Qaida gar nicht existiert. Die schlechte Nachricht ist, dass die Bedrohung, der sich die Welt heute gegenüber sieht, weit gefährlicher ist als irgendein einzelner Terroristenführer mit einer Armee von treuen Kadern. Wir haben derzeit kein Vokabular, mit dem sie sich treffend kennzeichnen ließe."



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