Als Berlinerin im Schwarzwald Gülle im Haar

Es gibt so viele Klischees über Landwirte: Rohe Menschen sollen sie sein, hart zu sich und ihren Tieren. Stimmt genau, dachte Barbara Bollwahn, als sie den "Hühnerbaron" kennenlernte. Die Berlinerin ist Stammgast im Schwarzwald-Dorf Schollach - mancher will sie für immer behalten.

Barbara Bollwahn

Barbara Bollwahn wusste, vorsichtig gesagt, wenig über den Schwarzwald und seine Bewohner, als sie das erste Mal in den Ort Schollach kam. Das "Dorfschreiber-Stipendium" brachte die Autorin vor zweieinhalb Jahren dorthin, vergeben vom Förderverein Kreatives Eisenbach.

Bollwahn lernte kauzige Menschen kennen - und ist heute eine regelmäßige Besucherin von Schollach. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet sie in einer Serie von ihren Kulturschocks im Schwarzwald.

"'S goht los!", hörte ich am späten Nachmittag jemanden vor dem Leibgedinghaus rufen. Es war Bauer Erwin vom Melcherhof. Er hatte eine Kuh dabei, die vom Bullen vom Beierleshof besprungen werden sollte. Erwin ist ein Junggeselle, der eine Reihe von Zutaten als Kandidat für "Bauer sucht Frau" mitbringt: nie verheiratet gewesen, mehr Erfahrungen mit Vierbeinern als mit Frauen.

Ich hatte Erwin schon zweimal auf seinem Hof besucht. Er weiß mittlerweile, was mich an dem Schwarzwalddorf interessiert. Ich war froh, dass er sein Gebiss trug. Lässt er es im Wasserglas, sieht er mit dem einzelnen Schneidezahn im Mund aus wie sein eigener Vater. Außerdem verstehe ich ihn mit den Dritten besser.

"Die isch rinderig", erklärte er und lud die Kuh aus dem Anhänger. Er fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf und entschuldigte sich lachend, weil ihm vorher aus einem Rohr Gülle auf das Haar getropft war. Kurz darauf erschien Bauer Klaus mit seinem kecken Filzhut und seinem Bullen. Er führte das mächtige Tier mit einem Stock am Nasenring und erinnerte an einen Zirkusdirektor in der Manege.

"Da kommscht zu spät"

Die beiden Bauern unterhielten sich beiläufig, während der Bulle hinter der Kuh in Position gebracht wurde. Nach einigen Sekunden half Bauer Klaus dem Bullen hoch, doch er kam nicht zum Zug. Die Kuh tänzelte herum und bot den Vorderhufen des Bullen keinen Halt auf ihrem Rücken. Die Bauern ließen einige Minuten verstreichen und versuchten es noch einmal. Nichts zu machen. Die Kuh blieb nicht stehen. Kurzerhand lud Erwin sie wieder in den Anhänger. Beim Herabfahren vom Hof gab er ein wenig zu viel Gas und knallte zweimal gegen einen Weidepfosten.

An der Lichtenbergschule im Schwarzwald-Ort Eisenbach, an der ich mit Viertklässlern ein Projekt im Deutschunterricht durchgeführt habe, musste ich oft an Bullen denken. Viele Neunjährige redeten mich nicht als Frau Bollwahn an, sondern als Frau Bullwahn. Ich musste neidlos anerkennen, dass mir die Kinder, vor allem die Jungs, bei anderen Sachen überlegen waren: Einige fuhren schwere Rasenmäher, als wären es Dreiräder, und auch riesige Traktoren. Natürlich nicht auf der Straße, sondern auf dem elterlichen Hof.

Ich aber lernte jeden Tag dazu. An einem Nachmittag nach der Schule brachte Bauer Klaus eine hochträchtige Kuh von der Weide auf den Hof. Es war eine Kuh der Rasse Braunvieh, die trotz des Namens von grauer Farbe ist. Ich erinnerte ihn daran, mir Bescheid zu geben, wenn es so weit ist, egal zu welcher Uhrzeit.

Porschefahrer und Ex-Porschefahrer am Kartentisch

Am nächsten Tag schaute ich nach der trächtigen Kuh und bekam einen Schreck. Aus ihrem Hinterteil hing ein schleimig-blutiger Batzen heraus. Ich rannte zum Wohnhaus gleich neben dem Stall und klingelte Sturm. "Schnell!", rief ich aufgeregt, "es ist so weit!!" Bäuerin Silvia öffnete die Tür, schaute mich amüsiert-verwundert an und sagte: "Da kommscht zu spät. S' Kälbli isch gestern Nacht allein uf die Welt gekommen."

Was ich als Zeichen einer bevorstehenden Geburt interpretiert hatte, war die Nachgeburt. Das war mir etwas peinlich. Ich ging in den Stall zurück, um das Bullenkalb in Augenschein zu nehmen. Ich wunderte mich, dass es nicht bei der Mutter war, sondern ein paar Meter weiter in einer Box stand. Mit seinem grauen Fell sah es ein wenig wie ein Esel aus. Ich wurde Zeuge, wie es sich auf seinen wackeligen Beinen erhob, und war ganz gerührt.

Natürlich gab ich die Geschichte im Bierhäusle zum Besten. Die Männer, die sich donnerstags am Stammtisch zur Cego-Runde treffen, nahmen sie amüsiert zur Kenntnis und widmeten sich den Tarockkarten. Zu der Runde gehörten der Wirt Guscht, Andreas, ein Zimmermann mit einem blau geschlagenen Nagel am Zeigefinger, Thomas, den ich nur im Blaumann kenne, ein Rentner und ein Bäcker, dessen "Backhäusle" so gut läuft, dass er sich einen Porsche leisten kann, einen gelben, wenn auch nur gebraucht.

Als Zuschauer war Dieter dabei, der zurückhaltende Organist aus Eisenbach. Jeden Donnerstag bringt der Bäcker zwei Kuchenpakete mit, die bis zu ihrem Verzehr auf dem Klavier unter dem ausgestopften Wildschweinkopf abgelegt werden. Erst wenn um 23 Uhr die Kaffeemaschine "Magic" aus der Küche geholt und neben dem Tresen aufgestellt worden ist, wird er verspeist. Dann wird aus dem Stammtisch ein Kaffeekränzchen.

In der Cego-Runde saß ein bärtiger Mann mit Hosenträgern, den ich nicht kannte. Er stellte sich als Michael aus dem etwa zwölf Kilometer entfernten Linach vor, Besitzer eines Geflügelhofes mit 30.000 Legehennen. Ich verpasste ihm sogleich den Spitznamen "Hühnerbaron" und erfuhr, dass in Linach noch immer Adolf Hitler Ehrenbürger sei (zum Beweis legte Guscht eine Ortschronik vor) und dass der "Hühnerbaron" vor vielen Jahren von einer Frau verlassen wurde, die er für viel Geld aus Thailand in das entlegene Tal hatte kommen lassen.

Auch er hatte einmal einen Porsche, einen roten, der vor langer Zeit schon an einer Leitplanke ein Ende fand. Zur Belustigung der Runde erzählte er, dass er gerne Friseur geworden wäre und wie er sich mit einer Schafschermaschine und ohne Spiegel selbst die Haare schneide. Dann gab er die unglaubliche Geschichte zum Besten, wie er sich einmal mit einem Bohrer, ebenfalls ohne Spiegel, selbst eine Plombe rausgebohrt, den Zahn "mit Gefühl" ausgefräst und mit schnell härtendem Harz gefüllt habe. Auch der "Hühnerbaron" wäre ein wunderbarer Kandidat für "Bauer sucht Frau".

Der Hühnerbaron pirscht sich ran

"Fort!", "Fort sole!", "Schuffle", "Cego!" fliegen die Ansagen über den Tisch. Ich verstand wieder mal nichts, durfte aber den Spielstand notieren. "Bisch ja Dorfschreiberin." Gern erklärte mir der "Hühnerbaron" noch einmal die Regeln des Spiels, das entgegen dem Uhrzeigersinn gespielt wird.

Die Zeiten, wo Hof und Haus verspielt wurden, sind längst vorbei. Im Bierhäusle wird um Centbeträge gespielt. Gegen Mitternacht schlief Guscht ein. Nicht wie so oft auf einem Stuhl am Stammtisch, sondern auf dem Tisch neben dem Klavier. Die Gäste wussten auch so, wo die Getränke stehen. Der Hühnerbaron schickte mir wenige Tage später eine SMS: "Ich glaube, du bist eine ganz nette." Ich werde ihm schonend beibringen müssen, dass ich nicht die fehlende Frau auf seinem Hof ersetzen werde.


Dieser Artikel ist der dritte Beitrag einer kleinen Serie auf SPIEGEL ONLINE, die ersten beiden finden Sie hier:

Teil 1: "Meine Herren, ich geh anschaffen!"

Teil 2: Die Strohleute von Höchenschwand

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insgesamt 3 Beiträge
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stefanbodensee 29.12.2011
1. Hort der Glückseligkeit
Ja, unser Bierhäusle, immer wieder ein Ort für Begegnungen der ganz besonderen Art - und so heimelig, man möchte gar nicht mehr weg. Und wenn dann noch der Vesperteller auf den Tisch kommt, dann haben die Warnungen vor den Wurst-Kalorienbomben eh keine Wirkung mehr. Ich freue mich schon auf meinen nächten Besuch - Frau Bullwahn ! ;-)
schwarzwaldcego 30.12.2011
2.
Zitat von sysopEs gibt so viele Klischees über Landwirte: Rohe Menschen sollen sie sein, hart zu sich und ihren Tieren. Stimmt genau, dachte Barbara Bollwahn, als sie den "Hühnerbaron" kennenlernte. Die Berlinerin ist Stammgast im Schwarzwald-Dorf Schollach - mancher will sie für immer behalten. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,805407,00.html
schwarzwaldcego 30.12.2011
3. Barbara Bollwahn trifft den Nagel auf den Kopf
Also der Artikel von Frau Bollwahn hat schon eine ganz besondere Anerkennung verdient. Besonderes Lob verdient ihre Beschreibung des kargen Schwarzwälders. Da trifft sie den Nagel auf den Kopf. Als Veranstalter der Cego-Schwarzwaldmeisterschaft kenne ich natürlich auch das Bierhiesli und den Guscht und den Wolfgang. Logisch auch den Wildsaukopf über dem Klavier. Es war eine wahre Freude den Artikel zu lesen. Bravourös zu erkennen, Barbaras Auge zum Motiv und zum Detail. Das werde ich auf jeden Fall weiterempfehlen. Rolf Erbert Schwarzwaldcego
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