Nächtliches Alkoholverbot in Russland: "Mieten Sie Ihren Wodka"

Von Anastasia Offenberg, Moskau

Die Russen trinken zu viel - darum hat der Kreml verboten, nachts Alkohol zu kaufen. In der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk fanden gewitzte Unternehmer einen Ausweg: Sie vermieten Hochprozentiges.

Trickreich gegen das Verkaufsverbot: AlkoPresent verschenkt den Alkohol an die Kunden Zur Großansicht

Trickreich gegen das Verkaufsverbot: AlkoPresent verschenkt den Alkohol an die Kunden

Wenn ein Präsident sein Land modernisieren will, dann kann er das nicht allein. Das Volk muss mitziehen. Das gilt vor allem für Russlands Noch-Präsidenten Dmitrij Medwedew: Er predigte während seiner Amtszeit oft Fortschritt - doch nicht immer mit Erfolg. So regte Medwedew seinerzeit ein Gesetz an, das den Alkoholverkauf landesweit von elf Uhr abends bis acht Uhr morgens verbietet. Nur ein nüchternes Volk könne nach vorne streben, so die Idee. Seit Anfang des Jahres ist das Gesetz in Kraft.

Der Bürgermeister von Nowosibirsk, Mitglied der Putin-Partei "Einiges Russland", weitete das Verkaufsverbot sogar jeweils um eine Stunde aus - von zehn Uhr abends bis neun Uhr morgens. Es sah aus, als wolle die mit rund anderthalb Millionen Einwohnern drittgrößte Stadt Russlands so etwas wie ein Modernisierungszentrum werden.

Wären da nicht ein paar findige Unternehmer.

Die Firma Dobroe Teplo, übersetzt "Gute Wärme", fand einen kreativen Ausweg aus der staatlich verordneten Abstinenz: Sie verpfändet Alkohol.

Der Erfinder von "Gute Wärme", ein Jungunternehmer, nennt sich im Internet "Litrwos", was übersetzt so viel wie "Überbringer des Liters" bedeutet. Über Telefon oder Internet bestellen seine Kunden einen Kurier an den Ort ihres Besäufnisses. Der Kurier leiht sich Geld beim Kunden, das dem Wert des Wodkas, Gins oder Whiskys entspricht, den "Gute Wärme" als Pfand hinterlässt.

Betrunkene per Videobeweis überführt

Bis zehn Uhr morgens kann der Kunde das geliehene Geld zurückverlangen, wenn er die Flasche ungeöffnet zurückgibt. Das soll bisher allerdings noch nicht vorgekommen sein.

Eine andere Nowosibirsker Firma geht noch einen Schritt weiter. AlkoPresent verschenkt den Alkohol an die Kunden. Diese müssen lediglich einen Schlüsselanhänger für umgerechnet 15 Euro oder eine Anstecknadel für 50 Euro kaufen. Und die Flasche bekommen die Käufer als ein Dankeschön dazu.

Die örtlichen Juristen stellen sich hinter die Geschäftemacher: Alkohol zu verpfänden oder zu verschenken, verstoße gegen kein Gesetz, finden sie.

Seit Jahrhunderten ist die Trinksucht in Russland ein Problem. Laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) trinken die Russen im Durchschnitt 16 Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, das sind drei Liter mehr, als Deutsche konsumieren. Russland liegt damit auf dem vierten Platz der europäischen Alkohol-Statistik, hinter Moldawien, Tschechien und Ungarn.

Oft schon im frühen Teenager-Alter betrinken sich Jugendliche mit Hochprozentigem. Jedes Jahr sterben nach Schätzungen russischer Wissenschaftler rund eine halbe Million Menschen an Alkoholvergiftungen oder an den indirekten Folgen des Alkoholismus.

Besonders Dorfbewohner sind stark betroffen. Jeder zweite greift dort regelmäßig zur Flasche, darunter auch viele Frauen. Juri Schamow, der Bürgermeister der unweit der Wolgastadt Nischnij Nowgorod gelegenen Siedlung Wassiljewka, ließ deshalb in seinem Dorf 19 Kameras aufhängen. Wer betrunken gefilmt wird - ob bei der Arbeit oder nach Feierabend - verliert sein gesamtes Monatsgehalt. "Nun sind alle nüchtern auf dem Feld", sagt Schamow.

Schwieriger Kampf gegen den grünen Drachen

Der russische Staat hat zwar eine Anti-Alkoholkampagne eingeleitet, andererseits profitiert er traditionell von der Alkoholsteuer. Die erste Kneipe in Moskau ließ Zar Iwan der Schreckliche im 16. Jahrhundert eröffnen. Eine Speisekarte gab es dort nicht: Die Garde Iwans sollte sich schnell betrinken und dadurch dabei helfen, das Budget des durch Kriege verschuldeten Staates wieder in Ordnung zu bringen.

Auch zu Sowjetzeiten bestritt der Staat einen Teil seiner Ausgaben mit Einnahmen aus dem Alkoholgeschäft. Im modernen Russland werden nun auch Privatunternehmer durch den Alkoholverkauf reich. Das Vermögen des Wodka-Oligarchen Rustam Tariko beläuft sich auf 1,1 Milliarden Dollar.

Doch wer wie Präsident Medwedew die Lebenserwartung der Russen erhöhen will, kommt an einer Anti-Alkoholkampagne nicht vorbei. Im Kampf gegen den grünen Drachen, so nannten die Russen vor Jahrhunderten die Alkoholgefahr, ist jedoch schon Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der Sowjetunion, gescheitert.

"Die kraftloseste und schmählichste Zeit im Leben meines Volkes ist die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Ladeneröffnung" schrieb in den achtziger Jahren der Schriftsteller Wenedikt Jerofejew. Damals hatten die Geschäfte in der Nacht generell geschlossen, Wodka konnte nicht gekauft werden. Die findigen Unternehmer von Nowosibirsk haben Jerofejews Klage offenkundig erhört.

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1. Wie bei uns
Bundeskanzler20XX 02.04.2012
Zitat von sysopDie Russen trinken zu viel - darum hat der Kreml verboten, nachts Alkohol zu kaufen. In der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk fanden gewitzte Unternehmer einen Ausweg: Sie vermieten Hochprozentiges. Nächtliches Alkoholverbot in Russland: "Mieten Sie Ihren Wodka" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822451,00.html)
Die Politiker Russlands zeigen den gleichen Aktionismus wie unsere geliebten Politiker daheim. Die wollen den Alkoholsüchtigen scheinbar unter zwang ausnüchtern... Allerdings nur nachts?! Sehr interessant... Wenn die herren wirklich am Alkoholismus etwas ändern wollen sollten sie vielleicht in den Schulen anfangen und den Kindern etwas beibringen.
2. Heiliges Russland!
Layer_8 02.04.2012
Zitat von sysopDie Russen trinken zu viel - darum hat der Kreml verboten, nachts Alkohol zu kaufen. In der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk fanden gewitzte Unternehmer einen Ausweg: Sie vermieten Hochprozentiges. Nächtliches Alkoholverbot in Russland: "Mieten Sie Ihren Wodka" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822451,00.html)
Ich war mal dort. Für 2 Wochen. 1982. Ich war 18. FRG, nicht GDR. Jugend/Völkerverständigung, Helmut Schmidt sei Dank. Moskau. MOCKBA. Positiv fing dort jeder Tag an. 100 Gramm Wodka nach dem Frühstück. Für den Frieden und die Freundschaft. Und Kaviar und Krimsekt gabs dann am Abend. Potemkin ließ grüßen, hihi........
3.
glen13 02.04.2012
Zitat von sysopLaut Statistik der Weltgesundheitsorganisation (WHO) trinken die Russen im Durchschnitt 16 Liter reinen Alkohol pro Kopf und Jahr, das sind drei Liter mehr, als Deutsche konsumieren. Russland liegt damit auf dem vierten Platz der europäischen Alkohol-Statistik, hinter Moldawien, Tschechien und Ungarn. Nächtliches Alkoholverbot in Russland: "Mieten Sie Ihren Wodka" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822451,00.html)
Mich erstaunt nicht so sehr die gute Geschäftsidee, sondern dass Russen nur 3 Liter Alkohol im Jahr mehr trinken als Deutsche. Wir trinken nur knapp 19 % weniger als die Russen?
4. Immer diese Flüchtigkeitsfehler...
furu 02.04.2012
Zitat von sysop...Eine andere Nowosibirsker Firma geht noch einen Schritt weiter. AlkoPresent verschenkt den Alkohol an die Kunden...
Auf dem Bild steht Rostov/Don...
5. Klar, die Russen
glad07 02.04.2012
Zitat von sysopDie Russen trinken zu viel - darum hat der Kreml verboten, nachts Alkohol zu kaufen. In der sibirischen Millionenstadt Nowosibirsk fanden gewitzte Unternehmer einen Ausweg: Sie vermieten Hochprozentiges. Nächtliches Alkoholverbot in Russland: "Mieten Sie Ihren Wodka" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,822451,00.html)
"Über Telefon oder Internet bestellen seine Kunden einen Kurier an den Ort ihres Besäufnisses." Bei den Deutschen wäre so etwas Party/nette Runde/Feier genannt, auch wenn -aus meiner eigener Erfahrung-nicht weniger getrunken wird (auch wenn's anstatt Wodka Brandy oder Wisky ist.) Wenn es um Russen geht dann ist es ja kein Problem alles ind em Schmutz zu ziehen, deswegen kann an ja auch von Besäufnis schreiben.
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