Alkoholsucht bei geistig Behinderten Ruf der Flasche

Deutlich mehr geistig Behinderte als früher leben in offenen Wohnformen. Doch mit der Selbständigkeit steigt offenbar das Risiko, alkoholabhängig zu werden. "Die Flaschen haben aus dem Supermarktregal nach mir gerufen", sagt ein Betroffener.

Stefan Thomas Kroeger/ DER SPIEGEL

Von Stephan Degenhardt


Mit großer Zuversicht war Heike Schröder* aus dem Behindertenheim in eine Wohngemeinschaft gezogen. Es war ein Zeichen der Anerkennung, ihre damaligen Betreuer der Diakonie hielten sie für selbständig. In der neuen WG in Ostwestfalen konnte die 40-Jährige zum ersten Mal in ihrem Leben selbst entscheiden, wann sie aufstand, was sie aß und wie sie ihre Freizeit verbrachte. Die Betreuer kamen nur noch zwei-, dreimal die Woche, um nach dem Rechten zu schauen.

Doch statt ihre neue Freiheit zu genießen, fühlte sich Heike Schröder, die seit ihrer Geburt geistig behindert ist, oft einsam. "Ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte." Sie ging in die Kneipe, um Anschluss zu finden. Biertrinken könne ja nicht schädlich sein, dachte sie; die Nichtbehinderten, die den ganzen Tag am Tresen saßen, taten es ja auch.

Als das Geld knapp wurde, ging sie zum Kiosk um die Ecke und kaufte Bier in Dosen. Das betäubte die Schwermut. Nüchtern hielt sie den Tag bald kaum noch aus. Heike Schröder ließ beim Kioskbesitzer anschreiben. Und als der irgendwann vorschlug, er könne doch die Schulden vergessen, wenn sie ganz nett zu ihm wäre, war ihr auch das egal.

"Auf die Selbständigkeit schlecht vorbereitet"

Weil sie am normalen Leben teilhaben sollen, wohnt eine wachsende Zahl geistig Behinderter nicht mehr in geschlossenen Heimen, sondern in offener Unterbringung. Nach Angaben der Sozialhilfeträger wohnten 2011 rund 140.000 Behinderte ambulant betreut - mehr als doppelt so viele wie 2005. Rund ein Viertel von ihnen war geistig behindert.

Seit 2009 verpflichtet die Uno-Behindertenrechtskonvention Deutschland, die Situation geistig Behinderter zu verbessern. Die Kommunen unterstützen das Ziel der Inklusion, zumal die ambulante Betreuung in Wohnungen billiger ist als eine Rundumversorgung im Heim.

Doch für Behinderte, die selbständig leben, ist es genauso leicht wie für Nichtbehinderte, an Alkohol zu kommen. Bier oder Schnaps gibt es an jeder Ecke. Für ihre Arbeit in Behindertenwerkstätten erhalten sie zwar nur ein Taschengeld, wenn aber die Grundsicherung vom Sozialamt dazukommt, reicht es allemal für ein paar Flaschen Billigfusel.

Wie viele geistig Behinderte in die Alkoholsucht abgleiten, ist nicht bekannt. Doch die Münsteraner Sozialtherapeutin Marja Kretschmann-Weelink befragte vor zwei Jahren Mitarbeiter der nordrhein-westfälischen Behindertenhilfe: Drei Viertel der Beschäftigten für ambulant betreute Wohnprojekte berichteten von Problemen mit Bewohnern, die tranken oder Drogen nahmen. Auch in stationären Einrichtungen gibt es solche Probleme, aber seltener: Nur gut die Hälfte der Beschäftigten berichtete davon.

Kretschmann-Weelink untersuchte die Ursachen, die Menschen mit geistiger Behinderung süchtig machen. "Viele sind auf die wachsende Selbständigkeit schlecht vorbereitet", sagt die Pädagogin. Zudem fühle sich in vielen Fällen niemand zuständig, etwas gegen den Alkoholismus zu unternehmen.

Zwei Lamas in Pflege

Heike Schröder hatte Glück, vor drei Jahren griff ihre damalige gesetzliche Betreuerin ein. Sie fand eine Therapiegruppe auf dem Wittekindshof, einer Behinderteneinrichtung der Diakonie in Ostwestfalen.

Auch Peter Justmann*, 55, kam dorthin, nachdem die Polizei ihn mit 5,8 Promille auf der Straße liegend gefunden hatte - ein Pegel, der die meisten Menschen umbringt. "Die Flaschen haben aus dem Supermarktregal nach mir gerufen", sagt er. Meistens habe er den Kräuterlikör schon vor der Kasse aufgeschraubt und ausgetrunken.

Wie alle anderen Abhängigen durfte der geistig behinderte Mann den umzäunten Außenbereich zunächst nur in Begleitung eines Betreuers verlassen. Der Psychologe Stephan Buschkämper ließ ihn täglich in den Alkoholtester pusten. Erst als er schon einige Wochen abstinent war, durfte er allein in den Supermarkt gehen, ein paar Monate später allein auf den Jahrmarkt, inzwischen arbeitet Peter Justmann in einer Tischlerei.

Auf dem Wittekindshof haben die Alkoholkranken eine besondere Aufgabe: Sie pflegen zwei Lamas, besuchen mit ihnen Kitas und Schulen. Dort zeigen sie den Kindern, wie man die Tiere führt und füttert. Auf diese Weise sollen die Behinderten lernen, Verantwortung zu übernehmen - nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.

"Schlechte Gefühle sind ein Warnzeichen"

Doch deutschlandweit gibt es kaum Therapieangebote für süchtige geistig Behinderte. Am Hamburger Krankenhaus Alsterdorf können diese zwar einen dreiwöchigen körperlichen Entzug machen, aber wenn Sozialpädagoge Gerd Lilienthal dann herumtelefoniert, um ihnen einen Therapieplatz zu verschaffen, hört er meistens, dass man solche Patienten überhaupt nicht therapieren könne.

Die Suchtklinik Oldenburger Land zeigt, dass es anders geht. Dort arbeitet die Therapeutin Susanna Funke. Eine Patientin soll an diesem Tag entlassen werden. Sie spricht von ihrer Furcht, draußen wieder mit dem Trinken anzufangen. Funke antwortet, dass die meisten Alkoholiker rückfällig werden, "weil sie schlechte Gefühle haben".

Funke sagt ihren Schützlingen, dass sie schlechte Gefühle nicht in sich hineinfressen dürften. "Schlechte Gefühle sind ein Warnzeichen", betont sie und wiederholt den Satz zweimal. Wenn ihre Botschaften einfach und klar seien, glaubt sie, werde sie auch verstanden.

Funkes Kollege Buschkämper und sein Team haben 14 Alkoholabhängige mit geistigen Handicaps seit 2006 auf dem Wittekindshof aufgenommen. Alle sind trocken, einige versuchen sich an einem Leben mit weniger Aufsicht. Buschkämper gäbe gern mehr geistig Behinderten eine zweite Chance auf ein Leben mit mehr Freiheit. Doch weil die Betreuung der Süchtigen so aufwendig und deshalb so teuer ist, musste er schon viele Anfragen ablehnen.

Heike Schröder hat Glück gehabt: Sie arbeitet in einer Wäscherei und ist nach zwei Jahren in der Therapiegruppe mit ihrem Lebensgefährten in eine eigene Wohnung auf dem Hof gezogen. Auch er ist behindert und trockener Alkoholiker. Weil alles gut läuft, dürfen die beiden wohl bald ins nahegelegene Dorf ziehen. Diesmal scheint Heike Schröder auf den Start in ein selbstbestimmtes Leben besser vorbereitet.

* Name von der Redaktion geändert



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