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Alternative Landwirtschaft: Chill-Zone fürs Vieh

Von Udo Taubitz

Jan Gerdes ist Bauer. Doch er will seine Kühe nicht melken, seine Schweine nicht verwursten, seinen Hühnern nicht die Eier stehlen. "Tiere sind keine Maschinen", findet er. Auf Hof Butenland nahe Bremerhaven dürfen die Viecher einfach nur leben. Von Kollegen wird Gerdes verspottet - und angefeindet.

Hof Butenland: Auf du und du mit der Kuh Fotos
Udo Taubitz

Da, wo andere Hunde Vorderpfoten haben, ist an Ulis Leib ein Drahtgestell auf Rädern montiert. Schwanzwedelnd rollt der schwarze Pinscher Richtung Hoftor. Dem Bullen Willem - imposant wie eine alte Dampflok - reicht eine langsame Kopfbewegung, um den Besuch abzuchecken. Alles in Ordnung, scheint er zu muhen: Seine Kuhdamen trotten gemütlich weiter über den Hof.

Bauer Gerdes stellt seine Mistschaufel an die Stallwand aus Backstein, schlappt in blauen Plastik-Crocs zum Tor, zieht es auf, das Tor quietscht, der Mittfünfziger lächelt scheu. "Hallo, ich bin Jan." Viel mehr sagt der Mann erst mal nicht. Über seiner mistigen Jeans trägt er ein Kapuzen-Shirt mit Aufdruck in großen Lettern: Viva la Soya. Das ist er also, der "Durchgeknallte"- wie ihn ein Nachbar bei der Frage nach dem Weg zum Kuhaltersheim schimpfte.

Ein bisschen verrückt klingt es in der Tat: Jan Gerdes ist Bauer. Doch er mag seine Kühe nicht melken, seine Schweine nicht verwursten und dass Hühner täglich Eier legen, ärgert ihn.

"Tiere sind keine Maschinen", findet er. Auf Hof Butenland nahe Bremerhaven dürfen die Viecher einfach nur leben. Ohne dass der Mensch sie nutzt oder gar tötet.

Die meisten Bewohner wurden in Tierfabriken "aussortiert" und von Gerdes und seinen Mitstreitern gerettet. Frieda, zum Beispiel, eine pechschwarze Kuh mit weißem Fleck auf der Stirn: Weil sie nicht genug Milch gab, musste sie als Gebärmaschine herhalten. Im Alter von sechs Jahren bekam sie schon das dritte Kälbchen. Es war ihr per Embryotransfer eingepflanzt worden, bei der Geburt erlitt Frieda einen Beckenbodenriss, konnte sich nicht mehr bewegen und sollte "entsorgt" werden. Gerdes kaufte das abgemagerte Tier vom Schlachter frei. Heute ist Frieda zwölf und eine leicht übergewichtige Dame, ihr Fell glänzt wie in der Shampoo-Werbung.

"Ganz schön mies, dass du deine Berufskollegen so in die Pfanne haust"

Enterich Eberhard faucht Besucher erst mal an. "Er mag lieber Frauen", sagt Karin Mück, die dreißig Jahre lang Krankenschwester in der Psychiatrie war und nun zusammen mit Jan Gerdes den Hof führt.

Eberhard stammt aus einer Entenmastanlage, wurde nebst einigen Schwestern von Tierschützern befreit. "Unter welchen Bedingungen Wassertiere in diesen Ställen leben müssen, das ist unerträglich", sagt Mück. "Sie können da nie schwimmen, dabei ist das das Wichtigste für sie."

Mück musste den Enten das Schwimmen erst beibringen. Eberhard ist noch immer wasserscheu. Genau wie Rudi. Der graue Eber diente früher Tierversuchen, jetzt ist er blind. Trotzdem stellt Jan Gerdes dem armen Schwein nicht einfach den Futtertrog vor die Schnauze, sondern verstreut die Pellets weitläufig im langen Gang des Stalles. "Schweine sind sehr intelligent", sagt er, "ohne Beschäftigung langweilen sie sich."

Angesichts solchen Treibens schütteln die Nachbarsbauern nur den Kopf. Kühe, die einfach nur so rumstehen? Beschäftigungstherapien für Schweine? "Am Anfang wurden wir ausgelacht", sagt Gerdes. "Mittlerweile schlägt der Spott so ein bisschen in Hass über. Die anderen Bauern sehen, dass zu uns viele Menschen kommen, die Dinge hinterfragen. Ein Nachbar sagte neulich zu mir: 'Ganz schön mies, dass du deine Berufskollegen so in die Pfanne haust.'"

"Wer gibt uns das Recht, Tiere auszubeuten?"

Das saß. Denn Landwirtschaftsmeister Gerdes will seinem Berufsstand zu neuen Ehren verhelfen - mit radikaler Abkehr von der Tierproduktion.

Früher war Butenland - wie die anderen rundum - ein konventioneller Milchbetrieb. Als Gerdes ihn vom Vater übernahm, stellte er auf Demeter-Zulieferung um. "Damals glaubte ich noch, dass Bio die Lösung ist." Aber bald bereitete ihm die Nutztierhaltung generell Bauchschmerzen: "Wer gibt uns das Recht, Tiere auszubeuten? Ich tat etwas, was ich eigentlich nicht tun wollte - und das hat mich krank gemacht."

Um chronischer Depression vorzubeugen, zog Gerdes einen Schlussstrich: Er bestellte einen Tiertransporter. Zu klein. Zehn Kühe passten nicht mit rauf. Weinend versprach Gerdes ihnen ein langes Leben in Würde. "Eine schwere Last fiel von mir", erinnert er sich.

Jan Gerdes gründete eine Stiftung, gab sein Hab und Gut hinein. Seine erwachsenen Söhne wollten ihn aus Angst um ihr Erbe entmündigen lassen. Bremsen konnten sie ihren Vater aber nicht: Hof Butenland verwandelte sich in Deutschlands erstes - und bislang einziges - Kuhaltersheim.

Wo mittlerweile eben auch Pferde, Schweine, Katzen und Kaninchen Gnade finden. Um die 120 Tiere sind es derzeit. So frei wie möglich dürfen sie sich auf dem Hof und den saftigen Salzwiesen dahinter bewegen.

"Mir geht es jetzt richtig gut"

Die friedliche Gemeinschaft von Mensch und Tier finanziert sich über Spenden, über Flächenprämien aus der EU-Kasse und ein altes Windrad, das im Nordseewind satt Strom produziert. Außerdem verkauft das Bauernpaar im Internet T-Shirts und Taschen mit "Ché Kuhvara"-Motiv und vermietet zwei hübsche Ferienwohnungen mit Blick auf den Garten. Zwischen alten Apfel- und Kastanienbäumen begegnet man auf Schritt und Tritt mehr oder minder großen Tieren. Manche sind scheu, manche lassen sich gern kraulen. Das demente Huhn Elvira lädt sich schon mal an den Frühstückstisch ein.

Auf dem Hof "können die Menschen die schöne Seite des Tierschutzes erleben", so Karin Mück. Manche Urlauber packten mit an. Familien mit Kindern warnt Mück allerdings: "Wir sind kein Animationsbetrieb mit Streichelzoo, Melken und Reiten."

Hof Butenland versteht sich als "Ort der respektvollen Begegnung zwischen Tier und Mensch". Auf Fleisch und Fisch sollen die Feriengäste - zumindest so lange sie auf dem Hof sind - bittschön verzichten. "Wir hatten schon Leute hier, die als passionierte Fleischesser kamen und als überzeugte Veganer nach Hause fuhren", sagt Mück. Mission erfüllt: "Wir wollen durch gutes Beispiel Liebe und Verständnis für die Tierwelt wecken", heißt es auf der Homepage der Stiftung. Und weiter: "Tiere sind keine Handelsgüter oder Produkte, sondern intelligente, denkende, fühlende und vor allem absolut liebenswerte Mitgeschöpfe."

Hof Butenland stößt in eine Marktlücke: Zwar sind die strikten Pflanzenfresser noch immer eine kleine Minderheit. Aber in Metropolen wie New York und Berlin breitet sich der Veggie-Lifestyle derzeit rasant aus. Immer mehr Menschen verzichten auf Tierprodukte, und sei es nur aus gesundheitlichen - also eher egoistischen - Gründen. Auch für Jan Gerdes ist der praktizierte Tierschutz eine Win-win-Situation: "Mir geht es jetzt richtig gut. Ich kann endlich nur noch das machen, was ich schon als Kind liebte: Tiere füttern und Trecker fahren."

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insgesamt 287 Beiträge
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1. Bauer?
Andromaxus 05.11.2010
Der Mann ist nicht Bauer. Er ist Haustierhalter.
2. Nicht Landwirtschaft sondern Tierpark
weltoffener_realist 05.11.2010
Zitat von sysopJan Gerdes ist Bauer. Doch er*will*seine Kühe nicht melken, seine Schweine nicht verwursten, seine Hühnern nicht die Eier stehlen. "Tiere sind keine Maschinen", findet er. Auf Hof Butenland nahe Bremerhaven dürfen die Viecher einfach nur leben. Von Kollegen wird Gerdes verspottet - und angefeindet. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,725263,00.html
Das Beschriebene hat mit Landwirtschaft nichts zu tun, Herr Gerdes betreibt schlicht einen Tierpark mit Nutztieren. Ich sehe nicht, inwiefern sich daraus für echte Landwirte etwas ableiten lässt.
3. Schön, dass es so etwas gibt
sophistson 05.11.2010
und Danke für die Berichterstattung.
4. Lieblingsartikel 2010
emc4 05.11.2010
... in so einer Welt will ich leben.
5. Nicht einmalig
birnstein 05.11.2010
Was soll daran denn so einmalig sein? Bei der Einrichtung handelt es sich um einen Gnadenhof und davon gibt es doch einige.
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Mit zwei Jahren wird die typische Milchkuh zum ersten Mal tragend gemacht, fast immer mit künstlichem Gerät. Die Milchproduktion setzt ein. Meist wird das Jungtier unmittelbar nach dem Abkalben von der Mutter getrennt, nach wenigen Tagen mit Ersatzmilch aufgezogen. Die Mutterkuh wird maschinell gemolken. Damit sie ständig Milch gibt, wird sie einmal im Jahr neu befruchtet. Während der Trächtigkeit wird das Tier weiter gemolken - eine extreme Doppelbelastung. Nach wenigen Jahren endet eine Milchkarriere beim Schlachter. In Freiheit lebende Kühe werden 20 Jahre alt.

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