Altenpflegeheim für Homosexuelle Heteros willkommen

Die Homoehe ist Realität, doch der Kampf für mehr Toleranz geht weiter. In Frankfurt ist Europas erstes Altenpflegeheim für Homosexuelle geplant. Es soll kein Ghetto werden, sondern ein offenes Haus mit Modellcharakter - auch für Heteros.

Von Nora Luttmer


Schwul-Lesbische Paare: Die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Homosexuellen nimmt zu
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Schwul-Lesbische Paare: Die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Homosexuellen nimmt zu

Schwule und Lesben als Inbegriff der hippen Spaßgesellschaft: schön, sexy und vor allem jung. Das Klischee stilisiert. Denn auch Homosexuelle altern - und immer mit der Angst, dass sie später ohne Familie dastehen. "Wohin dann mit uns?", fragt Dimitrios Panagiotou vom Verein Schwule 40plus. Ein herkömmliches Altenheim ist nicht immer die Lösung, Berichte über Diskriminierung schrecken ab. Homosexuelle in Frankfurt kämpfen daher für ihr eigenes Haus, das erste Europas.

Im Juli 1999 rief Walter Paul, Leiter des Frankfurter Pflegeheimes Heilandsgemeinde, den Verein AltenpfleGayheim in der Mainmetropole ins Leben. "Zuerst", erzählt er, "haben wir das politische Feld bestellt". Erfolgreich. Im Frankfurter Stadtparlament stieß die Idee auf große Zustimmung. Quer durch alle Parteien wurde Unterstützung zugesagt. Die Oberbürgermeisterin Petra Roth und andere Kommunalpolitiker traten sogar dem Förderverein Pro-AltenpfleGayheim bei.

"50.000 Homosexuelle in Frankfurt"

"Das Projekt ist kein Schnellschuss", lobt Stefan Majer, Stadtverordneter der Grünen, sondern bestens organisiert. Zuerst wollen die Initiatoren mehr über die Wünsche und Vorstellungen ihrer Zielgruppe herausfinden. Dazu sollen im September 10.000 Fragebögen an Schwule und Lesben über 45 im Rhein-Main-Gebiet verteilt werden. Die Stadt Frankfurt will die Umfrage mit 30.000 Mark unterstützen. Dies sei jedoch nur eine "Anschubfinanzierung", wie Stefan Majer die Zuschüsse nennt. Die Organisatoren würden davon ausgehen, dass das Haus später wie jedes andere Pflegeheim auch finanziert werde. Und dass die Ergebnisse der Umfrage auch umgesetzt werden, da ist sich der grüne Politiker sicher. "Der Personenkreis ist zu groß, allein in Frankfurt rechnen wir mit 50.000 Homosexuellen."

Versuch scheitert in Hamburg

Mitte der neunziger Jahre war bereits in Hamburg der Versuch gestartet worden, ein Altenheim für Homosexuelle zu bauen. Doch Anwohner hetzten, die Schwulen würden "eine Stricher- und Drogenszene nach sich ziehen". Daran, und an der Kostenfrage, scheiterte das Projekt. "Derartiger Widerstand ist in Frankfurt nicht zu befürchten", davon sind die Organisatoren des AltenpfleGayheimes überzeugt.

Der Verein klinkt sich in die allgemeine Diskussion um das Pflegesystem ein. "Für den Ausbau der Angebote für Alte brauchen wir auch spezifische Angebote für Minderheiten", erklärt Majer. Eine Gefahr der Ghettoisierung sieht er darin nicht. So sollen im AltenpfleGayheim die Menschen sozial und kulturell eng mit ihrem bisherigen Leben verbunden bleiben. Außerdem: "Heteros sind willkommen", verspricht Hans-Peter Hoogen von der Initiative Schwule 40plus. Das AltenpfleGayheim soll ein offenes Haus werden, für tolerante Menschen.

Eine kunterbunte Mischung also? "Klar, wir leben doch auch jetzt mit Heteros zusammen". Aber wozu ein AltenpfleGayheim, wenn dann doch Heteros dort wohnen? Wichtig sei, dass jeder tolerant ist. Natürlich müsse dann auch innerhalb der lesbisch-schwulen Gruppe "Toleranzarbeit" geleistet werden. "Wir sind ja auch nicht alle gleich", sagt Hoogen.

Angst vor Diskriminierung

Für viele pflegebedürftige Schwule und Lesben kommt die Initiative jedoch zu spät. Denn sie leben anonym und zurückgezogen in ihrer Wohnung oder im Heim. Die Angst vor Diskriminierung sitzt immer noch tief, immerhin war Homosexualität in Deutschland bis 1969 strafbar. Dennoch, auch die jüngere Generation wünscht sich noch ein spezielles Pflegeheim, das ihren Bedürfnissen nachkommt. Denn "tolerieren heißt noch lange nicht akzeptieren", erklärt der in einer festen Partnerschaft lebende Dimitrios Panagiotou. "Und ich will mich nicht verstecken, kann ich auch gar nicht mehr."

Diskriminierung gibt es immer noch. Ruth Welk, Psychologin und Mitglied bei dem Verein der Lesben 40plus, hält einen Schutzraum besonders im Alter für wichtig. "Sexualität im Alter ist immer ein Tabu. Doch das Bedürfnis ist da." Gerade demente Menschen könnten dies nicht verbergen. Die Pfleger wüssten damit oft nicht umzugehen. Eine gezieltere Ausbildung sei daher sinnvoll. Die Ärztin kennt noch ein zusätzliches Problem: "Viele Lesben empfinden es noch schlimmer als andere Frauen, von männlichen Pflegern angefasst zu werden." Auch Sprüche von Mitbewohnern wie "alte Jungfer, ewiger Junggeselle" seien häufig zu hören.

Letztendlich verwirklicht Walter Paul mit seinem Projekt nur die eine Idee: "Die Menschen sollen sich einfach mitbringen." Mit diesem Motto könnte das AltenpfleGayheim als Vorbild dienen für andere Heime. Denn dass "wir mit dem bisherigen Altenpflegesystem nicht mehr hinkommen", da ist sich der grüne Politiker Majer sicher. Mehr als die Hälfte aller Haushalte in Frankfurt würden von Singles bewohnt. "Wenn die alt werden, haben sie auch keine Familie, die sich um sie kümmert." Da sei es nicht mehr nur an den Homosexuellen zu sagen: "Wir müssen uns mehr Gedanken über unser Alter machen als andere."



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