Streit über Scheingrab von Nazi-Kriegsverbrecher Intelligenter Vandalismus

Der Künstler Wolfram Kastner soll 4088,34 Euro zahlen, weil er ein Grabmal für Naziverbrecher Alfred Jodl beschmierte und beschädigte. Ein Gericht zeigt Verständnis - recht gibt es der Gegenseite.

Aktionskünstler Wolfram Kastner zeigt, wie er den Grabstein der Jodls bearbeitet hatte
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Aktionskünstler Wolfram Kastner zeigt, wie er den Grabstein der Jodls bearbeitet hatte

Von , München


Alfred Jodl ist schon lange tot: Der Nazigeneral starb im Herbst 1946 durch den Strang, nachdem er in den Nürnberger Prozessen als Hauptkriegsverbrecher verurteilt worden war.

Jodls Asche verstreuten alliierte Soldaten in einem Seitenarm der Isar - sie wollten mit einem Grab keine Pilgerstätte für die Gestrigen schaffen.

Dennoch stehen der Name und der Dienstrang Jodls auf dem Grabstein eines Friedhofs. Auf der idyllischen Fraueninsel im Chiemsee sind nebst weiteren Familienangehörigen Jodls erste und zweite Ehefrau begraben. Seine zweite Gattin, Luise, hatte noch bei den Nürnberger Prozessen als Sekretärin für die Verteidiger ihres Mannes gearbeitet, später veröffentlichte sie ein Buch mit seinen Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit.

Der berüchtigte Militär ist es auch, der für Streit und für ungebetenen Besuch sorgt, obwohl er in der Grabstätte gar nicht bestattet ist: Wie also angemessen umgehen mit einem führenden Protagonisten des NS-Unrechts?

Den neuesten Stand zur Causa Jodl lieferte das Landgericht München I. Es wies am heutigen Dienstag in einer Zivilsache die Berufung des Aktionskünstlers Wolfram Kastner ab. Kastner soll nun endgültig die Reinigungskosten über 4088,34 Euro brutto erstatten, die entstanden waren, weil er das Grab mit roter Farbe beschmiert hatte - als Erinnerung an die Bluttaten des Generals.

Verschickter Buchstabe

"Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem verurteilte Kriegsverbrecher geehrt werden", erklärt Kastner in einem Telefongespräch seine Aktion. Kastner bezeichnet das Grab als "unerträglichen Missstand", ein "Ehrenmal", nur wenige Meter von der Herreninsel entfernt, wo die bundesdeutschen Verfassungsväter 1948 das Grundgesetz auf den Weg brachten.

Seiner Empörung verlieh Kastner gleich in vier plakativen Aktionen in den Jahren 2015 und 2016 Ausdruck: Zuerst klebte er ein Schild an das Steinkreuz, Aufschrift: "Keine Ehre dem Kriegsverbrecher". Dann brach er den Buchstaben J aus Jodls Namen, so dass nur noch ein "odl" verblieb, ein Dialektausdruck für Jauche oder Gülle. Das J schickte Kastner ans Deutsche Historische Museum nach Berlin.

Zweimal bemalte Kastner das Grab mit roter Farbe und schrieb das Wort "Kriegsverbrecher" auf den Stein. Kastner ist für provokative Aktionen bekannt, er protestiert zum Beispiel gegen bestimmte Straßenbenennungen und gegen Kriegerdenkmäler. Er beruft sich dabei auf die Kunst- und Meinungsfreiheit, so auch am Grab Jodls.

Jodl im Jahr 1945 bei den Nürnberger Prozessen
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Jodl im Jahr 1945 bei den Nürnberger Prozessen

Das wird gepflegt von einem Neffen der zweiten Ehefrau Jodls, Kinder gingen aus beiden Ehen nicht hervor. Der Neffe war über die Aktion schockiert, auch wenn er den kritischen Blick auf den Militär teilt. "Mein Mandant hat als Erbe für das Familiengrab Sorge zu tragen, nur darum geht es ihm", betont Thomas Jahn, der Rechtsanwalt des Neffen. Dieser sei nicht mit dem General verwandt, schon gar nicht identifiziere er sich mit dessen Taten.

Der Neffe wirft dem Künstler laut seinem Rechtsanwalt stattdessen vor: "Zur Gedenkstätte wurde das Grab erst durch Herr Kastner und seine strafrechtlich relevanten Aktionen." Mindestens einmal posierte eine Gruppe Neonazis vor dem Grab und verbreitete das Foto im Internet. Die Jodl-Verehrer versuchten sich sogar erfolglos an einer Putzaktion - der Neffe musste danach einen Steinmetz mit der Renovierung beauftragen.

Eisernes Kreuz aus Travertin

"Der Beklagte hat durch seine Aktionen das Eigentum des Klägers vorsätzlich und widerrechtlich verletzt", so befanden die Richter des Landgerichts München in ihrem Urteil. Ein solcher Eingriff sei nicht rechtens.

"Dass man sich über die Gestaltung der Grabstätte wegen der Ehrung, die Alfred Jodl darin zuteil wird, aufregen kann, ist nachvollziehbar", heißt es in dem Urteil. Denn der Grabstein am Chiemsee steht eher für eine ebenfalls vergangene Sicht auf das NS-Unrecht - die der frühen Bundesrepublik. Über Jodls Name ragt ein steinernes Kreuz aus Travertin auf, in dessen Basis ein Eisernes Kreuz als militärisches Abzeichen eingemeißelt ist. Der Rang und die Geburts- und Sterbedaten sind aufgeführt: 10.5.1890 bis 16.10.1946 - bei den Frauen scheinen die Jahreszahlen zu genügen. Und kein Hinweis auf Jodls Schuld.

Das Grab der Jodls auf dem Friedhof auf der Fraueninsel im Chiemsee, teilweise mit Plane abgedeckt. Alfred Jodl ist hier gar nicht bestattet, dennoch erinnert der Stein an ihn.
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Das Grab der Jodls auf dem Friedhof auf der Fraueninsel im Chiemsee, teilweise mit Plane abgedeckt. Alfred Jodl ist hier gar nicht bestattet, dennoch erinnert der Stein an ihn.

Also doch eine Art Ehrenmal? Dabei bestehen über die Schuld von Hitlers engstem militärischen Berater keinerlei Zweifel. Als Leiter des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) verantwortete Jodl den Vernichtungskrieg im Osten. Er unterzeichnete zum Beispiel den sogenannten Kommissarbefehl, wonach gefangene Kommissare der Roten Armee zu erschießen seien. Auch an den Deportationen der europäischen Juden war er beteiligt, er befahl die brutale Vertreibung norwegischer Bevölkerung aus dem Norden des Landes.

Zuständig ist die Gemeinde, nicht die Staatsregierung

"Lässt sich dieses Ehrenkreuz mit Ihrem Heimatgefühl und dem Heimatbegriff der Bayerischen Staatsregierung vereinbaren?", schrieb Kastner deshalb an den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder. Es gab zwei Landtagspetitionen zu dem Thema, doch die Landesregierung sah sich in der Sache nicht zuständig. Zuständig ist die kleine Inselgemeinde Chiemsee.

Die wollte das Grab zwischenzeitlich auflösen, weil die Nutzung auslief, und so nach langem Zögern das Problem lösen. Sie berief sich dabei auf den knappen Platz. Der Großneffe klagte, diesmal vor dem Verwaltungsgericht. Nach einem Ortstermin deuteten die Richter an, angesichts vieler freier Grabstellen werde die Argumentation vor Gericht wohl kaum durchgehen.

Zwischenzeitlich verdeckt eine gepflanzte Thuje den heiklen Namen. Im Oktober schlossen die beiden Parteien einen Vergleich: Die Nutzung soll verlängert werden, der Name und die Lebensdaten des Kriegsverbrechers soll künftig durch eine angebrachte Platte dauerhaft verborgen werden. Die ebenso neutrale wie alles offen lassende Inschrift: "Familie Jodl".

Kastner sagt, das seien alles nur Manöver der "Jodl-Schutztruppe". Weitere Aktionen an der Grabstätte sind ihm gerichtlich untersagt. Der Aktionskünstler will nun seine Botschaft außerhalb des Friedhofs unter die Leute tragen - auf dem lokalen Weihnachtsmarkt.



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