Suche nach Alligatorschildkröte im Allgäu: "Man muss jetzt nicht die GSG 9 einschalten"

Von , München

Suche in Irsee: Lotti, das Sommerphantom Fotos
DPA

Ist sie noch da? Gibt es sie überhaupt? Die Allgäuer Gemeinde Irsee jagt eine Alligatorschildkröte, die in einem Badesee einem Jungen die Achillessehne durchtrennt haben soll. Jetzt kommen Biberfallen und Nachtsichtgeräte zum Einsatz. Sollte auch das nicht helfen, könnte es teuer werden.

Selbst abends kommt Irsee kaum noch zur Ruhe. Andreas Lieb musste einschreiten, als er am Dienstag gegen 22 Uhr auf dem Gelände rund um den Oggenrieder Weiher im Allgäu unterwegs war und auf vier Personen aufmerksam wurde, die in der Dunkelheit hantierten. Der Bürgermeister von Irsee verwies die unerwünschten Gäste des Platzes. "Das waren Profis", sagt der CSU-Politiker. Sie seien mit Hochleistungstaschenlampen und Schutzkleidung ausgestattet gewesen.

Angelockt wurden die nächtlichen Besucher von dem Vorfall, der die bayerische Gemeinde mit rund 1400 Einwohnern seit Tagen in Aufregung versetzt: Ein achtjähriger Junge war im See verletzt worden, eine Achillessehne wurde durchtrennt. Experten gehen davon aus, dass die Verletzung von einer Alligatorschildkröte verursacht wurde.

Seitdem läuft die Suche nach der Schildkröte, die inzwischen einen Namen hat: Lotti. Die Taufe kommt einem Ritterschlag gleich: Damit wird Lotti bis in alle Ewigkeiten als das Sommerlochtier 2013 in Erinnerung bleiben, als Nachfolgerin von Yvonne, der Kuh, Bruno, dem Problembären, und Heidi, dem schielenden Opossum.

Nur: Während die Existenz von Yvonne, Bruno und Heidi durch Fotos und Filme bewiesen war, ist Lotti ein Phantom. Genaugenommen sucht Irsee also noch nach seinem Sommertier. Und das tut es intensiv.

In dem Ort ist vieles nicht mehr so, wie es vor dem Vorfall war: Das Wasser des Weihers wurde abgelassen, das Gelände gesperrt ("Vorsicht!Uferbereich wegen Schnappschildkröte bitte nicht betreten!"), die zuvor gefangenen Fische schwimmen in einem zwei Kilometer entfernten Teich. Der Ort hat jetzt sogar einen Krisenstab, bestehend aus dem Bürgermeister, einem Vertreter des Landratsamts, dem Feuerwehrkommandanten, der Polizei sowie einem Naturschutzbeauftragten. Acht Vertreter von der Münchner Reptilienauffangstation waren am Dienstag nach Irsee gekommen, um sich durch den Schlamm zu wühlen, auch ein Hundeführer mit Spürhund half mit.

"Selbsternannte Tiermediatoren und Esoteriker"

Die Suche blieb ergebnislos. Was für ein Sommertheater! An diesem Mittwoch wurden fünf Biberfallen aufgestellt, Fischköder sollen Lotti anlocken. So könnte Lotti lebendig gefangen werden, wie Bürgermeister Lieb sagt.

Noch niemand hat das Reptil bislang gesehen, es spricht aber viel dafür, dass die Verletzung des Jungen von einer Geierschildkröte stammt, einer Unterart der Gattung Alligatorschildkröte. Die stichförmigen Verletzungen des Jungen würden zu den Unterkieferhaken einer solchen Schildkröte passen, sagt Markus Baur von der Reptilienauffangstation. Man könne demnach nicht ausschließen, dass eine solche Schildkröte - die Gattung ist in den USA beheimatet - an dem Vorfall beteiligt war.

Baur stand am Dienstag in Irsee selbst mehrere Stunden im Schlamm. Ähnlich mühsam wie die erfolglose Suche sei der große Auflauf von Neugierigen gewesen, die die Arbeiten erschwert hätten, sagt Baur. "Da waren selbst alte Männer mit Rollator unterwegs." Auch "selbsternannte Tiermediatoren und Esoteriker" seien dabei gewesen, die den Verantwortlichen erklären wollten, wie man dem Reptil auf die Spur kommt. Es müsse jetzt aber Ruhe einkehren, um das Tier einfangen zu können, andernfalls bleibe die Alligatorschildkröte möglicherweise noch längere Zeit im Schlick versteckt.

Ganz einfach dürfte die Suche auch in den nächsten Tagen nicht werden. Ein Bach läuft auf einer Seite in den Weiher, auf der anderen gibt es einen Ablauf mit der Verbindung zu anderen Gewässern. Es sei daher denkbar, dass die Alligatorschildkröte inzwischen in einem Nachbartümpel stecke, sagt Baur.

"Bewegungsfaule Schildkröte"

Noch hat die Suchaktion keine besonderen Kosten verursacht. Die freiwillige Feuerwehr ist im Einsatz, auch andere Freiwillige haben geholfen. Zwei bis drei Monate will Bürgermeister Lieb warten, sollte Lotti dann noch nicht aufgetaucht sein, bleibt seiner Meinung nach nur eine Notlösung: Der Weiher müsste ausgebaggert werden. Lieb rechnet in einem solchen Fall mit Kosten in Höhe von 100.000 Euro.

Experte Baur warnt in der Angelegenheit vor Hysterie. Man habe es mit einer "bewegungsfaulen Schildkröte" zu tun. Geierschildkröten seien nicht aggressiv, Unfälle seien nur dann zu erwarten, wenn sich das Tier bedrängt fühle. "Man muss jetzt nicht die GSG 9 einschalten", sagt der Fachtierarzt für Reptilien. Mit ihren bisherigen Maßnahmen habe die Gemeinde "absolut richtig reagiert".

Woher die Schildkröte stammt, die in Irsee vermutet wird, ist unklar. Die Polizei geht dem Hinweis eines Anrufers nach. Dieser hatte behauptet, er wisse, wer das Tier in dem Weiher ausgesetzt habe. Man sei aber noch nicht vor der Lösung des Falls, sagte ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West.

Bürgermeister Lieb hofft, dass die Aufregung in seiner Gemeinde bald vorbei ist. Der 50-Jährige ist jetzt für ein paar Tage im Urlaub, den er wegen des Vorfalls am Oggenrieder Weiher spontan verschoben hatte. Sein Stellvertreter Bertram Sellner übernimmt in der Zeit die Pflichten. Er kündigte am Mittwoch bereits weitere Maßnahmen bei der Suche nach Lotti an. Der Weiher soll mit Nachtsichtkameras beobachtet werden. Sellner: "Wir legen uns jetzt auf die Lauer."

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1.
querulant_99 14.08.2013
Zitat von sysopIst sie noch da? Gibt es sie überhaupt? Die Allgäuer Gemeinde Irsee jagt eine Alligatorschildkröte, die in einem Badesee einem Jungen die Achillessehne durchtrennt haben soll. Jetzt kommen Biberfallen und Nachtsichtgeräte zum Einsatz. Sollte auch das nicht helfen, könnte es teuer werden. Allgäuer Gemeinde will Alligatorschildkröte mit Biberfallen fangen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/allgaeuer-gemeinde-will-alligatorschildkroete-mit-biberfallen-fangen-a-916575.html)
Ich vermute mal, da wird die deutsche Variante von "Nessie" gejagt, dem Ungeheuer vom schottischen Loch Ness.
2. Schaden
ediart 14.08.2013
so wie es aussieht wird hier ein ganzes Ökosystem umgepflügt nur wegen einer Schildkröte. Also, anbei ein Tipp alles mit Beton ausgießen.
3.
altebanane 14.08.2013
LOL ! Lieber Markus, ihr WART doch die GSG 9 - für Schildkröten halt :-))).
4. heftiger Streit ist entbrannt,ob die Gemeinde Irsee,
analyse 14.08.2013
jetzt in IRRSEE oder LOCH NESS umbenannt werden soll.Die einen sind für Ruhe,die anderen für Tourismus.
5. Einfach
panzerknacker51 14.08.2013
Zitat von sysopIst sie noch da? Gibt es sie überhaupt? Die Allgäuer Gemeinde Irsee jagt eine Alligatorschildkröte, die in einem Badesee einem Jungen die Achillessehne durchtrennt haben soll. Jetzt kommen Biberfallen und Nachtsichtgeräte zum Einsatz. Sollte auch das nicht helfen, könnte es teuer werden. Allgäuer Gemeinde will Alligatorschildkröte mit Biberfallen fangen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/allgaeuer-gemeinde-will-alligatorschildkroete-mit-biberfallen-fangen-a-916575.html)
... Warnschilder aufstellen mit 'ner Schidkröte drauf und Ruh' is'. Wer dann noch reingeht ist selbst schuld.
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