Als Berlinerin im Schwarzwald "Liebe vergeht, Hektar besteht"

Zum Abschluss wird es wild im Schwarzwald-Dorf Schollach. Es steigt ein Feuerwehrfest und die Berliner Autorin Barbara Bollwahn steigt in die Luft. Es wird gesoffen, geflogen, gejagt - und verkuppelt.

Barbara Bollwahn

Barbara Bollwahn wusste, vorsichtig gesagt, wenig über den Schwarzwald und seine Bewohner, als sie das erste Mal in den Ort Schollach kam. Das "Dorfschreiber-Stipendium" brachte die Autorin vor zweieinhalb Jahren dorthin, vergeben vom Förderverein Kreatives Eisenbach.

Bollwahn lernte kauzige Menschen kennen - und ist heute eine regelmäßige Besucherin von Schollach. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet sie in einer Serie von ihren Kulturschocks im Schwarzwald.

Ich tauchte immer mehr ein ins Dorfleben und freute mich, als Bauer Klaus, auf dessen Hof ich wohnte und der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr von Schollach ist, mich bat, die Herbsthauptprobe mit der Kamera zu dokumentieren. "Blitzeinschlag und daraus resultierend ein Großbrand" lautete die Parole.

In Berlin würde ich nie auf die Idee kommen, mir eine Feuerwehrübung anzuschauen. Hier aber gehört so etwas zum Dorfleben wie die Quadriga zum Brandenburger Tor. 43 der 250 Einwohner von Schollach sind Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, sogenannte Floriansjünger.

Bevor die insgesamt 62 Feuerwehrmänner ihre Drehleitern ausfuhren, Wasser pumpten und Schläuche ausrollten, nahm ich eine Einladung des Fleischers an, dessen Schlachthaus direkt neben dem Feuerwehrhaus liegt. Er saß mit zwei Gehilfen im Aufenthaltsraum und holte eine Flasche Kirschwasser aus dem Spind. Kaum hatten wir angestoßen, war die Dorfstraße gesperrt und das erste rote Fahrzeug näherte sich mit lauter Sirene.

Zusammen mit Alexander Kuckes, dem parteilosen Bürgermeister der Gemeinde, der die Oberaufsicht hatte, lief ich zum Kaspilis Hisli, einem alten, verlassenen Haus im Ortskern, an dem die Übung durchgeführt werden sollte.

Viele Dorfbewohner standen vor ihren Häusern, beobachteten das Geschehen und freuten sich, wenn ganz nebenbei ihre Gärten gewässert wurden. Sie wussten, dass die Übung einen ernsthaften Hintergrund hat: Das Heranschaffen von Löschwasser ist ein Problem im Tal.

Deshalb haben die Schollacher Floriansjünger einen Anhänger erfunden und konstruiert, der als Tragspritzen- und Schlauchanhänger gleichermaßen dient. Damit dauert es keine fünf Minuten, bis ein Kilometer Schlauch während der Fahrt verlegt werden kann. Als die Übung zu Ende ging, dauerte es nicht lange, bis eine Flasche Kirschwasser auf dem Tisch stand.

"Das ist ein richtiger Vogel gewesen"

Mein Vertrauen zu den Schwarzwäldern war mittlerweile so groß, dass ich mein Schicksal in die Hände eines mir fremden Mannes legte. Alfred Rombach aus Waldau ist mit Familie Schuler, auf deren Hof ich wohnte, verwandt, und lud mich zu einem Rundflug über den Schwarzwald ein.

Der 64-jährige ist seit über 30 Jahren ein begeisterter Hobbypilot und war für einen Schwarzwälder äußerst gesprächig. Ich fand es lustig, mit einer C 42 B zu fliegen, einem 400 Kilogramm schweren Ultraleichtflugzeug - nur 290 Kilo schwerer als Rombach selbst. Locker schob er mit der rechten Hand die Maschine aus der Halle auf den Flugplatz in Reiselfingen. Mit den vier Fingern der linken Hand - der Zeigefinger ist in einer Holzsägemaschine geblieben - drehte er die Rotorblätter und erzählte, dass das Flugzeug von einem ehemaligen Testpiloten der Nationalen Volksarmee konstruiert worden sei. "Das ist ein richtiger Vogel gewesen."

Bevor wir in die Luft gingen, bot Rombach an, wegen der besseren Sicht die Tür neben meinem Sitz auszuhängen. Ich lehnte dankend ab. In wenigen Minuten waren wir auf 3500, bald auf 5000 und schließlich auf 6500 Fuß Höhe, was etwa 2000 Metern entspricht. "Aus dem Alter bin ich raus, wo ich kleine Mädchen erschrecken muss", sagte Rombach lachend und bot mir den Steuerknüppel an. "Willscht selber fliege?" Ich nahm das Angebot nur für wenige Sekunden an, für ein Erinnerungsfoto.

Rombach zeigte mit dem kleinen Finger der lädierten Hand auf alles, was wir überflogen: Seinen Hof samt den Mutterkühen auf der Weide, Freiburg, das Simonswälder Tal, den Kaiserstuhl, den Titisee, die Ravennaschlucht, das Höllental, die Hexenlochmühle, den Schluchsee, den Hotzenwald, eine Schneise, die Hermann Göring als Reichsjägermeister durch den Wald schlagen ließ, "um Gemsen im Höllental zu jagen", die Rothausbrauerei, den Feldberg und natürlich auch "mein" Schollach. Ich war begeistert, dass mir der ganze Schwarzwald zu Füßen lag.

Als einzige Frau auf der Jagd komme ich mir vor wie sonst ein Hahn im Korb

Abschluss meines Aufenthaltes war die Jagd, die Bauer Klaus veranstaltete. Ich ließ mich als Treiber einteilen. Etwa ein Dutzend Männer, unter ihnen ein Fleischer, ein Naturparkhüter und der Wirt vom Blessinghof, kam mit Jagdhunden und Gewehren auf den Beierleshof. Die Älteren hatten alte Gehstöcke mit integrierter Sitzgelegenheit dabei. Abgesehen von mir war es eine reine Männerveranstaltung.

Im Autokonvoi ging es in den Wald, wo die Jäger aufgeteilt wurden. Mit zwei erlegten Rehen kamen wir zum Mittagessen auf den Beierleshof zurück. Nach einer zweiten Runde im Wald lagen am frühen Abend sieben Rehe und ein Fuchs auf dem Hof. Bauer Klaus verkaufte die Rehe an den Blessinghof, wo sich am Abend alle zum Essen trafen.

Auf einer Leinwand wurden die Fotos und Filme gezeigt, die ich auf der Jagd gemacht hatte. Als ein Foto von Bauer Klaus auf einer Lichtung zu sehen war, fielen mir die Lichtungen direkt vor meiner Nase auf: die Halbglatzen der Jäger. Ich stieß Bauer Klaus in die Seite und wies ihn darauf hin, wir lachten wie zwei Schulkinder.

Als ich von der Toilette zurückkam, lagen 40 Euro auf meinem Platz - die Bezahlung für meine Treiberdienste. Ich konnte kaum glauben, dass ich für etwas Geld bekam, was mir unvergesslich bleiben wird.

Ich habe noch einen Stuhl im Schwarzwald

Manche haben noch einen Koffer in Berlin. Ich habe noch einen Stuhl im Schwarzwald. Maria Schuler, die alte Bäuerin vom Beierleshof hatte mir den Speicher ihres Leibgedinghauses gezeigt, wo ich inmitten alter Pferdeschlitten, Wagenräder und "altem Zig" einen schönen Stuhl mit ausladenden Armlehnen entdeckte. "De alt Schtuhl kasch ha, wenn du willschd", sagte sie. Der Tischler von Schollach hat ihn abgeschliffen und nun wartet das gute Stück auf eine Transportmöglichkeit nach Berlin.

Das Kälbchen, dem ich bei meinem ersten Aufenthalt in Schollach vor zweieinhalb Jahren auf die Welt geholfen habe und das meinen Namen bekam, hat am 16. Dezember ein Bullenkalb bekommen. Maria Schuler hat sich in ihrer Weihnachtskarte erkundigt, ob sich der "Hühnerbaron" gemeldet hat. Sie will mich noch immer mit ihm verkuppeln und mir fällt ein Spruch ein, den ich zum ersten Mal im Schwarzwald gehört habe: "Liebe vergeht, Hektar besteht."


Dieser Artikel ist der fünfte Beitrag einer kleinen Serie auf SPIEGEL ONLINE, die ersten vier finden Sie hier:

Teil 1: "Meine Herren, ich geh anschaffen!"

Teil 2: Die Strohleute von Höchenschwand

Teil 3: Gülle im Haar

Teil 4: Die letzte Schlacht



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
holyfetzer86 06.01.2012
1. Schöner Artikel, aber...
Zitat von sysopZum Abschluss wird es wild im Schwarzwald-Dorf Schollach. Es*steigt ein Feuerwehrfest und die Berliner Autorin Barbara Bollwahn steigt in die Luft.*Es wird gesoffen, geflogen, gejagt - und verkuppelt. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,807146,00.html
Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Gutmenschen aus den Löchern gekrochen kommen, um die Teilnahme an der Jagd anzuprangern und Vegetarismus per Bundestags-Beschluss zu fordern.
www.jagdaberfair.de 07.01.2012
2.
Wissen Sie, Frau Bollwahn, dass bei der Art der Jagd, welcher Sie beigewohnt haben, ein Tier im Durchschnitt 4mal beschossen wird, bevor es tot ist? Dass Rehe im Winter aufgrund des geringen Nahrungsangebotes eine Winterruhe halten und dadurch viele Körperfunktionen auf Sparflamme agieren? Dass durch großräumige Treibjagden im Winter diese Tiere lebenswichtige Energie verbrauchen, was entweder zu Pflanzenverbiss oder zum Tod durch Erschöpfung führt? Ich vermute, dass Sie all dies und vieles mehr über die Jagd und die Auswirkung diverser Jagdmethoden auf die Wildtiere nicht kennen. Schauen Sie doch mal auf www.wildtierschutz-deutschland.de vorbei. Vielleicht gehen Ihnen ja die Augen auf. Gruß Lovis Kauertz
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