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Altenpflegerin im Hospiz: "Ich kann Menschen helfen, schön zu sterben"

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Cora Franke vor ihrem Wohnzimmerfester: Ausblick ins Grüne

Cora Franke war Verkäuferin und Lkw-Fahrerin, heute kümmert sie sich im Hospiz um Todkranke. Ausgerechnet an diesem Ort findet sie ihr Glück: Nähe. Seit sechs Monaten wäscht, pflegt, tröstet sie Gertrude Schleyer. Die will nur eins: sterben.

Cora Franke schiebt Frau Schleyer das Nachthemd über den Kopf, fährt mit dem Lappen über die nackten Arme, wischt über die Hautlappen, die vom Oberschenkelknochen hängen. In das Gesicht der alten Dame massiert sie Creme, das Döschen stammt von Frau Schleyer selbst und Franke tut, was sie wünscht. Es ist Anti-Aging-Creme.

Draußen, hinter dem Fenster von Frau Schleyer, knallt die Sonne, Vögel zwitschern, zwei Kinder fliegen auf Schaukeln in die Höhe. Doch die Bilder dringen längst nicht mehr zu Frau Schleyer durch. Sie kann nicht mehr, sagt sie. Will sterben. Und eigentlich hätte es längst so weit sein sollen.

Hospize sind für Besucher bedrückende Orte. Nirgendwo sonst wird man derart konfrontiert mit Tod, Trauer, Abschied, Endlichkeit. Doch dann trifft man Menschen wie Cora Franke und Frau Schleyer, die nachts ihre Schlafbrille mit der Aufschrift "Sleeping Beauty" aufsetzt, die nicht gegen den Tod kämpft, sondern ihn herbeisehnt.

Seit 198 Tagen liegt Frau Schleyer im Hospiz. In ihrem Kopf steckt ein Tumor, hinten rechts, 4,4 Zentimeter lang, 3,9 Zentimeter breit. Das Ungetüm herauszuholen lohne sich nicht, entschieden die Ärzte kurz vor Weihnachten. Eine Heilung sei ausgeschlossen. Also liegt Frau Schleyer in ihrem Bett auf Zimmer vier und wartet auf den Tod. Wer hierher kommt, stirbt durchschnittlich nach 23 Tagen. Frau Schleyer wünscht sich, sie wäre Durchschnitt.

"Frau Schleyer kann strahlen wie ein Kind", sagt Altenpflegerin Franke. Von den neun Gästen im Haus sei die alte Dame ihr Liebling. So werden die Menschen im Hospiz genannt: Gäste.

Wieso entscheidet man sich, seinen Berufsalltag mit Sterbenden zu verbringen?

Feinkost, Lkw, Hospiz

Seit rund einem Jahr arbeitet Franke, 49, im Hospiz. Als Jugendliche hatte sie sich in einem Feinkosthaus zur Verkäuferin ausbilden lassen, später ist sie fünf Jahre lang Lkw gefahren. Hat sich durchgesetzt in dieser Männerwelt, sich wohlgefühlt. Trotzdem rieten ihr Freunde und Kollegen immer wieder, sie solle Pflegerin werden. Sie habe da ein Händchen, gehe ohne Scheu auf Menschen zu. Franke nahm die Ratschläge ernst, machte eine Ausbildung und war elf Jahre lang im ambulanten Dienst. Viel Hektik, wenig Zeit für Patienten.

Heute, im Hospiz, hat sie Ruhe mit den Menschen. Zeit, Nähe entstehen zu lassen. "Ich kann Menschen helfen, schön zu sterben." Schön, das meint: entspannt, friedlich, schmerzfrei.

Wenn Franke den nackten Rücken von Frau Schleyer mit Lavendelöl einreibt, die Bürste durch das Wattehaar zieht, die Nägel rund feilt, dann schenkt Frau Schleyer ihr ein Lächeln. "Ich hab Vertrauen zu Ihnen", sagt sie, die Worte kriechen sehr leise aus ihrem Mund, sie machen Franke glücklich. Andere Pfleger tragen beim Waschen und Eincremen Gummihandschuhe. Franke will Körperkontakt, will Nähe, unmittelbar. Zumindest, bis sie ihren Arbeitsplatz verlässt.

Niemals Mutter, niemals Ehefrau

Franke war 15 Jahre alt, als sie entschied, niemals Mutter zu werden. Sie wollte sich nie abhängig machen, sagt sie, ihre Arbeit nie aufgeben. Dass das schiefgehen kann, haben ihre Eltern vorgelebt: eine hässliche Scheidung, neue Ehen, neue Verletzungen. Bis heute kennt sie keine Muttergefühle. Und verliebt, das war sie in den Neunzigern zum letzten Mal. In einen Kollegen, der auch Lkw gefahren ist. Drei Jahre hielt die Beziehung, so lang wie keine andere. Aber er wollte ein gemeinsames Heim. Sie wollte selbstständig bleiben.

Nur einmal hat Franke mit einem Mann zusammengelebt, er stand mit seinen Sachen plötzlich vor ihrer Tür. Nach drei Wochen hat sie ihn rausgeschmissen. Sie konnte diese Art der Nähe nicht ertragen, sagt sie.

Im Hospiz genießt sie es, wenn Frau Schleyer nachts nach ihr klingelt. Sie setzt sich dann ans Bett der alten Dame, nimmt sie in den Arm, kuschelt. Sie sagt: "Das gibt Geborgenheit."

"Mich gibt's nur mit Markus"

Heute lebt Franke im Norden einer Großstadt, seit 16 Jahren auf denselben 42 Quadratmetern. Am Küchentisch ist Platz für zwei Personen, im Bett für eine. Wenn es nach ihr geht, wird sie niemals aus dieser Wohnung ausziehen.

"Ich fühle mich nicht einsam", sagt Franke. Da seien Freunde, der ältere Bruder. Und Menschen wie Frau Schleyer.

Ihre beste Freundin Sabine kennt Franke schon seit mehr als 30 Jahren, sie war bei einer Geburt, zwei Scheidungen und der dritten Trauung dabei. "Wir haben geheiratet", sagt Franke und meint die Hochzeit von Sabine und Peter. Sabine hat ihre Patientenverfügung und eine Vollmacht über ihr Konto. Franke hat nichts, um Sabines Angelegenheiten kümmert sich ihr Mann. Es sei eine liebevolle, harmonische Ehe, sagt Franke. "Ich bin da nicht neidisch."

Sie hat ihre eigenen Beziehungen zu Männern, zwei sind ihr besonders wichtig. Da ist ihr älterer Bruder, er ist zweimal geschieden und der einzige Mensch, zu dem Franke sagt: "Ich liebe dich." Und da ist Markus, 51. Franke kümmert sich seit zwölf Jahren um ihn, er ist nach einem Trampolinunfall gelähmt, kann nur noch seinen Kopf bewegen, selbst das fällt ihm schwer. Fünfmal im Monat fährt sie zu seinem Haus, begrüßt unten die Mutter, räumt auf, putzt. Dann geht sie hoch zu Markus' Bett, massiert ihn, wäscht ihn, wendet ihn, leert seine Blase. Er ist auf die Hilfe angewiesen, Franke wird für die Pflege bezahlt.

Seiner Mutter versichert sie immer wieder: "Meinen Markus, den lass ich nie alleine. Mich gibt's nur mit ihm." Sie fühle sich in der Familie angenommen, sagt Franke.

Abschied nehmen

Im Sommer ist Franke für drei Wochen in den Urlaub gefahren, mit dem Auto durch Norwegen, alleine. Sie hat nicht damit gerechnet, Frau Schleyer danach noch einmal zu sehen. Also hat sie ihren Lieblingsgast in den Arm genommen, gedrückt, Abschied genommen. "Nur nicht mit Worten, das wäre mir sehr schwer gefallen."

Wenn Frau Schleyer stirbt, wird Franke in ihrer Wohnung Abschied nehmen. Sie wird sich auf ihr graues Sofa setzen, ein Heftlein auf ihrem Schoß, darin in grüner Farbe die Namen der Menschen, die im Hospiz gestorben sind. "Gertrude Schleyer" wird die Liste ergänzen. Beim Schreiben wird klassische Musik laufen, Smetanas "Moldau" oder Bachs "Air". Das beruhigt, sagt Franke. Sie wird aus ihrem Wohnzimmerfenster blicken, wird die grünen Baumkronen hinter dem Glas sehen. Und sich freuen, dass Frau Schleyer sterben durfte.

Wer sich einmal an Franke erinnern wird? Sie weiß es nicht. Sie möchte auf einem Ruhehain begraben werden, sagt sie. Ohne Stein, ohne alles, ihr Grab soll sich selbst pflegen. "Es gibt ja keinen, der die Blumen gießen würde."

*Alle Namen sind von der Redaktion geändert

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